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Dienstag, 21. November 2017 5

Tennis

Für Julia Görges ist noch mehr drin

Die Regensburgerin ist die Nummer eins im deutschen Damentennis. Ihr Potenzial hat die 28-Jährige längst nicht ausgereizt.
Von Heinz Gläser, MZ

Konzentriert und auf konstant hohem Niveau: Julia Görges im Finale des Kreml-Cups in Moskau Foto: afp

Regensburg.Julia Görges stand an der Schwelle zum Vereinsheim des TC Rot-Blau und war einigermaßen baff. „Wow! Was ist denn hier los?“, entfuhr es der 28-Jährigen, „damit hab’ ich wirklich nicht gerechnet. Ich bin überwältigt“. Was als kleiner Empfang für die frischgebackene Siegerin des Tennisturniers in Moskau angekündigt war, wurde am Montagabend zum großen Bahnhof für das neue sportliche Aushängeschild Regensburgs. Gelbe und blaue Luftballons zierten das Foyer, ein Schild trug die Aufschrift „Ein Hoch auf Dich, liebe Jule!“ Vorsitzender Dr. Markus Witt und rund 40 Rot-Blau-Mitglieder gratulierten der gebürtigen Schleswig-Holsteinerin und stimmten ein Ständchen an. Julia Görges wirkte ein bisschen verlegen.

Vor gut zwei Jahren hat die Bad Oldesloerin ihren Lebensmittelpunkt nach Regensburg verlegt – auch der Liebe wegen. Ihr Freund, Betreuer und Physiotherapeut Florian Zitzelsberger war auch in Moskau an ihrer Seite, beide lagen sich in den Armen und vergossen Freudentränen. Der Wechsel an die Donau hat sich mit der kometenhaften Rückkehr in die Weltspitze ausgezahlt. „Das bestätigt mich in meiner Entscheidung. Ich fühle mich in Regensburg pudelwohl“, sagte Julia Görges und fügte mit Blick auf ihre Unterstützer im TC Rot-Blau hinzu: „Ihr zeigt mir, dass ich zu Regensburg gehöre. Das ist mein Zuhause.“ Ihr Trainer Michael Geserer ergänzte: „Jule hat sich in unsere Stadt verliebt.“

Begehrter Status

Mit 6:1, 6:2 hatte Görges am Samstag die Russin Darja Kassatkina im Finale des Kreml-Cups abgefertigt. Der sensationelle Triumph in Moskau zahlt sich in vielfacher Hinsicht aus – natürlich auch in klingender Münze. Zur Siegprämie in Höhe von immerhin 147 500 Dollar gesellt sich der begehrte Status als neue Nummer eins im deutschen Damentennis. Im aktuellen Ranking der WTA wird Julia Görges neun Ränge höher und damit auf Position 18 geführt, einen Platz vor der zweimaligen Grand-Slam-Siegerin des Vorjahres, Angelique Kerber. Und diesen Platz will Görges zumindest behaupten. „Ich will das Jahr in den Top 20 abschließen“, verkündete sie.

Zunächst einmal machte ihr Moskau einen dicken Strich durch die Terminplanung. Ursprünglich wollte sie an diesem Dienstag im Flugzeug nach Dubai sitzen, um nach einem kräftezehrenden Jahr dort „am Strand zu liegen und Sonne zu tanken“.

Doch die Zeit zum Ausspannen bleibt ihr versagt. Julia Görges ist wie Kerber nunmehr für die B-WM qualifiziert und reist an diesem Freitag nach China, um bei der WTA Elite Trophy in Zhuhai an den Start zu gehen. Vom 31. Oktober an geht es für die zwölf Teilnehmerinnen, die in der Weltrangliste auf den Rängen neun bis 20 stehen, um fast 2,3 Millionen Dollar. Die Topspielerinnen bestreiten derzeit die WTA-Finals in Singapur.

Angelique Kerber hatte seit Mitte Mai 2012 ihre Stellung als beste deutsche Spielerin im Ranking behauptet. Dass sie nun diejenige ist, die die Olympia-Silbermedaillengewinnerin von Rio de Janeiro abgelöst hat, ist für Julia Görges „erst mal sekundär“.

