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Mittwoch, 29. März 2017 19° 1

Interview

Der Außerirdische und seine Vorbeter

Ein Rallye-Fahrer ist ohne Beifahrer nur die Hälfte wert. Walter Röhrl spricht zu seinem 70. über seine Co-Piloten.
Von Johannes Heil, Sebastian Böhm, Lisa Pfeffer und Alex Huber, MZ

Der gebürtige Regensburger Walter Röhrl (rechts) und sein Beifahrer Christian Geistdörfer wurden mit ihrem Opel Ascona Rallye-Weltmeister 1982. Foto: dpa

Herr Röhrl, können Sie sich noch an die Nacht von Arganil erinnern?

Natürlich. Ich werde auch oft darauf angesprochen. Heute, nach 37 Jahren ist es für mich ein Rätsel, was ich damals gemacht habe.

Sie sind mit wahnsinniger Geschwindigkeit durch Nacht und Nebel gerast. Harakiri?

Nein. Ich war gut vorbereitet. Gesehen habe ich vor lauter Nebel zwar fast nichts, aber ich konnte mich auf mein fotografisches Gedächtnis verlassen. Unser „Gebetbuch“, die Aufzeichnungen meines Beifahrers Christian Geistdörfer, gab mir zusätzlich Sicherheit. Außerdem hatten wir an diesem Tag etwas gemacht, was keiner gemacht hat.

Im Video sehen Sie Walter Röhrl beim Interview in unserem Medienhaus:

Drei Fragen an Rallye-Legende Walter Röhrl

Und das wäre?

Wir hatten die Aufzeichnungen nicht in der gewohnten Weise gemacht, also nur mit den klassischen Distanzangaben, sondern uns die Strecke selbst anhand der Landschaft eingeteilt. Zum Beispiel: 70 Meter, Baum rechts, 50 Meter Stein links. Ich habe die Objekte dann beim Fahren gedanklich abgehakt. Am Ende waren wir rund fünf Minuten schneller als die Konkurrenz, ich galt im Fahrerlager danach als eine Art Außerirdischer.

Inwiefern?

1980 in der MZ-Redaktion nach dem ersten Sieg von Walter Röhrl in Monte Carlo. Foto: MZ-Archiv

Wenn einer 4:50 Minuten schneller fährt als die gesamte Weltelite, dann fragen sich viele: „Wie macht der das, hat der Röntgenaugen?“

Welche Rolle hat ihr Beifahrer Christian Geistdörfer in Arganil gespielt?

Eine ganz entscheidende. Bei mir ist zwar ein Film abgelaufen, aber er hat mir diesen Film mit seinen Anweisungen bestätigt, das gibt enorm viel Sicherheit. Ich hatte das Glück, dass ich in meiner Karriere den besten Beifahrer der Welt im Auto hatte.

Die Regensburger Rallye-Legende Walter Röhrl wird am Dienstag 70 Jahre alt. Doch als Testfahrer für Porsche gibt er weiter Vollgas. Lesen Sie hier ein weiteres Interview mit Röhrl.

Was machte Christian Geistdörfer so besonders?

Im MZ-Interview sprach Walter Röhrl über seine Karriere. Foto: Schröpf

Ich habe sehr schnell gemerkt, dass er eine ganz besondere Gabe hatte. Während andere Beifahrer während der Fahrt kaum einen geraden Strich zustande brachten, notierte er die Einzelheiten einer Strecke in Druckschrift. Außerdem habe ich festgestellt: Mensch, der ist sympathisch. Er kam auch bei allen anderen sehr gut an.

Wie wurde er ihr Beifahrer?

Das war bei einer Rallye in Italien. Der Fiat-Chef kam auf mich zu und fragte: „Walter, kannst du für mich einen WM-Lauf in Kanada fahren? In vier Stunden geht der Flug.“ Da sagte mein damaliger Beifahrer, Willi-Peter Pitz, das sei unmöglich. Ein junger

Mann stand daneben und sagte: „Wenn der net mitfliagt, dann fliag I mit.“ Das war der Christian.

