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Samstag, 21. Oktober 2017 19° 1

Marathon

Immer und immer wieder Berlin

Der Regensburger Olympialäufer Philipp Pflieger zeigt, dass es nicht nur um Titel und Rekorde geht. Er sucht seine Grenzen.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

2015 kam Philipp Pflieger bei seinem ersten Marathon auf Platz 16 als bester Deutscher ins Ziel. Foto:dpa

Regensburg.Philipp Pflieger läuft. Immer seltener auf der Bahn. Und auch längst nicht mehr nur auf der Straße. Der 30-Jährige joggt beim Video-Dreh schon mal quer durch die Kraterlandschaft von Lanzarote und wird angefeuert von Sänger Alexander Hirsch: „Lauf Junge“. Oder Philipp Pflieger hetzt in Berlin quer durch die Stadt um die Wette gegen die U-Bahn. Modern ausgedrückt heißt das „race the tube.“ Natürlich gewinnt Pflieger.

Sehen Sie hier, wie Philipp Pflieger in Berlin gegen die U-Bahn läuft.

Am Sonntag ist der Mann von der LG Telis Finanz, der seit zehn Jahren in Regensburg lebt und Deutschland 2016 bei Olympia in Rio de Janeiro vertrat, wieder in Berlin aktiv. Und wer weiß: Wäre jemand rechtzeitig auf die Idee gekommen, vielleicht hätte er am Tag der Bundestagswahl sogar spektakulär sein Kreuzchen während des Marathons in einer laufenden Wahlkabine gemacht. „Nein, nein“, grinst Pflieger, „ich habe meine Bürgerpflicht schon per Briefwahl erledigt.“

Berlin ist längst zu Philipp Pfliegers Schlüsselort im Laufen geworden. Erstens ist er öfter hier, zu den diversesten Gelegenheiten. „Das ist wie eine zweite Heimat. Wenn ich an der Spree unterwegs bin, grüßen mich die Leute inzwischen“, sagt Pflieger. Zweitens findet hier die Europameisterschaft 2018 statt. „Das ist ein Riesenthema. So eine große Heim-Veranstaltung ist nicht jedem vergönnt.“ Und drittens begann hier vor zwei Jahren die Verwirklichung seines Lebenstraums von der Teilnahme an Olympischen Spiele.

Für Olympia hätte ich alles geopfert“, sagte Philipp Pflieger. „Dem hatte ich mein ganzes Leben untergeordnet.“ 2016 erfüllt sich das ganz große Ziel, das der Schwabe, der seit 2007 in Regensburg lebt, von klein auf hatte. „Ohne hätte es sich unvollständig angefühlt.“ Es störte Pflieger wenig, dass in Rio nicht alles passte. „Es ist ja egal, wo Olympia ist. Das ist etwas Höheres, Besonderes, Einmaliges. Und das bleibt.“ Foto: dpa

Nach 2:13:57 Stunden sah er zum ersten Mal in seinem Leben die Ziellinie im Marathon und war auf Rang 16 bester Deutscher. Bis das als Qualifikation für Brasilien 2016 galt, dauerte es zwar und bedurfte auch anwaltlichen Drucks, aber es reichte. „Berlin hätte auch der Endpunkt sein können“, sagt Philipp Pflieger. Nach dem Zusammenbruch beim ersten Versuch in Frankfurt hatte er die Schnauze voll gehabt. „Entweder kann ich jetzt Marathon laufen oder nicht“: So hieß die Berliner Prämisse. „Ein drittes Mal hätte ich es für Rio nicht probiert.“

Philipp Pflieger kennt das Hopp-oder-topp-Gefühl nur zu gut. Immer und immer wieder spielte dem Schwaben sein Körper einen Streich. Unterkriegen ließ er sich nie. Er schaffte es zur Europameisterschaft in Helsinki 2012 (15. über 5000 Meter), er verwand die knapp verfehlte Nominierung 2014 für Zürich und war 2016 im Olympia-Vorfeld in Amsterdam im EM-Halbmarathon dabei (Platz 33).

