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Montag, 26. Juni 2017 30° 3

MZ-Interview

„Ich wollte nicht mehr lügen müssen“

Homosexualität ist im Fußball noch immer ein Tabu-Thema. Ein Amateurfußballer aus der Region schildert der MZ seine Sicht der Dinge.

Im Schatten: Bislang hat sich noch kein Bundesliga-Profi geoutet. Auch der Gesprächspartner der MZ-Sportredaktion möchte vorerst unerkannt bleiben. Foto: Fotolia

Regensburg. Im September hat ein Interview eines Fußballers in der Onlineausgabe des Jugendmagazins „Fluter“ für Aufsehen gesorgt. Anonym sprach der Bundesliga-Profi über seine Angst, sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen. Schwul sein und Fußball spielen – beides unter einen Hut zu bringen war auch lange für Thorsten N. (Name von der Redaktion geändert) schwierig. Dieses Jahr hat sich der Amateurkicker geoutet, zumindest teilweise. Seine Mannschaft weiß Bescheid, seine Eltern nicht. Mit MZ-Sportredakteurin Birgit Pinzer spricht er über sein Outing, über seinen Verein und seine Träume.

Wir haben in Deutschland eine Frau als Kanzlerin. In unserer Regierung sitzen ein Rollstuhlfahrer, ein aus Asien stammendes Adoptivkind und ein schwuler Außenminister. Wir lachen mit Hape Kerkeling und Hella von Sinnen. Wir hören uns Lieder von Elton John & Co. an. Wieso ist Homosexualität im Sport, und gerade im Fußball, nach wie vor ein Tabu-Thema?

Im Sport ist Härte gefragt, das bringen viele nicht mit Schwulsein zusammen. Viele haben nach wie vor das Bild eines Schwulen im Kopf, der mit Handtasche rumrennt. Sie denken, dass ein Schwuler zu weich ist, solche Sachen halt.

Hatten Sie denn selbst Erlebnisse in der Richtung?

Ich habe es die letzten Jahre unterdrückt.

Dass Sie schwul sind?

Ja. Ich wollte das nicht akzeptieren. Jetzt ist es besser geworden. Ich habe mich dieses Jahr teilweise geoutet, im Freundeskreis, und auch die Mannschaft weiß Bescheid.

Wie geht die Mannschaft damit um?

Es ist glücklicherweise kein Thema. Es gab überhaupt keine negativen Reaktionen. Die Leute kennen mich zum Teil seit Jahren. Und ich habe mich ja nicht verändert. Allerdings merkt man auch, manche rücken ab. Aber der allgemeine Tenor ist: „Ja, es ist gut, dass du es gesagt hast.“

Hatten Sie Angst, es zu sagen?

Ja. Früher hätte ich allerdings noch mehr Angst gehabt. Im Alter von 18 oder 20 war es auch leichter, das Schwulsein wegzuschieben, zu unterdrücken. Je älter ich wurde, desto schwieriger wurde es. Man will ja doch gerne auch mal eine Beziehung führen, ungezwungen auf Veranstaltungen gehen oder zum Essen; einfach rausgehen. Man muss ja nicht gleich Hand in Hand durch die Gegend spazieren, aber man will es zeigen, besser gesagt: Man will nicht das Gefühl haben, es verbergen zu müssen. Man will nicht alleine durchs Leben gehen.

Und darum haben Sie sich jetzt zum Teil geoutet?

Ja. Der Druck war zu groß geworden. Es ist ein wahnsinniger Druck. Ich dachte jeden Tag dran. Das kann man sich als Hetero gar nicht vorstellen. Es staut sich so viel auf. In ganz banalen Situationen kam ich ins Grübeln. Beispielsweise fragt jemand: „Hast du eine Freundin?“ Sage ich jetzt ja, sage ich nein? Muss ich mich in dem Moment vielleicht als Hetero verkaufen? Ich hatte sogar einige Freundinnen. Aber jetzt wollte ich einfach befreiter sein. Ich wollte nicht mehr lügen müssen, nicht mehr schauspielern.

Wie muss ich mir Ihr Outing vorstellen? Haben Sie sich vor die versammelte Mannschaft hingestellt und eine Ansprache gehalten?

Ich hab’s zunächst über Facebook gemacht. Nicht im öffentlichen Bereich, sondern im privaten. Hinstellen hätte ich sehr schwierig gefunden. Ich bin ja eigentlich niemandem Rechenschaft schuldig. Aber ich dachte, irgendwas muss ich machen, damit ich weiter mit den Leuten zusammen sein, weiter Fußball spielen kann.

Wer war der erste, dem Sie es überhaupt erzählt haben?

