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Schwandorf
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Ferienprogramm

Orgel zieht Kinder in ihren Bann

Kirchenmusiker Rainer Blommer erklärte Nittenaus Nachwuchs, was es mit der Königin der Instrumente auf sich hat.
Von Renate Ahrens

Alle Kinder durften einmal selbst die Tasten drücken und Register ziehen. Foto: Ahrens

Nittenau.Laut ertönen Orgeltöne an diesem sonnigen Mittwochmorgen in der Pfarrkirche in Nittenau – manche davon ein wenig schräg. Denn die etwa 30 Kinder bei der Orgelführung im Rahmen des Ferienprogramms dürfen sogar die Tasten selbst ausprobieren. „Wenn ich das so gut könnte wie Sie, würde ich den ganzen Tag spielen“, sagt ein Mädchen mit blonden Zöpfen ehrfürchtig zu Rainer Blommer, und der Kirchenmusiker lacht.

Viele Stunden am Tag müsse man jedoch dazu üben, gibt er zu bedenken. Ein anderes Mädchen meldet sich. „Ich habe früher Flöte gespielt, aber dann hatte ich keine Lust mehr“, sagt sie eifrig. Bei einer Orgel wäre das nie der Fall gewesen, ist sie überzeugt.

Wichtiger als der Hochaltar?

Die Orgel ist in einer Kirche das Allerwichtigste, so erfahren die Kinder zunächst von Museumsleiterin Carolin Schmuck. Als zum Beispiel 1779 ganz Nittenau bis auf ein einziges Haus und den Kirchturm abgebrannt sei, habe der Pfarrer alles in Bewegung gesetzt, um baldmöglich eine neue Orgel zu beschaffen, noch vor dem Hochaltar oder den Beichtstühlen. „Ohne Orgel ist kein Gottesdienst vorstellbar“, sagt Schmuck.

Natürlich bestaunen die Kinder auch die Orgelpfeifen – große, kleine, dicke und dünne. Man misst sie nicht in Meter und Zentimeter, sondern in Fuß; etwa 30 Zentimeter hat ein Fuß. „Die längste Pfeife hier ist 16 Fuß lang, also nimmt man das mal drei. Wie viel ist das in Metern?“, fragt Blommer listig, doch die Antwort ist nicht wie erwartet. „Wir haben doch Ferien!“, so ertönt es entrüstet. Rechnen steht jetzt nicht auf dem Plan.

Blommer lacht, und ein Junge weiß schließlich die Antwort. Blommer nickt. „Richtig, 4,80 Meter.“ Er öffnet die Tür, hinter der sich die vielen Orgelpfeifen befinden. „Je mehr Silber enthalten ist, umso heller und präziser ist der Klang. Bei zu wenig Silberanteil scheppert es“, deutet Blommer darauf, und jedes Kind darf auf die kleine Leiter steigen und die Pfeifen ganz nah bewundern.

Museumsleiterin Carolin Schmuck zeigt den Kindern die Tür des Notenschranks. Hier haben sich vor langer Zeit Lehrer verewigt, so steht zum Beispiel „Georg Pantoulier 1893“. Foto: tre

Manche Pfeifen sind aber auch aus Holz, so ist zu erkennen. Um verschiedene Tonhöhen, Klangfarben und Lautstärken zu erzeugen, verwendet man verschiedene Größen. Diese würden gruppenweise zu Registern zusammengefasst, die man an- und abschalten kann. „Hier, die Taste Tutti drückt man, wenn man alle Register spielen will.“ Das sei zum Beispiel kürzlich beim Feuerwehrfest nötig gewesen, als die ganze Kirche voller Menschen war. Tutti komme aus dem Lateinischen, genau wie der Begriff Manuale, und das sind die terrassenförmig liegenden Klaviaturen. „Latein war einmal eine wichtige Sprache, auch Asterix hat es gesprochen“, erläutert Blommer. Doch das hört sich schon wieder nach Schule an – viel interessanter ist dagegen das Pedal, das man mit den Füßen spielt und ebenfalls eine Klaviatur sei – wobei auch das Wort „Pedal“ aus dem Lateinischen käme.

