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Fussball

Gigantische Fallhöhe im Fall Mario Götze

Der WM-Held steht an der Gabelung der Karriere. Führt sein Weg irgendwann nach China oder doch irgendwie in die Weltklasse?
Von Heinz Gläser, MZ

Skeptischer Blick: Die Erwartungen, die er einst weckte, holten Mario Götze immer wieder ein. Foto: dpa

Regensburg.Da saß sie nun, die Fleisch gewordene Zukunft des deutschen Fußballs. Pausbäckig, glühend vor Nervosität im gleißenden Scheinwerferlicht der Kameras, schüchtern wie ein verknallter Pennäler. „Ich war sehr aufgeregt vor dem Spiel. Dann habe ich versucht, mich zu fokussieren. Und ich glaube, das ist mir im Großen und Ganzen gut gelungen“, stellte Mario Götze sein Licht unter den Scheffel. Derweil strömten die Zuschauer aus dem Stuttgarter Stadion, beseelt von der sicheren Gewissheit, an diesem 10. August 2011 Zeugen der Geburt eines Weltstars geworden zu sein.

Zum 3:2-Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Test gegen Brasilien, seinem ersten Länderspieleinsatz in der Startelf, hatte der damals 19-Jährige das 2:0 beigesteuert und derart gewirbelt, dass die Lobeshymnen nur so auf ihn niederprasselten. Fans und Medien hängten dem Wunderkind aus Dortmund Spitznamen wie „Götzinho“ oder „Mini-Messi“ an, doch der gebürtige Memminger wiegelte peinlich berührt ab: „Ich werde in der Mannschaft eigentlich nur bei meinem Vornamen gerufen.“

Eine Bildergalerie zur Karriere von Mario Götze sehen sie hier:

Mario Götze

Nicht mal drei Jahre später, am 13. Juli 2014, saß Mario Götze in den Katakomben des Fußball-Tempels Maracanã in Rio de Janeiro und stand der Weltpresse Rede und Antwort. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, verglichen mit Stuttgart. Kurz bevor der Siegtorschütze des WM-Endspiels das Podium erklomm, entledigte er sich in den Kulissen eines ausgelutschten Kaugummis. Alsdann wirkte Götze alles andere als dem Anlass gemäß euphorisiert, sondern eher routiniert gelangweilt und einsilbig. „Höchstens zwei Fragen“, das hatte der „Mann des Spiels“ dem Fifa-Offiziellen noch schnell zugeraunt. Klar, Mario Götze ist ein typischer Vertreter der Facebook-Spielergeneration, die sich ihre öffentliche Wahrnehmung am liebsten über die sozialen Medien selbst bastelt. Journalistenfragen erachtet diese meist für lästig bis überflüssig.

In der besonderen Situation des WM-Finals und als frischgebackener Weltmeister hätte Götze freilich zumindest in Erwägung ziehen können, dass er Medien aus aller Welt und speziell solchen aus dem Land des geschlagenen Gegners Argentinien gegenübersaß – und diese mit seiner betont abweisenden Art ratlos bis pikiert zurückließ. Im eigenen Land lastete damals schon ein schwerer Jungschnösel-Verdacht auf dem Professorensohn.

„Die richtige Frau...“

Mehmet Scholl hatte seinerzeit in Stuttgart die Frage bejaht, ob Mario Götze der kommende Mann und große Hoffnungsträger der DFB-Elf sein könnte. Der ARD-Experte versah diese Einschätzung jedoch mit einer Einschränkung: „..., wenn er verletzungsfrei bleibt und irgendwann die richtige Frau wählt.“ Nun, Götzes Liaison mit der modelnden Dauerfreundin Ann-Kathrin Brömmel soll sich aktuell im Krisenmodus befinden, sofern man einschlägigen Fachmagazinen und -portalen für Beziehungsfragen Glauben schenken darf. Mit dem ersten Teil seiner Prognose bewies Scholl indes prophetische Gaben. Mario Götze ist seit seinem kometenhaften Aufstieg vor allem eines: ein Dauerpatient.

Dies gilt aktuell wieder, da ihn eine mysteriöse Stoffwechselerkrankung auf unbestimmte Zeit zum Zuschauen verdammt. Sie wird als die Wurzel allen Übels angesehen und könnte Götzes unheimliche Serie von schweren Muskelverletzungen erklären.

Zu früh satt?