Das war nicht jemand aus der Mannschaft, das war mein bester Freund. Der ist Hetero und verheiratet. Das war heuer im März. Er war... ich würde jetzt nicht sagen schockiert, aber sehr überrascht. Er hat schon zwei, drei Wochen gebraucht, um damit klarzukommen. Seine Frau war hingegen ganz locker, die sagte: „Mei, und? Was ist jetzt? Ändert sich doch nichts.“ Wer’s halt noch nicht weiß, ist meine Familie. Mutter, Bruder, Vater.

Schwierig?

Schwierig. Was ich überhaupt nicht machen würde, wäre, mich in der Arbeit zu outen. Ich arbeite in einer großen Firma.

Wieso nicht? Wenn dort so viele arbeiten, werden Sie ja nicht der Einzige sein.

Sicherlich. Aber es ist trotzdem etwas sehr Privates. Das möchte ich trennen. Und – wir sind in Bayern, die katholische Kirche hat ziemliche Vorbehalte. In einer Großstadt oder wenigstens in einer Stadt in der Größe von Regensburg oder so stelle ich mir es einfacher vor. Hier auf dem Land...

Ganz so ist es ja auch nicht mehr. In Niederbayern gibt’s einen Landrat, der kürzlich erst seinen Freund geheiratet hat.

Das habe ich auch gelesen. Aber trotzdem stelle ich mir es schwierig vor. Sehen Sie, ich möchte auch nicht, dass Sie in diesem Interview meinen Namen nennen, weil ich erst die Reaktionen abwarten möchte. Als Amateur-Fußballer stehe ich ja auch irgendwie in der Öffentlichkeit. Und nicht jeder Verein regiert vielleicht so positiv, wie der Verein, in dem ich bin.

Und wieso sprechen Sie mit mir?

Ich möchte trotzdem anderen Mut machen, die vielleicht in meiner Situation sind. Auch die Kinder und Jugendlichen sind da angesprochen. Sie sollten es doch einfacher haben, als es jetzt ist.

Sie verstehen also, dass schwule Bundesligaprofis sich nicht namentlich outen?

Als Profi stelle ich es mir noch schwieriger vor, als es in meinem Fall ist. Der spielt jedes Wochenende vor 60 000, 70 000 Leuten. Der wird angeschaut, kommt im Fernsehen. Wenn er sich öffentlich outen würde... Es gibt bestimmt Fans die sagen, das ist okay, aber es gibt auch andere, die anders reagieren.

Gut, manche Klubs haben Fans, deren Niveau unterhalb der Grasnarbe liegt. Bei anderen – wie beispielsweise St. Pauli – wär’s wohl eher kein Problem, oder? Die hatten mit Corny Littmann auch einen schwulen Präsidenten, und das war jetzt auch nicht das große Thema.

Ich kann trotzdem verstehen, dass er es nicht tut, und dass er Angst vor den Reaktionen hat. Aber natürlich wäre es wünschenswert. Irgendwann sollte es passieren. Weil es einfach Realität ist. Man sagt, statistisch gesehen gibt es in jeder Mannschaft einen, der solche Neigungen hat. Wenn mehrere aufstehen und es sagen würden, wäre es vielleicht einfacher.

Wann merkten Sie, dass Sie anders sind?

In der Schule im Alter von 13, 14 Jahren. Ich verliebte ich mich in einen Jungen aus der Parallelklasse. Immer, wenn ich den gesehen habe, hatte ich Herzklopfen. Mich faszinierte seine Stimme, sein Aussehen, sein Wesen. Da dachte ich mir: „Irgendwas stimmt mit mir nicht. Ich habe ein komisches Gefühl. Was soll das?“ Aber es ist nie was passiert.

Wann konnten Sie sich Ihre Homosexualität eingestehen?

Als es die ersten sexuellen Kontakte gab, aber das hat lange gedauert. Ich habe versucht, mir einzureden, das sei nur eine Phase, das vergeht schon wieder. Aber mittlerweile bin ich da für mich auf dem richtigen Weg, hoffe ich. Es gibt Leute, die daran zerbrechen, das möchte ich nicht.

Frauen scheint es leichter zu fallen, mit dem Thema umzugehen. Ich denke an die Torhüterinnen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Nadine Angerer, die Frauen und Männer liebt. Ursula Holl berichtete von der Hochzeit mit ihrer Freundin. Das wurde zur Kenntnis genommen – und war dann kein großes Thema mehr.

Bei Frauen ist es einfacher. Männersport wir härter angeschaut. Die meisten Fans sind Männer. Im Frauensport ist auch nicht so viel Geld unterwegs. Bayern-Präsident Uli Hoeneß sagte kürzlich sinngemäß: „Wenn beim FC Bayern ein Spieler kommt und sich outen möchte, sind wir vorbereitet.“ Das nehme ich ihm auch ab. Das Beste wäre, wenn sich jeder Verein diesem Thema mal stellen würde. Einfach mal drüber reden, was wäre, wenn. Ob alle Vereine, besonders die Profiklubs, das wirklich begrüßen würden, wenn einer sagt, er ist schwul? Ich weiß es nicht. Es gäbe viel zu klären. Würden die Fans das Trikot eines schwulen Fußballers kaufen und auch tragen? Muss ich als Verein den Spieler extra schützen?