Jenseits aller Förderung

Der Regensburger ist längst eine Konstante in der deutschen Läuferlandschaft geworden. Er hat sich die Wertschätzung woanders geholt als in den Leichtathletik-Strukturen. „In meinem elften Jahr im Bundeskader habe ich heuer das erste Mal null Euro Zuschuss für Trainingslager oder so bekommen“, sagt Pflieger. „Das ist die Leistungssportreform: Wir sind halt nicht die, die die Medaillen bringen.“

Sauer ist Pflieger darüber nicht. „Ich sehe das teilnahmslos. Ich mache mein Ding mit Kurt (Kurt Ring, seinem Trainer) und das, worauf ich Lust habe. Mehr denn je mache ich all das für mich.“ Der Läufer hat seine Angelegenheiten in die eigenen Hände genommen. Nach Olympia brach die Motivation nicht ein, im Gegenteil: „Rio hat mir irgendwie eine Last genommen“, sagt Pflieger, der die Lage sondierte und neue Wege ging. „Mit 30 habe ich auch eine Verantwortung gegenüber meiner Freundin“, sagt er und meint längst nicht nur die Rentabilität seines Berufs, sondern vor allem auch den damit verbundenen Zeitaufwand.

Philipp Pflieger belegte in Rio unter 140 Marathonläufern, die das Ziel erreichen, in 2:18:56 Stunden Platz 55. Es ist das größte Rennen in der Karriere des Regensburgers, der im Olympia-Vorfeld im Halbmarathon bei der Europameisterschaft in Amsterdam im Halbmarathon gestartet war. 2012 hatte der 30-Jährige in Helsinki mit der EM die erste internationale Großmeisterschaft seiner Laufbahn erlebt. Foto: dpa

Und siehe da: Philipp Pflieger erstaunt sich wieder selbst. „Meine Spinnerei“, wie er es selbst nennt, erfüllt sich. „Es hat alles funktioniert.“ Im Herbst 2016 beginnt er einzufädeln und fliegt nach Hamburg zu der renommierter Werbeagentur Jung von Matt. Dort sind bekannte Fußballer wie Arne Friedrich und Christoph Metzelder mit am Werk und vermarkten Sportler, „die absolut nicht meine Kragenweite sind wie Formel-1-Fahrer Nico Hülkenberg oder Fußballer Benedikt Höwedes.“ Sie durchleuchten Pflieger in einem einstündigen Gespräch genau. „Die haben alles von mir gewusst.“ Nach einer Woche kam die SMS mit der Botschaft der bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Auch bei den Gesprächen mit Ausrüster Adidas ist Pflieger offen und ehrlich: „Ich habe gesagt, dass ich nie Weltrekord laufen und auch nie Olympiasieger werde, weil ich gewisse Grenzen nie überschreiten werde.“ Auch da sehen die Verantwortlichen Potenzial. „Ich bin jetzt Markenbotschafter“, sagt Pflieger zu seinem „ganz, ganz anderen Vertrag“ und findet die Frage legitim, wie ein Olympia-55. von seinem Sport leben kann.

Genauso legitim findet es Pflieger, dass jemand Lauf-Videos auf Lanzarote und Wettrennen gegen U-Bahnen kritisch beäugt. Zeiten aber bleiben ihm wichtig. „Nur, weil ich mehr mit Show und Vermarktung zu tun habe, habe ich ja meinen Anspruch nicht verloren“, sagt Philipp Pflieger und ist stets bestrebt, die Weiterentwicklung zu suchen und seine persönlichen Grenzen auszuloten. „Wie schnell kann ich laufen? An die 2:10, vielleicht sogar unter 2:10?“

Die Weichen sind gestellt

Für Sonntag sind die Weichen gestellt, gut gestellt. Der Mann mit der interessanten Läufergeschichte fühlt sich „geerdeter“ und wirkt nicht nur viel entspannter als früher, sondern ist es. 2017 hat er zwar den geplanten Hamburg-Marathon wegen muskulärer Probleme absagen müssen, aber sonst lief alles: Bessere Werte, bessere Zeiten, kaum ein Training, das er nicht wie vorgesehen absolvierte. „Ich bin in wesentlich besserer Verfassung als vor zwei Jahren.“ Trotzdem weiß keiner besser als Philipp Pflieger, dass der angestrebte persönliche Rekord im vierten Marathon-Versuch nicht garantiert ist. Seine Einschätzung: „Bestzeit wäre toll, unter 2:12 sensationell.“

Lesen Sie hier, was die afrikanischen Spitzeläufer in Berlin vorhaben.

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