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Mittwoch, 22. Februar 2017 5

Leichtathletik

Die Gala lebt, aber sie schrumpft

Die Macher stehen vor einem Spagat zwischen Team und Topveranstaltung. 2017 ist gesichert, doch es wird allerhand fehlen.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Immer wieder freuten sich auch die Lokalmatadoren auf den Heimauftritt: Hier strahlten Maren Kock, Philipp Pflieger und Corinna Harrer (v. l.) im Olympiajahr 2012. Foto: Archiv/Brüssel)

Regensburg.Eine Gala ist etwas Feierliches, etwas Besonderes. Richtig? Richtig. Die Sparkassen-Gala – wenigstens so, wie sie seit 2006 durchgeführt wird – ist etwas Besonderes. Vielleicht war sie es aber auch nur. Die Nachricht ist: Kurt Ring ist erst einmal froh, dass es am 10. und 11. Juni diesen Jahres in Regensburg im Stadion der Universität überhaupt wieder Leichtathletik zu sehen gibt.

Der Spiritus rector der LG Telis Finanz steckt in einer bösen Klemme: Seine Sportart zieht nicht so, dass es jeden interessiert. Und so haben Ring und Co. entschieden: Ein so erfolgreiches Team UND eine Vorzeigeveranstaltung – das geht finanziell nicht mehr zusammen. Wenn die Mannschaft nicht leiden soll, muss die Gala – zumindest Stand heute – deutlich abspecken: Livestream, Videowand, Übernachtungen für diesen und jenen Athleten sind zwar kein Schnickschnack, sondern wichtig für Präsentation und Attraktivität – und doch gibt’s – entgegen dem Ringschen Motto – geht nicht eben doch.

Ob die Gala dann noch eine Gala oder nur noch ihre kleine Schwester ist? Schwer zu sagen. Ob sich internationale Topstarter weiter nach Regensburg verirren, scheint ein Stück weit fraglich. Jedenfalls nimmt Kurt Ring mit jetzt 68 die Entwicklung gelassener hin. Er macht niemandem einen Vorwurf. „Wir müssen jetzt eben wie vor 2006 improvisieren und versuchen, aus Nichts etwas zu machen.“

Und das nach dem allerbesten Jahr

Ein Treppenwitz ist es diese Entwicklung der Gala doch. 2016 war nämlich ein sagenhaftes Jahr für die Regensburger Leichtathletik. Drei Läufer vertraten den Klub in Rio de Janeiro bei den Olympischen Spielen: Anja Scherl, Philipp Pflieger und Florian Orth. Drei weitere Läufer waren dazu bei der Europameisterschaft in Amsterdam dabei: Maren Kock, Franziska Reng und Benedikt Huber. Eine hatte es 2012 frisch, fromm, fröhlich, frei nach London geschafft: Corinna Harrer, die danach von Verletzungen und dem Doping-Trauma ihrer 1500-Meter-Strecke so arg Gebeutelte.

Die Gala ist eine schöne Blume, deren Anblick fehlen würde, sagt Claus Wotruba im Kommentar.

Kommentar

Breite(re) Basis gesucht

Der Satz mag provokativ klingen, ist es aber nicht: Wer sich in Regensburg, ja in der Region als Sportfan bezeichnet, bislang in zehn Jahren aber noch...

Sie alle sind immer noch die Aushängeschilder. Ende Januar geht es für das Telis-Gros für drei Wochen ins Trainingslager nach Südafrika – auf eigene Kosten wohlgemerkt. „Der einzige Luxus, den wir mitnehmen, ist ein eigener Physio“, sagt Kurt Ring. Vieles in Regensburg ist handgemacht und nicht immer von Wohlwollen begleitet. „So falsch kann es nicht sein“, sagt Kurt Ring mit Blick auf seine Crew. Ihr Können auch dem Regensburger Publikum zu zeigen, ist Luxus – vor allem angesichts von immer weniger leichtathletischen Topveranstaltungen in deutschen Landen.

Verband und Stadt als Helfer?