Hier finden Sie weitere Informationen zur Karriere von Walter Röhrl

Rallye-Legende Walter Röhrl

  • Reputation:

    Walter Röhrl gehört zu den herausragenden Rallye-Fahrern der Motorsportgeschichte. Der dreimalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda nannte ihn einst „Genie auf Rädern“. In Italien wurde er zum „Rallye-Fahrer des Jahrhunderts“ gewählt, eine Jury aus 100 Motorsport-Experten aus der ganzen Welt kürte ihn einst zum „besten Rallye- Fahrer aller Zeiten“. In Frankreich erkoren ihn seine Kollegen zum „Rallye-Fahrer des Millenniums“.

  • Erfolge:

    Walter Röhrl ist zweifacher Rallye-Weltmeister (1980, 1982) und feierte insgesamt 14 Siege bei WM-Läufen. Er gewann viermal die Rallye in Monte Carlo. Röhrl war auch bei Rundstreckenrennen erfolgreich und hätte durchaus eine Formel1-Karriere einschlagen können. Der Regensburger lehnte ab und blieb in erster Linie der Rallye-Klasse treu. Röhrl erhielt neben zahlreichen anderen Auszeichnungen 2011 den Bayerischen Sportpreis für sein Lebenswerk.

  • Teams und Wegbegleiter:

    Röhrl war für viele Teams im Einsatz. Der Regensburger fuhr für Opel, Fiat, Porsche, Lancia und Audi. Sein Regensburger Freund Herbert Marecek gilt als sein Entdecker und großer Förderer. Er war auch Röhrls erster Beifahrer. Die Rennsportlegende arbeitete daraufhin mit mehreren Co-Piloten zusammen. Seine erfolgreichsten Jahre hatte Röhrl mit Christian Geistdörfer. Mit ihm feierte er unter anderem seine zwei Weltmeisterschaften. (sb/jh)

Von da an saß er in Ihrem Auto.

Ja, ich hätte mir nicht vorstellen können, mit einem „Geschäftspartner“ Auto zu fahren. Aber Christian wurde wurde ein guter Freund und ist es auch heute noch. Die erste Zeit muss man sich natürlich abtasten, aber dann entsteht nach und nach blindes

Vertrauen. Dein Beifahrer muss dir einfach sympathisch sein. Wir waren 300 Tage im Jahr miteinander unterwegs.

Seine ersten Versuche im Auto machte Walter Röhrl mit neun. Noch heute hat die StVO für ihn mehr Empfehlungscharakter. Lesen Sie hier ein weiteres Interview, das Walter Röhrl unserem Medienhaus gegeben hat.

Im Video gewährt Walter Röhrl einen Einblick in seine Garage:

Rallye-Legende Walter Röhrl wird 70

Haben Sie sich auch einmal richtig gestritten?

Wir waren oft circa 40 Stunden am Stück im Auto, dennoch haben wir uns in elf gemeinsamen Jahren nur ein einziges Mal gezofft, und zwar 1987 bei einer meiner letzten Rallyes, der Safari-Rallye in Kenia. Christian wollte das Rennen unbedingt gewinnen, ich wollte nur gesund ins Ziel kommen. Ich bin ein leichter Hypochonder und hatte in Afrika immer Angst, krank zu werden. Ich habe dann etwas getrödelt, damit ich ja keine Panne habe und nicht aussteigen muss. Letztendlich sind wir Zweite geworden. Nach einer Stunde war der Streit aber wieder vergessen.

Hat sich die Rolle des Beifahrers im Laufe der Jahre sehr verändert?

Walter Roehrl (links) im März 2011 im Gespräch mit dem vierfachen Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel (rechts). Foto: dpa

Zu Anfang meiner Karriere war der Beifahrer auch Mechaniker, der schrauben musste, wenn was passiert. Das hat sich schon während meiner Laufbahn verändert. Der Beifahrer blieb aber der große Organisator, der sich um Hotels und Flüge kümmert.

Wer war eigentlich Ihr erster Beifahrer?

Herbert Marecek war mein wichtigster Förderer und gleichzeitig auch mein erster Beifahrer. Er sagte: „Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der eine solche Beherrschung im Auto hat. Du musst unbedingt Rennen fahren.“

Hier sehen Sie Walter Röhrl und Christian Geistdörfer bei der Arbeit:

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