Haben Sie Angst vor dem Publikum?

Unser Sportverein hat mehrere Abteilungen. Ich weiß nicht, ob jemand von der Mannschaft weitererzählt, dass ich schwul bin, und wem er es erzählt. Ich habe lange mit dem Trainer gesprochen. Der sagte zwar ebenfalls: „Super, leb’ dein Leben, so wie du es für richtig hältst.“ Er hält es aber auch für richtig, dass sich alle ein bisschen still halten.

Um Sie oder/und die Mannschaft zu schützen?

Ich würde nicht sagen schützen, aber man muss das Thema sensibel behandeln. Es kommt eher auf mich an, wie ich in Zukunft damit umgehe. Also ich meine damit: im Verein, in der Gemeinde, in der Öffentlichkeit.

Verletzen Sie Schimpfwörter?

Ich habe bis jetzt keine Schimpfwörter in meinem Freundeskreis gehört.

Ich meine nicht den Freundeskreis. Ein Beispiel: Ich saß auch schon im Stadion und habe Sachen gesagt wie: „Was für ein schwules Gekicke.“ Von solchen unbedachten Äußerungen, die trotzdem wehtun können, spreche ich.

Oder: „Was ist das für ein schwuler Ball.“ Das habe ich schon selber gesagt. Also, damit habe ich jetzt kein Problem, das stört mich nicht groß. Aber ich kann andererseits damit auch nichts anfangen, denn: Wie können ein Ball, ein Gekicke schwul sein? Aber wenn mich jemand persönlich angreifen würde, dann wüsste ich nicht, wie ich reagieren würde. Das finde ich diskriminierend, genauso wie wenn Fans Affenlaute von sich geben, wenn Schwarze spielen.

Aber jeder im Fußball weiß, dass es zum Stadion-Alltag gehört, dass nicht nur geschimpft, sondern auch beschimpft wird. Da muss man weder schwul noch schwarz sein. Das müssen auch andere über sich ergehen lassen. Dietmar Hopp, der Mäzen von Hoffenheim, wird gerne als Sohn einer Sexarbeiterin bezeichnet. Oder denken Sie an Manuel Neuer, als er von Schalke zum FC Bayern wechselte.

Ja, das passiert. Leider sehr oft. Aber trotzdem ist das beleidigend und nicht in Ordnung. Ich finde, man muss respektvoll miteinander umgehen, sich ernst nehmen, das ist das Entscheidende.

Hat sich im Umgang mit dem Team seit Ihrem Outing etwas verändert? Ich greif’ jetzt mal tief in die Klischeekiste: beim Duschen oder beim Torjubel?

Ich war die ersten Momente schon sehr vorsichtig und dachte mir: „Was denken die jetzt?“ Aber nee, von den Teamkollegen gab es überhaupt nichts. Ich hab die letzten zehn Jahre mit denen geduscht und gejubelt, ich dusche und jubele mit denen weiter. Da hat sich nichts geändert. Das ist ja nicht so, dass man als Schwuler jedem Mann hinterherschaut.

Sollten Funktionäre Ihrer Ansicht noch mehr für die Akzeptanz homosexueller Spieler tun?

Da muss noch viel mehr kommen, sei es vom Bayerischen Fußball-Verband oder vom DFB. Vor allem im Amateurfußball. Vielleicht ginge es sogar leichter von unten nach oben, Verständnis zu wecken. Im Profibereich stelle ich mir das schwierig vor. Es geht einfach darum, offen damit umzugehen. Schwul sein ist nichts Schlimmes, es ist keine Krankheit, es ist nicht ansteckend, es ist nicht besser, es ist nicht schlechter, es ist einfach so.

Ich möchte noch mal auf Ihre Familie zurückkommen. Sie sind jetzt Ende 20. Die fragt doch bestimmt auch mal nach, wie sieht’s aus? Freundin, Enkel, etc...

Sicherlich, aber vielleicht nicht so intensiv. Ich habe, wie bereits gesagt, früher Freundinnen mit zu meinen Eltern gebracht. Meine Eltern gehören einer älteren Generation an, ich weiß nicht, wie sie es auffassen werden. Man möchte die Leute, die man gern hat, die man liebt, nicht anlügen, nicht unehrlich sein. Aber man will sie auch nicht verletzen. Ich möchte probieren, es ihnen heuer noch zu sagen. Oder vielleicht nächstes Jahr. Ich weiß es nicht... Ich muss den richtigen Moment abwarten. Ich hoffe, dass sie es akzeptieren können. Aber alleine durchs Leben gehen ist langweilig.

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