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Sport
Samstag, 20. Januar 2018 5

Interview

Für Miriam Dattke geht es ums Gefühl

Die Regensburgerin liebt Abwechslung beim Crosslauf – und kritisiert das deutsche Fördersystem im Gespräch mit Claus Wotruba.
Von Claus-Dieter Wotruba

Miriam Dattke hat sich mittlerweile gut in Regensburg eingelebt. Foto: Brüssel

2017 ist viel passiert bei Ihnen: Wie würden Sie den Unterschied zwischen der Miriam Dattke von Jahresbeginn und der Miriam Dattke benennen, die am Sonntag bei der Cross-Europameisterschaft an der Startlinie steht?


Ich habe mich mittlerweile gut eingelebt in Regensburg und spüre, dass es trainingstechnisch super passt, ich mit dem Team gut zusammenarbeiten kann und sich das auch in den Leistungen widerspiegelt. Das unterstützt mich vor allem mental. Trotz des hohen Pensums kann ich das Training super durchziehen. Alles harmoniert.

Bis zum Sommer machte Kurt Ring mit Ihnen Ferntraining. Was hat der Einzug ins Athletenhaus der LG Telis Finanz vereinfacht?

Ich hatte in Berlin Probleme, schnelle Einheiten umzusetzen. Das ist von Haus aus nicht meine Stärke, alleine war es eine Herausforderung. Hier habe ich eine Corinna Harrer (Olympia-Teilnehmerin 2012, d. Red.), die mich mitzieht, mir hilft und mich berät. Es macht einen großen Unterschied, ob du alleine auf dem Platz bist oder Trainer und Team hast. Ich habe nicht nur mehr und besser trainiert, sondern auch viel an Erfahrung mitbekommen.

Vor einem Jahr dachte die Jura-Studentin noch ans Aufhören. Nun löste die Regensburger Telis-Läuferin ihr Cross-Ticket.

Mittendrin lag die U-20-Europameisterschaft, wo eine Dattke als Favoritin antrat und mit Silber zurückkam. War das auch so ein markanter Punkt des Jahres?

Bei dem Rennen war ich müde, auch mental müde. Ich mache mir immer selber Druck und Stress. Das war ein Wettkampf, bei dem ich lernen musste, ruhig zu bleiben, was mir nicht leichtgefallen ist. Da ist davor auch die eine oder andere Träne geflossen. Ich denke, dass wir das ganz gut hinbekommen haben. Und letztlich ist es nur eine Jugendmeisterschaft – und die sind dazu da, um dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln. Dementsprechend war ich glücklich mit dem zweiten Platz. Vor einem Jahr hatte ich nur geträumt, da hinzukommen. Dann um eine Medaille zu rennen, war der Hammer.

Noch ein Vergleich: Die Dattke 2016 bei der Cross-EM und jetzt 2017 sind auch zwei paar Stiefel?

Ja, enorm. Vergangenes Jahr war fast ein Horror, das war kein Laufen. Ich hatte nicht annähernd die Form von jetzt. Ich hatte es dorthin geschafft, das hat mich gefreut, aber ich war den Sommer davor verletzt. Diesen Herbst konnte ich gut trainieren und beinahe alles umsetzen wie gewünscht. Da ist jetzt viel mehr Grundlage da.

Cross ist sehr eigen: Prognosen sind hier noch mehr Kaffeesatzleserei als auf Bahn und Straße. Wann wäre Miriam Dattke am Sonntag zufrieden mit sich?

Das ist schwierig. Ich weiß nicht, wie die Strecke ist, aber ich würde schon gerne unter die Top 15 laufen. Ich werde auch versuchen, mit der vordersten Gruppe loszulaufen und dann schauen, was geht.

Bei der U-20-EM im Juli war Dattke über 5000 Meter die schnellste Gemeldete. Lesen Sie mehr.

Drastisch formuliert interessiert Crosslauf in Deutschland keine Sau – anders als in anderen Ländern. Was gefällt Ihnen daran?

Die Abwechslung: Jede Strecke ist anders. Und dass alle zusammenkommen: Die Konkurrenz auf der Bahn ist verteilt auf 1500, 3000 oder 5000 Meter. Hier sind alle beieinander: Und jedes Rennen ist anders. Es gibt keine Rundenzeiten, sondern du musst mehr auf dein Bauchgefühl hören. Es ist viel taktischer. Das finde ich so cool am Cross.

Ist es auch entspannter, weil Zeiten keine Rolle spielen?

Man rennt nur um die Platzierung und alle haben die gleichen Bedingungen. Am Ende ist es vielleicht hart. Aber mit Regen oder Matsch haben alle gleich zu kämpfen.

Sie sind eine der Aufsteigerinnen – aber keine EM-Kandidatin für Berlin 2018.