Wer könnte helfen? „Wir müssen betteln, dass uns Türen geöffnet werden“, sagt LG-Präsident Norbert Lieske und meint zum Beispiel den in Regensburg ortsansässigen Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Clemens Prokop. Der sagt, dass er sich bemühe, „ohne es an die große Glocke zu hängen. Wir helfen auch mit, dass bei den Athletenkosten entlastet wird.“ Nur eine finanzielle DLV-Beteiligung sei schon deswegen ausgeschlossen, weil es die Satzung verbiete. „Aber natürlich habe ich ein hohes Interesse, dass das gemacht wird.“

Nächster Helfer? Die Kommune. „Natürlich würde ich die Gala gerne auf Dauer erhalten“, sagt Regensburgs Oberbürgermeister Joachim Wolbergs. „Mir haben die Verantwortlichen gesagt, dass es weiter hohes Niveaus zu sehen geben wird. Ich kann aber auch nicht der sein, der eine Sportart nach der anderen rettet.“ Das Stadtoberhaupt setzt nach der Sicherung des Termins 2017 auf einen „Zeitgewinn für die Folgejahre“. Kurt Ring und Norbert Lieske sind selbst nicht so ganz sicher, wohin der Weg führt. „Ohne Wolbergs wäre die Gala heuer schon gestorben“, sagt Ring und betont gleichzeitig: „Wenn die Stadt internationalen Sport will, müsste man andere Summen in die Hand nehmen.“

Derweil sinniert Lieske, dass „eigentlich jeder sehen sollte, dass etwas fehlt, dass es wehtut“. Andererseits widerspricht das dem eigenen Anspruchsdenken – und der Vergangenheit. „Lächerliche 15 000 Euro fehlen für einen Livestream und die Videowand“, sagt Ring. „Wenn das so wichtig ist und es nur um diesen Betrag ginge, dann besorge ich die auch noch“, sagt Wolbergs.

Gala-Höhepunkte seit 2006

  • Keiner traute sich,

    die Regensburger schon: Mitten in der Fußball-WM in Deutschland begann am 17. Juni 2006 die Erfolgsgeschichte als Domspitzmilch-Gala. Erst 2008 übernahm die Sparkasse das Namenpatronat. Es entstand auch das herrliche Bild, als Meeting-Chef Kurt Ring Lauf-Legende Sabrina Mockenhaupt nach ihrer EM-Norm über 10 000 Meter auf den Arm nahm.

  • Fassungslos

    war nicht nur der Brite Adam Gemili am 2. Juni 2012. „Wenn der jetzt unter zehn Sekunden läuft, gehe ich heim“, sagte Kurt Ring. Der ehemalige Jugendfußballer des FC Chelsea ist inzwischen dreifacher Sprint-Europameister. Nach seinem 200-Meter-Titel zauberte das Stichwort Regensburg des MZ-Reporters noch zwei Jahre später in Zürich ein Lächeln in Gemilis Gesicht.

  • Karriem Hussein

    kam als unbeachteter 400-Meter-Hürdenläufer aus der Schweiz am 7. Juni 2014 zur Sparkassen-Gala in Regensburg. Am 15. August war er zuhause ein Nationalheld, gewann bei der Heim-Europameisterschaft von Zürich die einzige Medaille für das Gastgeberland und war überwältigt. Auch 2016 in Amsterdam holte der jetzt 28-Jährige wieder EM-Bronze.

  • Den Namen von Julia Stepanowa

    kennt inzwischen alle Welt: Die Läuferin löste den Dopingskandal um Russlands Leichtathleten mit aus. Ihren einzigen Deutschland-Auftritt bei einem Rennen hatte sie wo? In Regensburg. Am 6. Juni 2015 gewann die Russin die 800 Meter in 2:01,31 Minuten vor Fabienne Kohlmann und lief damals die internationale Norm für die EM 2016.

Der Ausblick in die Zukunft ist nicht das, was sich rosig nennt. „Es geht eher nach unten“, rechnet Norbert Lieske. „Wir sind allen Sponsoren über die Jahre wahnsinnig dankbar. Es wäre schön, wenn sich als Reaktion Sponsoren fänden. Aber ich gehe zu 0,0001 Prozent davon aus“, sagt Ring und befindet, dass „wir in Regensburg seit 1998 Leichtathletik auf einem sehr hohen Niveau und mit wenig Geld im Vergleich zur Leistung betreiben.“

Auch der Publikumszuspruch wäre ausbaubar. „Der bietet keinen Boden“, sagt Ring und schaut fast neidvoll auf Biathlon. „Wenn in Oberhof Staffeln um Weltcup-Punkte laufen, ist die Hölle los, bei uns interessiert ein Duell der 4-x- 400-Meter-Staffel gegen die Britinnen keine Sau.“ Irgendwie ist auch das eine Besonderheit der Gala in Regensburg. Freilich keine fördernde.

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