Camagüey ist die Stadt Cubas mit den meisten Kirchen. Foto: Ziegler
Von Wolfgang Ziegler, MZ
Die Plaza del Carmen von Camagüey ist eine touristenfreie Zone an diesem Tag. Obwohl Temperaturen um die 25 Grad förmlich einladen zu einem Bummel durch die drittgrößte Stadt Cubas sind die Straßen wie leer gefegt. Ein paar Einheimische palavern vor ihren Häusern, Kinder streifen die Plaza auf dem Weg in die Schule, Hunde streunen durch die Gassen auf der Suche nach Essbarem. Urlauber – in diesem Teil Zentral-Cubas zumeist Globetrotter und Backpacker – sind nicht zu sehen.
Geraldo Garcia-Prada sitzt dennoch geduldig an eine Hauswand gelehnt auf einem hölzernen Hocker, betrachtet still die Bronzefigur vor ihm, die seine Züge trägt und die er schon x-mal gemustert hat. Er wartet – auf Freunde, um mit ihnen Backgammon zu spielen, auf Bekannte, um den neuesten Klatsch zu erfahren, auf Fremde, um ihnen ein bisschen von seiner Stadt zu erzählen. „Buenos“ flüstert er und schenkt sich wie so viele Cubaner das „días“. Und mit dem Finger auf das Standbild deutend, fügt er hinzu: „Soy yo“ – „das bin ich“. Tatsächlich stand der heute 92-jährige Mann Modell für die Skulptur auf der Plaza del Carmen, wo Plastiken Szenen aus dem Alltag Camagüeys wiedergeben. Mit einem Karren voller „Tinajones“ ist er dargestellt, weil die 300 000 Einwohner zählende Universitätsstadt im Herzen Cubas gerade für die bauchigen Tongefäße inselweit bekannt ist. Etwa 18 000 soll es einer jüngsten Zählung nach geben. „Doch Camagüey ist nicht nur die Stadt der Tinajones, sondern auch die Stadt, in der das reinste Spanisch gesprochen wird, die Stadt mit den meisten Kirchen Cubas, die Stadt mit den schönsten Frauen und die Stadt der Legenden“, zählt er voller Stolz auf.
Die Legende von den „Tinajones“
Eine davon rankt sich natürlich um seine „Tinajones“, und die hat der alte Mann vermutlich schon Tausenden von Touristen erzählt: „Jeder Fremde, der Wasser aus den Tongefäßen trinkt, wird sich in Camagüey verlieben und immer wieder zurückkehren.“ Ursprünglich erfüllten die handgearbeiteten, teilweise mannshohen Krüge allerdings einen profanen Zweck. Da die Zentralebene Cubas mit ihren spröden Kalkböden an notorischem Wassermangel litt, begann man im 16. Jahrhundert damit, „Tinajones“ herzustellen und fing darin das Regenwasser auf. Nicht zuletzt deshalb wurde der Reichtum einer Familie damals auch an der Zahl ihrer „Tinajones“ gemessen. Viele der bis heute erhaltenen Exemplare stammen allerdings aus dem 19. Jahrhundert und jene, die auf Plätzen oder in Gärten als Foto-Motive dienen, sind fast allesamt Nachbildungen. Einzig einer der Tonkrüge im Klostergarten der Iglesia de la Soledad, der ältesten und gleichzeitig schönsten Kirche Camagüeys, ist noch ein Original aus dem Jahre 1760.
