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Leichathletik

Die schönste Laufnacht aller Zeiten

Jonas Koller läuft unter 14 Minuten. Miriam Dattke legt ihr 9:30-Trauma ad acta und Corinna Schwab glänzt schon nachmittags.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Der Einsatz hat sich gelohnt: Philipp Pflieger (links) und Tim Ramdane (rechts) nahmen ihn ins Schlepptau – und Klubkollege Jonas Koller von der LG Telis Finanz lief beim Heimrennen in der Laufnacht die 5000 Meter erstmals in seinem Leben unter 14 Minuten. Foto: Brüssel

Regensburg. Die Laufnacht war schon am späten Samstagnachmittag gerettet. Wenigstens aus Oberpfälzer Sicht. Es war noch nicht mal fünf Uhr, da war Corinna Schwab der verletzten Vereinskollegin Katrin Fehm im Ziel um den Hals gefallen. Bei 53,55 Sekunden war nach 400 Metern für Schwab die Uhr stehengeblieben: Die vor ein paar Tagen gerade erst in München aufgestellte Bestzeit noch einmal um eine halbe Sekunde gedrückt, die Europameisterschaft der U 20 in Grosseto im Juli wird greifbarer und greifbarer. „Ich wusste schon in München, das ist längst nicht alles und kann locker unter 54 gehen. Vielleicht kann ich bald noch schneller, nah an die 53“, sieht die 18-Jährige vom TV Amberg ihr Potenzial längst nicht ausgereizt.

Der EM-Reiz in der Toskana war in Regensburg oft zu spüren. Zweistellig war die Zahl derer, die die auf den längeren Laufstrecken letzte Chance wahrnahmen, die Vorgaben zu erfüllen – unter tatkräftigster Hilfe. Am Abend stand alles, was beim Veranstalter LG Telis Finanz Regensburg Rang und Namen hatte, auf der Laufbahn, um dem Nachwuchs auf die Sprünge zu helfen: Die vielfach bei Europameisterschaften und Olympia erprobten Corinna Harrer, Maren Orth, Philipp Pflieger und Florian Orth, dazu Dauerbrenner Felix Plinke und Saisonaufsteiger Simon Boch spielten Lokomotive. „Ich war nie bei einer U-20-EM, auch in der U 23 nicht“, sinnierte der zuletzt heftig kränkelnde Florian Orth und rekapitulierte den Rückblick auf seine erste Gelegenheit 2007 mit einem nachdenklichen Schmunzeln. „Schon da fehlten ein paar Hundertstel.“

Geleitschutz bis ins Ziel

Auch seine Frau Maren kennt den Kampf um Zeiten und Zentimeter nur zu gut. Vor Olympia Rio 2016 erlebte sie eine gefühlstechnisch unverantwortbare Berg- und Talfahrt mit verpasster Norm, dann einem vermeintlichen Ticket inklusive Einkleidung und letztlicher Ausbootung. Und so lieferte die bald 27-jährige EM-Sechste den liebenswürdigsten Geleitschutz, den sich Joana Staub vom LC Rehlingen nur vorstellen konnte. Maren Orth stieg nicht wie geplant bei 1100 Metern aus, sondern zog Staub bis ins 1500-Meter-Ziel. „Auf der Zielgeraden wusste ich kurz nicht mehr, ob sie jetzt unter 4:24 oder 4:22 bleiben muss“, lachte Orth. Einerlei: Am Ende war es eine 4:21,86.

Manches Mal hatte der Job, Tempo zu machen auch teaminternen Sinn. Corinna Harrer, die sich inzwischen auf die 10 000 Meter konzentriert, hatte erst am Donnerstabend „für meine Gala“ planen können. Hätte der deutsche Verband nicht in letzter Sekunde einem Aufschub für den versuchten Angriff auf die WM-Norm für London bis Ende Juni zugestimmt, wäre die Olympia-Läuferin von 2012 in Hengelo gestartet – trotz der Sinnfreiheit, weil dort die in einer anderen Dimension beheimateten Äthiopierinnen ihre Ausscheidung liefen. So zog Corinna Harrer (26) Miriam Dattke (18) im Schlepptau dahin, wohin es sich die Neu-Regensburgerin wünschte: Unter die 9:30 Minuten, an denen sie 2016 dreimal scheiterte, auf 9:26,58 Minuten. „Wieder eine 74er-Runde. Passt. Ruhig bleiben“, hatte Meeting-Macher und Telis-Trainer Kurt Ring stets punktgenau die Zwischenzeiten kontrolliert.