Julia Görges mit ihrem Coach Michael Geserer (links) und Dr. Markus Witt, dem Vorsitzenden des TC Rot-Blau Regensburg Foto: Brüssel

Coach Michael Geserer unterstützt seinen Schützling in dieser Einschätzung: „Jules spielerische Entwicklung ist uns wichtiger als die Rangliste“, betont der 47-Jährige. Und diese Entwicklung hatte sich nach seinen Beobachtungen bereits im Training angedeutet und im Turnier fortgesetzt. „Jule hat ihr Spiel durchgesetzt. Sie hat weitere Schritte nach vorne gemacht. Das war hervorragend. Sie hat Darja Kassatkina zu keiner Zeit ins Spiel kommen lassen“, lobt Geserer. Der gebürtige Regensburger war in seiner Zeit als Tennisprofi bis auf ATP-Position 189 vorgestoßen. Der 47-Jährige fungiert auch als Teamchef der Eckert-Damen im TC Rot-Blau und gilt als Architekt der deutschen Mannschaftsmeistertitel 2016 und ’17. Für die B-WM in Zhuhai musste sich der Coach von Julia Görges am Dienstag übrigens auf die Schnelle noch in München ein Visum besorgen.

Neue Herausforderung

Die B-WM in Zhuhai stellt für Görges und Geserer eine neue Herausforderung dar. „Wir kommen aus der Halle und gehen wieder raus ins Freie. Wir müssen schauen, dass uns die Umstellung möglichst schnell gelingt“, blickt Geserer bereits voraus aufs kommende Turnier in China und die veränderten Rahmenbedingungen.

Nummer 18 der Weltrangliste: Diese Höhenluft hat Julia Görges bereits geschnuppert. Am Ende des Jahres 2012 stand sie schon einmal auf dieser Position. Dann ging es langsam, aber sicher bergab. Die sportliche Negativentwicklung liest sich in den anschließenden Notierungen zum Jahresabschluss so: WTA-Rang 73 (2013), 75 (2014). Mit dem Wechsel nach Regensburg glückte eine Trendwende: Platz 50 im Jahr 2015, Platz 54 zur Jahreswende 2016/17. Görges war in der Wahrnehmung der deutschen Tennisfans vor allem Doppel-Spezialistin. Immerhin fünf Turniersiege stehen in dieser Sparte für sie zu Buche.

Im Einzel datierte vor dem Kreml-Cup der vorerst letzte von nunmehr drei Erfolgen vom 24. April 2011 in Stuttgart. Zu Beginn des Jahres 2016 in Auckland sowie heuer auf Mallorca, in Bukarest und in Washington stand Görges im Finale, scheiterte jedoch jeweils. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sie am vergangenen Samstag nach dem verwandelten Matchball gegen Kassatkina und dem ersten Einzeltitel seit sechseinhalb Jahren mit feuchten Augen auf dem Court stand. „Das Wichtigste war: Ich habe gemerkt, dass es wieder in die richtige Richtung geht. Konstante harte Arbeit zahlt sich irgendwann aus“, merkte Görges am Montag an. Nach dem Triumph in Moskau habe sie „vor allem Erleichterung empfunden“.

„Nicht so ganz einfach“

Dass es dabei im ehrgeizigen „Team Jule“ mit Geserer und Zitzelsberger nicht immer reibungslos läuft, gab die 28-Jährige augenzwinkernd und schmunzelnd zu: „Ich bin ja manchmal nicht so ganz einfach.“

Wohin führt Julia Görges’ Weg? „Sie hat eindeutig noch sehr viel Luft nach oben“, prophezeit Michael Geserer. Görges sieht’s genauso: „Ich glaube, mein Potenzial ist noch nicht ausgereizt.“ Eine selbstbewusste Aussage, die ihr Coach gerne ergänzt: „Es ist bei weitem noch nicht ausgereizt.“ Doch all das ist Zukunftsmusik. Michael Geserer freut sich zunächst einmal auf die „tolle Ausgangsposition fürs nächste Jahr“. Bei den Australian Open in Melbourne wird Görges im Januar als Gesetzte antreten – mit der Aussicht, den großen Favoritinnen in den ersten Runden aus den Weg zu gehen.

Am 2. November – also während es Turniers in Zhuhai – feiert Görges ihren 29. Geburtstag. Angelique Kerber startete im gleichen Alter richtig durch – bis an die Spitze der Tennis-Weltrangliste. Beim nächsten „kleinen Empfang“ für Julia Görges wäre in diesem Fall vermutlich eine größere Location als das Vereinsheim des TC Rot-Blau vonnöten.

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