Für die Tinajones, bauchige Tongefäße, ist Camagüey inselweit bekannt. Foto: Ziegler
Überhaupt ist man in der Stadt, über die die Türme von acht Gotteshäuser wachen, bedacht auf seine Kirchen – wie seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. im Januar 1998 übrigens auf ganz Cuba. „Seitdem ist der 25. Dezember auch ein Feiertag“, erzählt Geraldo, der inzwischen in einem „asilo“, einem Altenheim, lebt, wo „navidad“, also Weihnachten, sehr zu seiner Freude gefeiert wird. Und seitdem ,el Papa‘ damals bei Fidel Castro gewesen sei, mache der cubanische Staat sogar wieder Gelder für Baumaßnahmen in den Gotteshäusern locker. „Nur deshalb wird überall saniert, restauriert und die Kirchen ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt“, freut sich der „Viejo“, der alte Mann, der selbst regelmäßig den Gottesdienst besucht, aber mit einem verschmitzten Lächeln hinzufügt: „Pero no solo por los dios, sino también por las mujeres muy lindas“ – „Aber nicht nur wegen Gott, sondern auch wegen der schönen Frauen“, die er dort angeblich trifft. Geraldo ist eben auch mit seinen 92 Jahren noch ein echter Cubaner…
Aber so ganz Unrecht scheint er nicht zu haben: Denn gerade Camagüey ist stolz auf seine schönen Frauen und landauf landab dafür auch bekannt. Spricht man im Volksmund von einer „Camagüeyana“, ist damit nicht zwangsläufig gesagt, dass die Frau aus Camagüey kommt, sondern zunächst einmal, dass sie sehr gut aus sieht.
Die Ceiba der Quinta
Amelia Simoni war eine dieser schönen und starken Frauen, die im Jahr 1868 gegen den Willen ihrer wohlhabenden Eltern den – heute – berühmtesten Sohn der Stadt, Ignacio Agramonte, heiratete. Der Rechtsanwalt und Widerstandskämpfer gegen die spanischen Besatzer, der als „Held von Camagüey“ in die Geschichtsbücher einging und maßgeblich an der ersten cubanischen Verfassung mit wirkte, ist im Stadtbild quasi allgegenwärtig. Doch nicht nur Agramontes Geburtshaus wurde inzwischen in ein Museum umgewandelt, auch die Quinta in der Calle General Gomez, in der Amalia Simoni das Licht der Welt erblickte, kann heute besichtigt werden. Weniger interessant ist allerdings das Original-Mobiliar aus dem 19.Jahrhundert, als vielmehr eine uralte Ceiba im Garten des Anwesens. Denn der mit dem afrikanischen Baobab verwandte Kapok-Baum steht – wie könnte es in Camagüey anders sein – natürlich im Mittelpunkt einer weiteren Legende.
Geraldo Garcia-Prada neben der Bronzefigur, die seine Züge trägt Foto: Ziegler
Sie besagt, dass die Heilige Barbara, die man in der afro-cubanischen Santería als Donner-Göttin „Changó“ verehrt, zwei Schwarzafrikanern als rot-weiße Gestalt mit einer Axt in der Hand erschienen war. Der Sage nach war sie auf der Flucht und bat einen Maulesel um Hilfe, die ihr dieser aber verweigerte. Daraufhin verfluchte „Changó“ den Maulesel zur ewigen Kinderlosigkeit weshalb die Tiere bis heute zeugungsunfähig sind. Wenig später konnte sich die Heilige Barbara schließlich unter das Blätterdach einer Ceiba retten, das sie versteckte und nicht einmal den Regen an sie heranließ. Dafür segnete die Donner-Göttin, die noch heute in den Farben Rot-Weiß und mit einer Axt in der Hand dargestellt wird, den Baum und bestimmte, dass niemand von einem Blitz getroffen werden dürfe, der sich bei einem Gewitter unter einer Ceiba aufhält.
Deshalb glaubt man in ganz Kuba fest daran, dass ein Wunsch in Erfüllung geht, wenn man sich unter das Blätterdach der riesigen Ceiba im Garten der Quinta Simoni begibt und sie einmal umrundet. An eine Rückkehr nach Camagüey sollte man dabei allerdings nicht denken. Denn dieses Anliegen lässt sich schließlich viel einfacher realisieren – mit den Wassern der „Tinajones“.