Das älteste Opernhaus der südlichen Hemisphäre – Martin Wettges möchte es vor dem Verfall retten.
Von Wolfgang Ziegler, MZ
Martin Wettges hat einen Traum – und eine Trauminsel. „Mauritius“, sagt der gebürtige Oberpfälzer (27), „Mauritius ist für mich eine Herzensangelegenheit.“ Der junge Star-Dirigent aus Nittenau (Lkr. Schwandorf), der schon mit 24Jahren zum ersten Mal die Münchner Symphoniker und das Leipziger Gewandhausorchester leitete, meint damit nicht nur die Naturschönheiten des kleinen Eilandes im Indischen Ozean, für die er natürlich schwärmt und die er in jeder freien Minute erwandert. Er meint damit auch die Kulturszene des Landes, in der er eine tragende Rolle spielt. Im vergangenen Jahr wurde Martin Wettges zum musikalischen Direktor des alljährlichen Opern-Festivals von Mauritius berufen, sein Debüt gab er mit Georges Bizets „Die Perlenfischer“, heuer stand „Carmen“ auf dem Programm, im nächsten Jahr will er Verdis „La Traviata“ inszenieren.
Verfall eines Schatzkästchens
Wettges, der im Alter von sechs Jahren zur Musik kam, als die Familie das alte Klavier der verstorbenen Großmutter geerbt hatte, ist damit aber noch lange nicht am Ende seiner Träume angelangt. „Nur die wenigsten wissen, dass Mauritius eine lange Opern-Tradition hat. Schließlich steht in der Hauptstadt Port Louis auch das älteste Opernhaus der südlichen Hemisphäre“, erklärt er. Und genau dieses Vermächtnis will Wettges bewahren. „Mein Ziel ist es, das Festival irgendwann auf eben jene altehrwürdige Bühne zu bringen“, sagt er. Denn das alte Opernhaus sei eigentlich ein Schatzkästchen, gegenwärtig allerdings dem Verfall preisgegeben. „Eine Schande“ nennt dies Wettges, der sich ständig darum bemüht, Sponsorengelder zu akquirieren, „weil die Regierung jeden gespendeten Euro verdoppelt“ und er so seiner Vision Schritt für Schritt ein Stückchen näher kommt.
Martin Wettges (Bildmitte) präsentiert sich mit dem Carmen-Ensemble dem Publikum. Fotos: Ziegler
Feine Adressen
Doch nicht nur dafür ist der mauritische Staat bereit, Geld auszugeben. Auch und vor allem das „touristische Produkt“ soll der Hauptklientel – namentlich Franzosen, Briten, Südafrikaner, Italiener und Deutsche – künftig noch schmackhafter gemacht werden. Tourismusminister Nandoo Bodha (56) möchte seine Insel dazu als Luxus-Destination noch präziser positionieren und deutlich von der leidigen Konkurrenz im Norden, den Seychellen und den Malediven, abheben. Wie der gelernte Fernseh-Journalist gegenüber der MZ sagte, solle Mauritius neben seiner Stellung als Hochzeitsparadies, Tauch-Hotspot und Golf-„Spielplatz“ künftig auch als Mekka für Naturliebhaber und als Shopping-Paradies vermarktet werden. Bodha plant dazu auf den „grünen Wiesen“ des Landes nach eigenen Worten große Malls und Outlets, die trotz – relativ – günstiger Preise finanzkräftiges Publikum aus aller Welt anlocken sollen.
Auf die Reichen hat die kleine Insel mit dem großen Namen ohnehin von jeher ein Auge geworfen. Für die knapp eine Million Touristen, die Mauritius pro Jahr besuchen, stehen aktuell rund 100 Hotels zur Verfügung – mehr als ein Drittel davon High-Class- und Luxus-Resorts. Allein Beachcomber, einer der Pioniere der Tourismusindustrie auf Mauritius, betreibt neun Anlagen auf der Insel, darunter das Sechs-Sterne-Hotel „Royal Palm“ an der Nordwestküste mit Zimmerpreisen von 395bis 980 Euro pro Person und Nacht, das als edelste Adresse im Indischen Ozean gilt. Und auch die Namen der anderen Hotel-Ketten lesen sich wie das „Who’s who“ der internationalen Top-Hotellerie: Hilton, Le Méridien, Mövenpick, Oberoi, Four Seasons, Sheraton...
Dabei kann Mauritius auch gün-stig: Kleine, feine und nicht überteuerte Unterkünfte gibt es an den schöneren Strandabschnitten der Insel ebenso. Das Drei-Sterne-Hotel „Veranda“ in Pointe aux Biches nahe des Touristenpools Grand Baie mit seinen 105 Zimmern etwa, das von sich behauptet, das einzige „Barfuß-Hotel“ der Insel zu sein, wo man eine Übernachtung inkl. Halbpension schon ab ca. 90 Euro bekommt. Oder das in einer Lagune bei Mahébourg gelegene und speziell bei deutschen Urlaubern beliebte Vier-Sterne-Haus „Preskil“, in dem man pro Nacht inkl. Halbpension ebenfalls nicht viel mehr als 100 Euro bezahlt. Preiswerte Angebote findet man außerdem bei der TUI, die auf Mauritius 35 Hotels in ihrem Portfolio hat und einen siebentägigen Aufenthalt in diesen inkl. Flug und Halbpension bereits ab 1446 Euro anbietet.
Hoch konzentriert am Dirigenten-Pult des Opernhauses von Mauritius: Martin Wettges Foto: Opera Mauritius
Diese möglicherweise weniger „geldige“ Kundenschicht kommt auch dem am nächsten, was sich Dirigent Wettges unter „seinem“ Publikum vorstellt. Eine „Volksoper“ sei es, die er mittelfristig auf der Insel etablieren wolle, wie er sagt – mit und für Menschen, die vorher noch nie eine Oper erlebt hätten. Deshalb würden die Eintrittspreise auch schon bei 100 Rupien, umgerechnet ca. 2,50 Euro, beginnen. Von dem „intellektuellen Schaulaufen“ an europäischen Häusern hält er, der sich nach eigenen Worten an seinem Pult mehr als Filigran-Handwerker oder als Chirurg im OP-Saal denn als Künstler sieht, nämlich wenig. „Ein naiver Zugang macht die Oper erst liebenswert“, verrät Wettges sein Credo. Und auch ein zweiter Grundsatz, der ihm über die Lippen kommt, erinnert mehr an Christoph Schlingensief oder Werner Herzogs Filmfigur „Fitzcarraldo“: „Es ist nicht wichtig, wo ich bin, sondern wo ich Visionen umsetzen kann.“