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Mittwoch, 21. Februar 2018 3

Futsal-EM

Der vergessene Superstar Ricardinho

Portugal hat zum ersten Mal den EM-Titel gewonnen – hierzulande nahezu unbemerkt . Und alle fragen nach Deutschland.
Von Claus-Dieter Wotruba

Die Krönung einer Karriere: Der weltbeste Futsaler Ricardinho gewann im slowenischen Ljubljana bei der Europameisterschaft seinen ersten großen Titel mit Portugal. Foto: Eibner

Regensburg.Ein großer Mann kümmert sich sehr wohl um Kleinigkeiten – und wenn’s auf einem Bein ist. Der dicke Eisbeutel am Knöchel rührt von einem Zweikampf mit dem Spanier Pola in der Verlängerung. Aber das ist in der Arena Stozice in Ljubljana jetzt nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass anderes passt: Ricardinho dirigiert seine Portugiesen einbeinig-hüpfend so hinter die Dame mit dem Schildchen „Europameister“ wie sich auch Schülerteams bei der Siegerehrung von jedem x-beliebigen Hallenturnier nach Anweisung aufstellen. Schon zuvor hatte sich der 32-Jährige auf der Bühne Platz verschafft und seine vor Begeisterung ausflippenden Teamkollegen zurückgescheucht, damit der Pokal ordentlich überreicht werden konnte:

Portugal wird zum erstem Mal Futsal-Europameister

Der 10. Februar 2018 bot eine große Bühne für Portugal. Es ist der Tag, an dem Ricardinho das i-Tüpfelchen seiner an Höhepunkten so reichen Karriere gelingt – ein erster großer Teamtitel. Es ist ein geschichtsträchtiger Tag – wenigstens in Ländern und für diejenigen, die mit Futsal etwas anfangen können. Portugal darf sich nach dem 3:2 nach Verlängerung gegen Spanien vor über 10 300 Zuschauern nun vier Jahre lang Europameister nennen. Das allererste Mal. Es ist im elften EM-Turnier seit 1996 erst der vierte Name in einer äußerst überschaubaren Siegerliste mit zuvor nur drei Siegern: Siebenmal Spanien, zweimal Italien, einmal Russland.

Treffen mit Futsal-Koryphäen: Abteilungsleiter Oliver Vogel vom deutschen Meister SSV Jahn 1889 Regensburg mit Ricardinho, dem Spanier Carlos Ortiz, MZ-Mann Claus Wotruba und Sergio Lozano (von links) Foto: Vogel

Und jetzt eben Portugal, mit Ricardinho, dem neuen Rekordtorschützen der EM-Geschichte, der mit dem schnellsten Finaltreffer aller Zeiten nach 59 Sekunden Dauer-Champion Spanien zeigte: „Hej, mit uns ist heute nicht zu spaßen. Wir meinen es Ernst.“

Keine Frage, wer der Beste ist

Ricardinho ist ein großer Mann, auch wenn er (offiziell) nur 1,65 Meter misst. Wer ihm begegnet, hält ihn eher für noch kleiner. Auf dem Feld hat er die Aura eines Superstars aus, der niemandem etwas erklären muss, weil seine Klasse sowieso alle sehen. Der Mann, den sie den Magier nennen, agiert mit aller Demut und ist sportlich über alle Zweifel erhaben. Während im Fußball ständig gestritten wird, ob nun Messi oder Ronaldo der bessere Kicker ist, ist die Lage im Futsal eindeutig. Seit 2014 wurde Ricardinho Jahr für Jahr zum weltbesten Spieler gekürt, 135 Tore hat er in 158 Länderspielen geschossen, war fünfmal portugiesischer, zweimal japanischer und viermal spanischer Meister. Und und und. Es ist nur ein Einzug aus einer langen Liste.

Der deutsche Futsal-Meister kommt aus Regensburg: Wie es dazu kam, lesen Sie hier.

Jorge Braz, sein Trainer im Nationalteam, sagte nach dem Finale in der Pressekonferenz: „Ricardinho ist zweifelsfrei nicht nur der derzeit beste Futsalspieler der Welt, ich habe auch keinen Zweifel, dass er der beste Kapitän der Welt ist. Er ist der größte Ausdruck dafür, wie wunderschön Futsal ist.“

Der in Kanada geborene Jorge Braz will mit Portugal dauerhaft im Futsal vornestehen. Foto: Wotruba

Die Wertschätzung ist groß, selbst bei den Gegnern. Noch ehe ihn nach seiner Verletzung die eigenen portugiesischen Fans aufmuntern können, feiern ihn die „generischen“ Fans, die Spanier, lautstark. Klar doch: Ricardinho spielt für Inter. Nicht Mailand, sondern den Sieger des Uefa-Futsal-Cups, der Champions League des Futsals, die zur neuen Saison auch erstmals so heißt. Dass Ricardinhos Inter in Madrid beheimatet ist, wissen Deutsche üblicherweise gar nicht. Denn eines hat der weltbeste Futsaler nicht: einen Wikipedia-Eintrag in deutscher Sprache. Ricardinho ist in Deutschland ein vergessener Superstar.

