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Mittwoch, 13. Dezember 2017 11

Fussball

Für den SSV Jahn war‘s „fünf nach zwölf“

Hans Rothammer gestand im Regensburger Presseclub „kleine taktische Fouls“, um ein „Horrorszenario“ zu verhindern.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Auch Hans Rothammer (2. v. l.) und Christian Keller (3. v. l.) hörten gespannt zu, was Jahn-Trainer Achim Beierlorzer den Moderatoren Isolde Stöcker-Gietl und Heinz Gläser im Regensburger Presseclub erzählte. Foto: Lex

Regensburg.Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten. Sagte einst ein gewisser Sepp Herberger. Manchmal dauert’s aber ein bisschen länger – vor allem, wenn über Fußball „nur“ geredet wird. Dann ist das ja auch nicht ganz so anstrengend. Im Gegenteil: Die Führungscrew des Fußball-Zweitligisten SSV Jahn mit dem Vorstandsvorsitzenden Hans Rothammer, Geschäftsführer Christian Keller und Trainer Achim Beierlorzer wirkte nach harten Monaten im Regensburger Presseclub entspannt und bisweilen gar launig. Eine Stunde lang hatten die MZ-Redakteure Isolde Stöcker-Gietl und Heinz Gläser die drei Protagonisten des Klubs, der nach zwei Siegen in Serie auf Platz 13 jenseits der Abstiegszone steht, in alle Richtungen gelöchert. Es gab ein Hin und Her auf der Spielwiese einer Fragerunde, in der das Publikum 45 Zusatzminuten einforderte.

Natürlich war das bewegte Halbjahr um die Person Philipp Schober eines der größten Themen des Abends. Hans Rothammer deklarierte Schober zum wiederholten Male als Spekulant, nicht als Investor. „Ein Investor ist einer, der investiert. Da hatte der Herr Schober keine Sekunde darüber nachgedacht. Das bestreitet er auch gar nicht. Er ist ein Spekulant, der mit den Jahn-Aktien spekuliert hat.“

Rothammer erklärte, warum Schober auch ohne direkten Einfluss ins Tagesgeschäft zur Gefahr hätte werden können. „Er musste deswegen weg, weil unsere Werte, die wir für erfolgswesentlich halten – bodenständig, glaubwürdig und ambitioniert – vom ersten Gespräch an auf ihn erkennbar nicht zutrafen. Er hätte uns ärgern können, indem er sechs von acht Aufsichtsräten stellt, die uns einmal im Monat antreten lassen. Das hätte auch zermürbt.“

Champagnerschlürfender Investor

Erstmals kommentierte Rothammer die Gerüchte um einen Investor aus Südosteuropa, der in der dicken Limousine vorfährt und champagnerschlürfend Zeit in der Arena verbringt – ohne freilich nähere Details zu verraten. „Es war nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf“, sagte Rothammer über die Aktien, die am Ende nun wieder in Jahn-Händen sind. Er gestand mit Süffisanz in der Stimme, „kleine taktische Fouls“ eingebaut zu haben, und erklärte „ab und zu Zeit von der Uhr genommen“ zu haben – „sonst wäre das eingetreten, was ich als Schreckensszenario bezeichnet habe“. Rothammer erklärte weiter: „Ich habe einen Namen gelesen und einen Vertrag gesehen, bei dem die Anteile zu einem erheblichen Preis bereits weiterverkauft waren.“ Und dieser Weiterverkauf sei „nur durch unsere einstweilige Verfügung bei Gericht und die BTT-Verfügung von Herrn Tretzel sowie die Tatsache, dass wir beim Umschreiben des Aktienpools sehr viel Sorgfalt haben walten lassen“ verhindert worden.

Lesen Sie hier die Story um den Rückkauf der Jahn-Anteile.

„Das hat viel Kraft und Nerven gekostet. Ein zweites Mal hätte ich das nicht durchgestanden“, sagte Rothammer. „Unser Konzept ist es, dass der Jahn ein Verein für Ostbayern ist – und zwar nicht nur für die Menschen auf der Tribüne und im VIP-Bereich, sondern auch, was das Kapital in der Kapitalgesellschaft angeht. So wollen wir das auch organisieren, dass sich Unternehmen aus Ostbayern engagieren. Nur so kommen die Emotionen, die wir brauchen. Davon leben wir.“

Bald Konzept für 39 Prozent Aktien

Pläne für eine künftige Streuung der Aktien („Wir halten jetzt etwas über 90 Prozent, knapp 10 Prozent sind verteilt“) gäbe es, sie würden in den „nächsten drei, vier Monaten“ konkreter gemacht. „Die Mitgliederversammlung hat uns aufgetragen, 51 Prozent zu halten und für die anderen 39 Prozent haben wir Ideen und ein Konzept“, sagte Rothammer. „Dann ist immer die Frage: Will man nur einen Partner wie in der Vergangenheit Herrn Tretzel, der uns eine Startup-Finanzierung gemacht hat? Aber auf Dauer wäre die einseitige Abhängigkeit von einer Firma, von einer Person nicht gut gewesen.“ Über die Rückkaufsumme der Aktien schwiegen sich alle Beteiligten eisern aus: „Jemand, der Bilanzen lesen kann, wird das irgendwann einmal herauslesen können“, sagte Rothammer.

Sorgen, dass eine Anklage in der Regensburger Korruptionsaffäre und den darin verwickelten Ex-Hauptsponsor Tretzel 2018 Negativschlagzeilen bringen könnte, macht sich Rothammer nicht. „Es ist ja keiner vom Jahn angeklagt. Ich glaube nicht, dass das den Klub in seiner Entwicklung hemmt.“

Zwei Stichworte des Abends

  • Fußball in Leipzig:

    „Der Argumentation, dass Menschen RB als Produkt der Wirtschaft sehen, kann ich folgen. Aber mit dem Geld dort wird hervorragend gearbeitet“, sagte Achim Beierlorzer, der Trainer mit Leipzig-Vergangenheit und erklärte: „Unsere Jahn-Philosophie ähnelt der in Leipzig ein bisschen.“

  • Millionensummen:

    „Fußball ist eine Parallelwelt geworden“, sagt Christian Keller und findet „gewisse Aspekte des Profifußballs ganz, ganz schlecht“ sowie die Initiative der Ultras gut: „Grundsätzlich ist es gut, dass jemand die Hand hebt.“

Sportlich ist Rothammer auch optimistisch. „Ich bin jetzt im vierten Jahr tätig. Nach einem Abstieg und zwei Aufstiegen muss schon nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit also jetzt der Klassenerhalt kommen.“ Die wirtschaftlich positive Entwicklung machte er daran fest, dass der einstige Etat-Underdog der dritten Liga inzwischen zumindest dort im oberen Bereich zu finden wäre und selbst bei einem Abstieg nicht dahin zurückfallen würde. „Wir kommen ja aus dem Sumpf“, sagte Rothammer und Christian Keller erläuterte zur Einordnung: „2015/16 hatten die letzten sechs der Zweitliga-Tabelle einen Umsatz von 22 Millionen Euro. Wir haben jetzt 15 Millionen. Unser Auftrag ist es, diese Lücke zu schließen.“

Und auch Trainer Beierlorzer hat „ganz, ganz großes Vertrauen in eine besondere Mannschaft“, an der ihm auch im Vergleich mit seinen Stationen zuvor der Trumpf der außergewöhnlichen Geschlossenheit auffällt. „Bis auf zwei Spiele waren wir immer auf Augenhöhe mit unseren Gegnern.“

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