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Sport
Sonntag, 4. Dezember 2016 2

Samstagsinterview

Aus den Skandalen entstehen neue Chancen

Expertin Sylvia Schenk spricht über die Botschaften, die der Sport im Kampf gegen Korruption senden kann.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Der Kampf gegen Korruption ist im Sport angekommen: Die Diskussionen um die Fifa sind der beste Beleg – auch für einen Wertewandel. Foto: Imago

Regensburg.Sie haben formuliert, dass jeder Skandal bei der Fifa ein Schritt in die richtige Richtung ist. Das gilt nicht nur für den Fußball, sondern auch für die Leichtathletik oder die Aufdeckung von Dopingfällen.

Das eine ist, dass die Gesellschaft mit jedem Skandal ihre Wertmaßstäbe neu justiert. Es gibt Phasen, in denen bestimmte Dinge völlig normal sind und man irgendwann sagt: Ist doch ein Skandal! Das haben wir bei der Korruption gemerkt. Da hat sich in 20, 25 Jahren in Deutschland grundlegend etwas geändert.

Sie nennen die Jahreszahl 1996.

Ja, bis dahin konnte man Bestechung auch von der Steuer absetzen, ab 1998 war es strafbar. Da hat sich eine Menge getan.

Und wie ist das bei der Fifa?

Da ist der Punkt, dass nach und nach Dinge an die Öffentlichkeit kommen. Nicht, dass wir vorher gesagt haben, es ist kein Skandal und jetzt ist es einer. Als es ruhig war, ist die Korruption passiert. Es sind Dinge, die bei der Fifa bis 2011, wenn‘s hoch kommt, bis 2012 stattgefunden haben. Seitdem ist nix Neues passiert, obwohl ständig alle Kameras auf die Fifa gerichtet sind.

Was bedeutet das in Ihren Augen?

Es spricht einiges dafür, dass die Reformen, die 2011, 2012 stattgefunden haben und auch die öffentliche Aufmerksamkeit dazu geführt hat, dass nichts mehr passiert. Die alten Dinge sind Gott sei Dank ans Licht gekommen und werden aufgearbeitet. Man weiß, wer was gemacht hat, und es sind schon ganz viele Leute rausgeflogen. Das schafft die Basis, um nach vorne zu gehen.

Fliegt momentan mehr auf als früher? Es kommt einem so vor, siehe Leichtathletik.

Ja, ja. Das ganze Thema Korruption war bis in die Neunziger Jahre kein Thema. Auch in Deutschland nicht – und bei uns wurde auch bestochen. Transparency International hat sich 1993 gegründet – und das erste Thema, das wir hatten, war Korruption als Problem auf die internationale Tagesordnung zu bringen, weil man das als Kavaliersdelikt gesehen hat.

Das ganze Thema Korruption war bis in die Neunziger Jahre kein Thema. Auch in Deutschland nicht – und bei uns wurde auch bestochen.

Sylvia Schenk

Was wurde da angeprangert?

Stichwort Lustreisen von Kommunalpolitikern – das ist inzwischen ein Fachbegriff: Wenn also ein Bürgermeister oder Landrat im Aufsichtsrat des Elektrizitätsunternehmens sitzt, was überall so ist, und der Aufsichtsrat eine schöne Reise macht mit Kulturprogramm und dann Entscheidungen treffen soll.

Befinden wir uns in einem Wertewandel, der sich am Sport ablesen lässt?

So eine Reise ist etwas, das hätte man auch in den Neunziger Jahren nach deutschem Strafrecht bestrafen können. Da ist ein Amtsträger, der einen Vorteil kriegt. Damals hat keiner ermittelt. Seit 2002, 2003 aber hat es mindestens 1000 solcher Verfahren gegen Kommunalpolitiker gegeben, weil auf einmal das Bewusstsein da war, dass das nicht geht und die Staatsanwälte schauen, dass der Korruptionsparagraf Ermittlungen hergibt.

Ist das im Sport nun angekommen?

Der Sport hinkt den Entwicklungen in der Wirtschaft und in der Politik hinterher, aber er holt auf.

Wird es je ganz sauber werden?

Ganz sauber werden wir nie sein. Es ist ein ständiger Kampf. Um Ethik und Moral muss jede Generation neu kämpfen. Und jede Generation definiert das auch ein Stück anders. Es kommen immer neue Fragen.

Es wird heute auch mehr wahrgenommen als früher.

Da hat sich das Bewusstsein geändert. Auch die Frage der Verantwortung hört nicht an den Landesgrenzen auf. Wir sind in einer globalen Welt, wo wir merken, wenn es in Brasilien durch Korruption Brandrodung noch und nöcher gibt, kriegen wir das als Klimawandel hier auf den Tisch.

Wie wird denn reagiert?

Die USA kämpft deswegen so gegen Korruption und hat das nach Nine-Eleven noch einmal klar intensiviert, weil die Logistik im internationalen Terrorismus über Korruption läuft. Auch der Hunger in der Welt war in den Achtziger Jahren so ein Auslöser für diesen Kampf. Wir können in Projekten sammeln, das ist wichtig, um aktuell etwas zu ändern, aber grundlegend können wir den Hunger so nicht besiegen. Es gibt viele Länder, die von den Bodenschätzen her reich sind, wo die Eliten aber alles an sich reißen.

Eine Chronologie der WM-Affäre:

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Im Vergleich dazu ist der Sport von minimaler Bedeutung.

Aber der Sport sendet eine wichtige Botschaft. Wenn der Sport die Botschaft sendet, es bringt nichts, etwas gegen Korruption zu tun, oder es gehört dazu, ist das fatal. Wenn der Sport die Botschaft sendet, dass man etwas erreichen kann, wenn man gegen Korruption kämpft – und Regeltreue ist ja ein zentraler Begriff im Sport – dann erreicht er viele.