Was man zur Futsal-EM wissen muss

  • Die größte Überraschung

    bei der Europameisterschaft in Ljubljana war, dass Italien nach einem 1:2 gegen Gastgeber Slowenien vor über 10 000 Zuschauern bereits nach der Vorrunde ausschied.

  • EM-Neuling Frankreich,

    das in den Playoffs schon überraschend die höher eingestuften Kroaten eliminierte, rang Rekord-Europameister Spanien (sieben Titel) ein ebenso überraschendes 4:4 ab, schied aber nach dem 3:5 gegen Aserbaidschan aus. Die Franzosen gelten als Kandidat für die nächste EM, die ab sofort im Vierjahres-Rhythmus und damit erst 2022 wieder ausgetragen wird.

  • Von den vier per Playoffs

    überstand in Slowenien nur Serbien die Vorrunde. Neben Frankreich mussten auch Polen und Rumänien hier die Segel streichen. Im Viertelfinale scheiterten die Serbien an Kasachstan.

  • Mit offiziell 101 934 Zuschauern

    in den 20 Spielen übertraf das Turnier die Erwartungen weit.

  • Torschützenkönig

    mit sieben Treffern war Ricardinho, der mit nun 22 Treffern in fünf Turnieren jetzt auch EM-Rekordschütze ist.

Noch immer nagen hierzulande ja arge Zweifel an der Hallenfußballvariante Futsal, der auf dem Handballfeld gespielt wird, bei dem wie im Basketball Fouls gezählt werden und ein fliegender Torwart noch viel mehr Usus ist wie im Eishockey. Dabei reichen Auszüge einer Endspiel-Schilderung, um zu zeigen, wieviel sich von einem Moment auf den anderen ändern kann im Futsal. Nach Spaniens Führungstoren durch Tolra (18:54) und Lin (31:36), vergab Miguel bei 34:58 Minuten einen Zehnmeter. Dann gleicht Bruno Coelho bei 38:18 und fliegendem Torwart aus. Jener Coelho, der nach Ricardinho der wichtigste Portugiese ist und nach zehn Minuten verletzt nur noch dosiert aufs Feld kann. Jener Coelho, der 55,5 Sekunden vor Schluss der Verlängerung seinen Zehnmeter verwandelt. Nicht umsonst drückt Ricardinho ihn vor der Siegerehrung dankbar länger als jeden anderen Teamkollegen.

Spaniens Kapitän Ortiz verlor im Finale erstmals ein EM-Spiel, bei dem er mitwirkte. Foto: Eibner

Es ist nur eines der Beispiele für Futsal-Intensität wie es auch das kasachische 5:5 gegen die Spanier war, die sich erst via Sechsmeterschießen ins Endspiel schossen. Ein Knaller dieses Halbfinales: Kasachstans Torwart Higuita, der Mann mit dem brasilianischen Ursprung und dem Spitznamen des kolumbianischen Fußballtorwarts, hatte den Ball zum zwischenzeitlichen 2:2 unhaltbar in den Giebel gezimmert.

Deutschland ist weit, weit weg

Und Deutschland? Ist weit, weit weg von solchen Auftritten. In Ljubljana wurde viel danach gefragt, wie es mit Futsal-Deutschland aussieht – und ungläubig der Kopf geschüttelt, dass es keine Profis, ja nicht einmal eine erste Liga gibt, die wohl erst 2020 kommt. Es wurde in Ljubljana aber auch vieles diskutiert, was in Deutschland ein Thema ist. Eines davon sind die Brasilianer: Den deutschen Meister SSV Jahn 1889 Regensburg bringt die Beschränkung, in den Spielen um die deutsche Meisterschaft heuer nur noch drei Nicht-EU-Ausländer einsetzen zu können, in die Bredouille. Bei der EM schickten die Halbfinalisten Kasachstan und Russland einen ganzen Block, ein Quartett eingebürgerter Südamerikaner aufs Feld – und nutzen das Knowhow des Rekord-Weltmeisters, bis selbst ausgebildete Spieler nachrücken.

Applaus: Unter Uefa-Präsident Aleksander Ceferin kommen 2019 U 19 und Frauen zu EM-Ehren. Foto: Eibner

Europameister-Coach Braz hält die Einführung der U-19-EM für wegweisend. Auch das sportverrückte Slowenien (Weltrangliste Platz 13) mit seinen nur zwei Millionen Einwohnern und nur zwei professionellen Futsal-Spielern entdeckte in den EM-Tagen Futsal. Und Ricardinho natürlich.

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