Am 3. Juni feiert Mario Götze seinen 25. Geburtstag. Er steht am Scheideweg seiner Karriere. Das ist ja das Schizophrene an seiner Situation: Mario Götze, der angeblich Unvollendete, hat in jener magischen Nacht von Rio de Janeiro eigentlich bereits alle Hoffnungen des Fußball-Volks erfüllt – und lässt dieses ansonsten seit jenem 13. August 2011 zappeln. Ist der nicht nur von Felix Magath zum „Jahrhunderttalent“ ausgerufene Filigrantechniker und Multimillionär womöglich zu früh satt? Oder wird der von Joachim Löw in der 88. Minute des WM-Finales mit dem legendären Satz „Zeig der Welt, dass Du besser bist als Messi!“ aufs Feld beorderte Götze in seinen fußballerischen Möglichkeiten schlicht maßlos überschätzt?

Mario Götze mit seiner Freundin, dem Model Ann-Kathrin Brömmel, während der EM in Frankreich Foto: dpa

Fest steht, dass er immer noch nach seiner Rolle sucht. Nicht nur beim FC Bayern, wo er sie nach seinem von großem Ballyhoo begleiteten Wechsel aus Dortmund im Jahr 2013 nie fand. Auch in Dortmund sind seit der Rückkehr zu Beginn der laufenden Saison seine ungeliebten Stammplätze das Krankenlager und die Ersatzbank.

Selbst in der Nationalmannschaft, in der ihm Bundestrainer Löw nibelungentreu zur Seite steht, fahndet man nach mittlerweile 62 Länderspielen und 17 Treffern noch nach Mario Götzes Idealposition. Falsche Neun, hängende Elf, klassische Zehn, echte Acht? Oder irgendetwas taktisch Undefinierbares dazwischen, eine Rolle als freischaffender Offensivkünstler?

Es war einer von lediglich 22 Ballkontakten nach seiner Einwechslung, doch das Tor von Rio in der 113. Minute überstrahlt die Tatsache, dass Mario Götze auch im Nationaltrikot selten das Glück küsst. Die EM 2012 in Polen und der Ukraine endete für den Shootingstar mit lediglich zehn Einsatzminuten im Viertelfinale gegen Griechenland deprimierend. Bei der WM 2014 und der EM 2016 gehörte er jeweils nur zu Beginn zu Löws Anfangsformation und musste im Turnierverlauf stets weichen, als der Bundestrainer Stoßstürmern wie Miroslav Klose oder Mario Gomez den Vorzug gab.

Es gibt ein Zitat, das die gigantische Fallhöhe im Fall Götze ziemlich genau skizziert. Es stammt vom Dortmunder Teamkollegen Marcel Schmelzer und lautet: „Als er bei uns gespielt hat (in seiner ersten BVB-Zeit von 2009 bis 2013/d. Red.), gingen wir alle davon aus, dass Mario irgendwann der beste Spieler der Welt werden würde.“ Und es gibt eine aktuelle Aussage von Lothar Matthäus, mit der Deutschlands Rekordnationalspieler den Begnadeten bereits abschreibt – beziehungsweise weit vor der Zeit aufs fußballerische Altenteil schickt: „Ganz ehrlich, auch wenn es ein bisschen böse klingt: Wenn es Götze bei Dortmund nicht packt, muss er nach China gehen. Denn Götze will sicher nicht weniger Geld verdienen. Nach Schalke geht er nicht, nach Leverkusen passt er nicht, Gladbach kann sich Götze nicht leisten. Topvereine aus dem Ausland haben ihn nicht mehr so auf dem Zettel“, urteilte Matthäus in der „Sport Bild“.

Einnahmequellen auf Lebenszeit

Götzes immer noch recht kurze Karriere ist so besehen seit dem fulminanten Start ein einziger Abstieg – mit der Ausnahme des einzigartigen Gipfelsturms von Rio de Janeiro. Doch er muss sich und uns ja seither nichts mehr beweisen – und noch mehr Geld verdienen muss er auch nicht mehr. Der ewige Ruhm des Finaltorschützen sichert dem gläubigen Christen lukrative Einnahmequellen auf Lebenszeit.

Doch wie gesagt: Mario Götze ist gerade mal 24 Jahre alt. Dass er besser wird als Lionel Messi, erwartet kein Mensch mehr. Aber vielleicht überrascht Mario Götze die Welt nochmal, indem er besser wird, als es der blutjunge Mario Götze einst war.

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