Komplizierter wird es beim Motor. Jede Pfeifenorgel benötige Wind mit konstantem Druck. Früher, so staunen die Kinder, habe man einen Blasebalg treten müssen, um den Windstrom zu erzeugen. Das geschieht heute automatisch. Durch Rohrleitungen wird der Wind zu den Windladen geführt, auf denen die Pfeifenreihen der Register stehen. „Jedes Ventil ist mit einer Taste verbunden. Beim Klavier ist das Prinzip ganz anders, dort haut ein Hammer auf die Saite“, erklärt Blommer.

Erst einmal Klavier lernen!

Annabell (10) ist hingerissen. Unbedingt will sie auch spielen lernen, sagt sie. Doch eine ganze Orgel kaufen? Das gehe doch nicht, zweifelt sie, und sei für Zuhause viel zu laut. „Ein elektrisches Klavier, ähnlich einem Keyboard, kostet nicht viel und man kann es über Kopfhörer spielen“, ermuntert sie der Kirchenmusiker, voller Verständnis. Ohnehin sollte man erst Klavierspielen lernen, bevor man mit der Orgel beginnt.

Blommer zeigt seine Künste und spielt ein Postludium von Bach. Wie schön es doch klingt! Die Orgel könne, so sagt Blommer, auch Instrumente wie Flöte, Klavier oder Posaune imitieren, und drückt auf die entsprechenden Tasten.

Die Frontseite der Orgel, erklärt Carolin Schmuck bei einer abschließenden Führung durch die Kirche, werde Prospekt genannt. Hier in Nittenau sei es noch derselbe Prospekt wie damals, als die Orgel gebaut wurde, nur das Orgelwerk selbst sei mehrmals erneuert worden. Sogar hinter die Apsis dürfen die Kinder gehen. „Da wackelt ein Stein“, sagt ein Junge, als er über eine Bodenplatte läuft. „Ja, da ist eine Gruft darunter“, weiß die Museumsleiterin und alle schaudern. Wie spannend!

Schmuck deutet auf die Verzierungen am Altar. Echtes, geschlagenes Gold sei das, keine Bemalung, sagt sie. Was dagegen am Altar wie Marmor aussieht, sei Holz, und ein Trick der Maler gewesen. Am Ende waren sich fast alle Kinder sicher, später selbst Organist zu werden – doch zunächst einmal sind Ferien angesagt.

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Instrument hat 2700 Pfeifen

  • Probieren geht über studieren:

    Alle dürfen einmal in diese Orgelpfeife aus Holz blasen und einen Ton erzeugen. Sachte müsse man das machen, sagt Organist Blommer, als ob man einen Kirschkern ausspucke. Die langen Pfeifen erzeugen die tiefen Töne, die kleinen die hohen. Man unterscheidet zwischen Lippen- und Zungenpfeifen.

  • Besondere Herausforderung:

    Um die Lieder richtig spielen zu können, muss man Musiknoten lesen können. Eigentlich ist die Orgel ein Blasinstrument, das von Klaviaturen aus spielt. Dazu muss man drei Notenzeilen gleichzeitig lesen: rechte Hand, linke Hand, Füße. Die Besonderheit ist, dass jede der drei Stimmen anders klingt.

  • Funktionsweise:

    Mit den Registerzügen können die Register an- und abgeschaltet werden. Ein Register ist eine Reihe von Pfeifen gleicher Bauart und Klangart. Jede Pfeife eines Registers entspricht einer Taste der zugehörigen Klaviatur. Der nötige Wind wird von einem Gebläse erzeugt und zu den Pfeifen geführt.

  • Eindrucksvolle Zahlen:

    In der Nittenauer Pfarrkirche gibt es rund 2700 Orgelpfeifen in allen Größen, aus Metall und aus Holz. Die Längste ist 4,80 Meter lang. Vor der Erfindung des Elektromotors musste man mit den Füßen ununterbrochen lange Hebel auf und ab treten, an denen die Blasebälge befestigt waren.

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