Wenn die Ahnenreihe der bisherigen Funktionsträger durchbrochen würde, könnte der Sport ja sogar Vorreiter sein.

Wenn es wirklich gelingt, dass der Fußball bis in die Kontinentalverbände nach und nach Minimalstandards durchsetzt, kann das weitreichende Auswirkungen für die Denke von ganzen Ländern haben.

Ist das Ihr Antrieb, zu sehen, dass aus negativen Dingen Positives entstehen kann?

Mein Antrieb ist zum einen, dass ich mein ganzes Leben im Sport verbracht habe und immer wieder Dinge gesehen habe, wo ich gesagt habe: „So kann das nicht gehen.“ Der andere Strang ist: Sport kann ganz viel an sozialem Wandel und an Bewusstsein anstoßen und in Bewegung bringen, gerade Großveranstaltungen. Eine Reichweite wie mit dem Sport haben Sie mit keinem anderen Thema. Wenn da die Botschaft gesendet wird „Menschenrechte sind wichtig“, dann fangen die Menschen an zu denken, was bei ihnen im Land los ist.

Deswegen sind die Vorfälle im Fußball und in der Leichtathletik, wie wir sie derzeit haben, auch so wichtig.

Ich würde noch nicht einmal sagen, dass wir sie in diesen beiden Verbänden am größten haben. Die sind nur am meisten in der Öffentlichkeit. Es kann mir keiner erzählen, dass das, was in der Leichtathletik los ist, nicht auch woanders der Fall ist. Früher haben sich alle hinter dem Radsport versteckt, und jetzt in Governments-Fragen hinter der Fifa. Jetzt wird deutlich, dass das in vielen Sportarten stattfindet. Das IOC versucht ja auch für alle Sportarten neue Vorgaben zu machen.

Ketzerisch gefragt: Kann nicht auch beim IOC irgendwann etwas herauskommen?

In der Agenda 2020 sind viele wichtige Dinge drin. Das Problem ist, das abzuarbeiten. Die rotieren im Moment beim IOC. Sie mussten mit den neuen Vorgaben die Bewerbungen für 2024 vorbereiten und in kurzer Zeit einarbeiten, weil sie es bis Beginn der Bewerbung im Herbst vergangenen Jahres fertig haben mussten. Dann war die Entscheidung für die Winterspiele 2022, die mit Almaty und Peking als Kandidaten von ganz vielen Schwierigkeiten begleitet war. Da wurden Nachverhandlungen geführt auf Basis der Agenda 2020. Auch Pyeongchang ist kein einfacher Ausrichter für 2018. 2020 in Tokio gab es Probleme mit dem Stadion und dem Logo.

Viel Arbeit...

Erst einmal steht mit Brasilien im Sommer noch ein Riesenproblem vor der Haustür: Korruption, die Stadien werden nicht fertig. Das IOC muss eins nach dem anderen machen. Das zentrale Problem ist erst einmal, dass Rio funktioniert. Die sind – und das kann ich verstehen – momentan ziemlich von der Rolle.

Erst einmal steht mit Brasilien im Sommer noch ein Riesenproblem vor der Haustür: Korruption, die Stadien werden nicht fertig.

Sylvia Schenk

Das heißt, alles wird dauern. Wenn man aber sieht, wie sehr die Probleme drängen, darf man doch nicht darauf hoffen, dass erst in zehn Jahren etwas geschieht?

Nein. Es muss schon jetzt etwas passieren. Das heißt aber nicht, dass dann alles gut ist. Die Umsetzung und bis sich das überall auswirkt, das wird Zeit brauchen. Aber es passiert ja auch schon etwas. Bei der Fifa liegt etwas auf dem Tisch, das muss jetzt beschlossen werden. Auch für die Bewerbungskriterien 2026 ist schon ganz viel erarbeitet worden. Aber damit ist nicht alles in Ordnung. Ich kann nicht drei Monate lang ein Konzept erarbeiten und dann ist die Welt gut.

Man kann also nur hoffen, dass möglichst viel aus der Vergangenheit aufkommt, damit man es beiseite schaffen kann.

Vielleicht ist jetzt das meiste draußen. Das muss abgearbeitet werden. parallel dazu muss man Russland und Katar bearbeiten. Wobei man nicht denken darf, dass man dort noch alle Probleme löst. Es ist ein Riesenpaket.

Das Gespräch wurde von MZ-Redakteur Claus-Dieter Wotruba am Rande der Diskussionsrunde „Fußball und Menschenrechte“ der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur in Nürnberg geführt.

Sylvia Schenk. Foto: dpa

Sylvia Schenk ist eine Juristin und ehemalige Leichtathletin mit Spezialdisziplin 800 Meter. Die heute 63-Jährige gewann 1970 Silber bei der Junioren-Europameisterschaft und nahm 1971 und 1974 an der Europameisterschaft teil. Sie schaffte 1972 auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele in München. Schenk war in Frankfurt als Richterin am Arbeitsgericht tätig, ist SPD-Mitglied und war von 2011 bis 2004 Präsidentin des Bunds Deutscher Radfahrer. Sie trat zurück, weil sie sich mit einem transparenteren Kurs im Leistungsradsport nicht durchsetzen konnte.

Von 2006 bis Juni 2013 war Schenk Mitglied des Vorstands von Transparency International Deutschland, von 2007 bis 2010 als Vorsitzende. Seit Januar 2014 leitet sie die „Arbeitsgruppe Sport“ dieser Organisation.

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