Den Telis-Höhepunkt freilich lieferte Jonas Koller ab. Der 24-Jährige war das Honigkuchenpferd des Tages. „Das war mein Comeback bei der Gala. Die vergangenen drei Jahre war ich ja immer krank oder verletzt.“ Der Teilnehmer der U-20-Weltmeisterschaft 2012 in Barcelona, der vom Marathon träumt, lief zum ersten Mal in seinem Leben die 5000 Meter unter 14 Minuten (13:58,61). Als Koller im Ziel flach auf dem Rasen lag, stürzten sich die Klubkollegen allesamt auf ihn und der familiäre Anhang mit einer Heerschar an Cousinen umlagerte den abendlichen Helden. Auch hier hatte ein Klubkollege Zuarbeit geleistet. „Er hat mich die ganze Woche bearbeitet“, sagte Olympia-Marathoni Philipp Pflieger, der für den Herbst Berlin ins Visier genommen und damit noch Zeit hat, schaffte es trotz seines Trainingsrückstands fast sekundengenau bis zu den von Koller erhofften 3000 Metern: „8:24 sollten es sein, 8:25 waren es.“

Was die Leichtathletik-Fans bei der Sparkassen-Gala am Sonntag erwartet, finden Sie hier.

Zweifelsfrei: Diese Laufnacht war durch die Einbindung all der bekannten Telis-Gesichter und ihrer selbstlosen Auftritte die schönste bisher – und viel mehr als nur Vorprogramm für die Sparkassen-Gala. Die Laufnacht erinnert auch LG-Präsident Norbert Lieske mehr und mehr an seine Läuferzeiten: „Da sind wir in München im Dantestadion bis Mitternacht gelaufen.“

Die Ambergin Corinna Schwab wird über 400 Meter immer schneller. Foto: Kiefner

Und Youngster wie Corinna Schwab zeigen, dass auch die kleine Oberpfalz für große Talente stehen kann. Angesichts des maladen Frauenlagers könnte die 18-Jährige, die am Sonntagmittag als Staffel-Schlussläuferin auch noch die EM-Norm akhakte, sogar zur Kandidatin für die Team-Europameisterschaft werden. Dann hätte es sich endgültig gelohnt, die 400 Meter flach für diese Saison zu wählen statt der gleichlangen Hürdenstrecke, die sie wegen „Problemen mit dem Rhythmus“ und des damit verbundenen vielfach höheren Aufwands heuer zurückstellte.

Es ist als würden Profifußballer ihren Platz markieren: Unser Leichtathletik-Experte Claus Wotruba findet es schön, dass es solche Gesten noch gibt.

Kommentar

Schöne Gesten

Am Abend steht Maren Orth mit dem Hütchen auf der Laufbahn. Nachmittags wartet Philipp Pflieger bei der Siegerehrung mit den Urkunden. Ob sie persönlich...

Kampf dem „kleinen Fluch“

Bodenständig bleibt Corinna Schwab dennoch, die sich demnächst in Ingolstadt „aus Spaß“ auch noch an den 200 Metern versucht. „Wir sind ein kleiner Verein, der nicht so viel Geld hat, aber ich habe in Lutz und Gundy Glaser seit zehn Jahren Supertrainer und Bezugspersonen, mit denen ich über alles reden kann.“ Von sich reden machen will Corinna Schwab in Grosseto am liebsten auch und ihren „kleinen Fluch“ besiegen. Bei der U-18-WM in Kolumbien stürzte sie über die Hürdendistanz („Ich trotzdem viel gelernt“), in Georgien 2016 zerstoben die Medaillenträume wegen einer Verletzung und in Italien will Corinna Schwab „auf jeden Fall“ in ihr erstes internationales Finale. Der Laufnachmittag in Regensburg könnte ein erster Baustein gewesen sein.

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