Ich komme nächstes Jahr auf alle Fälle nach Berlin, meine Familie besuchen (lacht). Ich bin schon sehr überrascht, was dieses Jahr alles passiert ist. Mir ist bewusst, dass ich nicht erwarten kann, jedes Jahr solche Sprünge zu machen. Ich bin froh, wenn ich mehr Konstanz in meinen Leistungen bringe, was mir noch sehr schwerfällt. Die EM ist da noch in weiter Ferne.

„Es sollte nicht immer nur darum gehen, dass man eine Goldmedaille gewinnt.“

Dämpft die Laufbegeisterung, wenn man so beobachtet, was in Sachen Förderung abgeht und wie gnadenlos in den Kadern aussortiert wird. Wie sieht das eine aufstrebende Athletin wie Sie?

Mich demotiviert das nicht. Ich mache mir da nicht so einen Kopf und schaue, dass ich mich entwickle. Aber ich finde es schade und ärgerlich, dass das Fördersystem bei uns nicht so funktioniert, wie es funktionieren sollte. Dass Teamkollegen wie Philipp Pflieger oder Corinna Harrer nicht im Kader sind, verstehe ich nicht. Gerade in Bereichen, wo man schwächer ist, muss man doch fördern. Man gibt ja auch nicht guten Schülern Nachhilfe-Unterricht und sagt schlechten Schülern: „Nee, ihr schafft keine Eins, da brauchen wir nichts machen.“

Wie wirkt sich das aus?

Miriam Dattke liebt die Abwechslung, die die Crossrennen liefern. Nur Kälte mag sie weniger. Foto: Kiefner

Ich kriege es ja auch bei einigen aus meinem alten Team mit, die sagen: „Laufen ist schön und gut, aber ich muss mich auf mein Studium konzentrieren, weil ich später die Butter aufs Brot bekommen muss.“ Ich habe das Glück, dass ich einen guten Verein habe, der unterstützt, und Eltern, die voll dahinterstehen. Aber ich finde es traurig, wenn Leute aufhören müssen, weil es an Geld für Trainingslager und Wettkämpfe mangelt.

Als Deutscher bei EM oder WM Fünfzehnter zu werden, ist wohl nicht erlaubt.

Miriam Dattkes starkes Jahr

  • Die Jurastudentin,

    die seit diesem Jahr das Trikot der LG Telis Finanz Regensburg trägt, feierte 2017 ihren größten Karriereerfolg. Bei der U-20-Europameisterschaft im Sommer im italienischen Grossetto gewann sie über 5000 Meter Silber.

  • Am Sonntag

    startet sie im slowakischen Samorin um 9 Uhr im ersten Wettbewerb des Tages zum zweiten Mal bei einer Cross-EM.

  • Vor einem Jahr

    im sardischen Chia gehörte Dattke zum deutschen Silberteam, trug dazu als fünfte Deutsche aber keine Punkte bei.

  • Diesmal gehört sie

    zum Favoritenkreis und bezwang zuletzt in Darmstadt die U-20-Europameisterin über 3000 Meter, Delia Sclabas aus der Schweiz, die wie Dattkes niederländische Bezwingerin von Grossetto, Jasmijn Lau, dabei ist.

Da muss man sich wieder fragen, welchen Sinn Sport hat. Es sollte nicht immer nur darum gehen, dass man eine Goldmedaille gewinnt. Da geht es um so viel mehr. Es ist eben nicht so realistisch, dass ein deutscher Läufer Marathon-Olympiasieger wird. Aber für mich ist das kein Grund, Athleten, die genauso hart trainieren wie Werfer oder Weitspringer, nicht auch zu unterstützen. Sonst werden wir da ja nur noch schwächer.

Könnte das auch für Sie mal ausschlaggebend werden?

Noch bin ich Studentin und das funktioniert so ganz gut. Deswegen muss ich mir noch keine Gedanken machen. Aber wenn ich mal fertig bin mit dem Studium, wäre mein Traum schon, einen Arbeitsplatz zu haben, wo ich Arbeiten und Laufen kann. Aber das möchten viele und es lässt sich nicht immer umsetzen.

Das kriegt nicht jeder so hin wie ihre Klubkameradin Anja Scherl, die Vollzeit arbeitet und trotzdem gut mit dabei ist.

Davor habe ich enorm viel Respekt. Vor Anja, aber auch einem Benedikt Huber, die beide die Doppelbelastung haben. Ich merke manchmal schon bei mir als Studentin, dass man daheim müde ist und keine Lust mehr hat, sich an den Schreibtisch zu setzen. Auch sich Zeit fürs Trainingslager zu nehmen, ist nicht einfach. Ich war vorher auf der Sportschule, da war das kein Problem. Jetzt habe ich Anwesenheitspflicht an der Uni bei manchen Übungen. Und wenn ich dreimal fehle, muss ich das Semester noch mal machen.

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