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Sport
Montag, 20. November 2017 11

Sportpolitik

Kämpfer gegen Doping und Sportbetrug

Clemens Prokop, der Chef der deutschen Leichtathletik und Regensburger Amtsgerichtsdirektor, wird 60. Er hat noch viel vor.
Von Heinz Gläser, MZ

Beharrlichkeit als Markenzeichen: Clemens Prokop Foto: dpa

Regensburg.Der Leichtathletik-Verband hatte Großes im Sinn. Einen Empfang in Regensburg wollte er zu Ehren seines am Jahresende aus dem Amt scheidenden Präsidenten ausrichten. Doch Clemens Prokop winkte ab. „Ich möchte keine Huldigungen oder gar vorweggenommene Grabreden hören“, sagt er schmunzelnd. Da blitzt sie auf, jene „ironische Distanz“, die ihm viele bescheinigen und die sich Prokop auch selbst attestiert – „bei aller gebotenen Ernsthaftigkeit natürlich“. Als Jurist besteht er auf dieser Klausel.

Prokop im März 2001 auf dem Verbandstag in Wunsiedel, wo er zum DLV-Präsidenten gewählt wird.

Keine große Sause also, stattdessen wird der runde Geburtstag im eher kleinen Kreis mit Familie, Freunden und Weggefährten gefeiert. Dr. Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und Direktor des Amtsgerichts Regensburg, wird an diesem Sonntag, 26. März, 60 Jahre alt.

Beizeiten streitbar

Wohlformulierte Nachrufe auf sein Wirken wären auch fehl am Platz. Der Jubilar schmiedet Pläne, feilt an Projekten, ist unternehmungslustig – und beizeiten streitbar – wie eh und je. „Nicht zurück, sondern nach vorne“ richte sich sein Blick, versichert er. Die Zahl der Lebensjahre nimmt er höchstens zum Anlass, seinen Umgang mit einem raren Gut zu überdenken. „Die Entscheidung darüber, was man mit seiner knapp bemessenen Zeit anfängt, wird bewusster“, sagt Prokop und fügt hinzu: „Man setzt gezielter seine Schwerpunkte.“

„Das IOC ist ja bekanntlich mein Lieblingsfeind.“Clemens Prokop

Eben erst hat er einen Artikel für die Zeitschrift „Sport und Recht“ verfasst, deren Mitherausgeber er ist. In dem Text geißelt er die mangelnde demokratische Legitimation des Internationalen Olympischen Komitees und das „aristokratische Verständnis“ seiner Mitglieder. „Das IOC ist ja bekanntlich mein Lieblingsfeind“, merkt Prokop an. Er schmunzelt wieder.

Talentierter Weitspringer

Der gebürtige Regensburger wächst als Sohn eines Volksschulrektors in Saal an der Donau auf, und seiner Heimatgemeinde hält er bis heute die Treue. In jungen Jahren ist Prokop ein talentierter Weitspringer, er erringt den Titel eines deutschen Jugendmeisters in der Halle. Diese sportliche Laufbahn bei der LG Regensburg treibt er auch noch voran, als er nach dem Abitur am Donau-Gymnasium in Kelheim in Regensburg Rechtswissenschaften studiert. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt: „Ich habe ein Jahr vor dem ersten Staatsexamen aufgehört, weil ich natürlich wusste, dass es für die ganz große Karriere nicht reichen wird.“

Karriere macht er auf anderen Feldern, als Sportfunktionär und Jurist. Wie so häufig ist die Berufswahl einem Zufall geschuldet. „Ich habe lange überlegt, Lehrer zu werden“, sagt Prokop. Doch in der gymnasialen Oberstufe gerät er in einen Konflikt mit einem Pädagogen. Prokop beschwert sich, stößt jedoch mit seinem Anliegen angesichts der Schulordnung auf taube Ohren. „Danach war mir klar: Ich will etwas studieren, was mir die Möglichkeit gibt, mich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt zu wehren.“ Eine Triebfeder, die ihn Jahrzehnte später zum personifizierten Schreckgespenst aller Doper in diesem Land werden lässt.

„Soziales Engagement ausleben“

Prokops erste Stationen als Jurist sind das Landgericht Landshut und die Staatsanwaltschaft in Regensburg. Von 2002 bis 2011 steht er an der Spitze des Kelheimer Amtsgerichts, 2011 wechselt er nach Regensburg. Der Plan, nach dem Studium eine Laufbahn in der Justiz einzuschlagen, sei früh gereift, sagt er. „Entscheidungen zu treffen, statt nur auf solche hinzuarbeiten“, das habe ihn gereizt. Zudem biete ihm die Position die Chance, sein „soziales Engagement auszuleben“ – etwa wenn er Strafgefangene auf Ausgängen begleitet und neue Einblicke in die Praxis des Justizvollzugs gewinnt.

In den Fokus der breiten Öffentlichkeit tritt Clemens Prokop um die Jahrtausendwende jedoch in ganz anderer Funktion – zunächst als Rechtswart des Leichtathletik-Verbandes, der sich in jenen Jahren mit prominenten Dopingfällen wie denen von Katrin Krabbe und Dieter Baumann herumzuschlagen hat. Im Jahr 2001 avanciert Prokop, der einer Karriere als Sportfunktionär nach eigenen Worten lange skeptisch gegenüberstand, als Nachfolger von Helmut Digel zum DLV-Präsidenten. Ein Job, der angesichts selbstbewusster Landesverbände und eigenwilliger Athleten nicht vergnügungssteuerpflichtig ist.

Am Tiefpunkt

Als die Ära Prokop beginnt, steht die deutsche Leichtathletik am Scheideweg. Das – durchaus umstrittene – sportliche Erbe der Wiedervereinigung ist aufgezehrt, Galionsfiguren wie Heike Drechsler treten ab. Die Sportart durchschreitet ein Tal und kommt bei Olympia 2004 in Athen an einem Tiefpunkt an – gemessen an der Medaillenzahl. Unter Prokop gelingt es, den DLV sportlich zu stabilisieren. Highlights seiner Amtszeit sind die stimmungsvolle EM 2002 in München und die Weltmeisterschaft 2009 in Berlin, Wenn im kommenden Jahr die Europameisterschaft in der Hauptstadt über die Bühne geht, wird er als Vorsitzender des OK fungieren.

Prokop profiliert sich in den Jahren an der Spitze des DLV als Kämpfer gegen Doping. Sportbetrug in all seinen Facetten ist für den Liebhaber klassischer Musik, der gerne selbst Orgel spielt, ein Lebensthema. Er verfolgt es mit zäher Beharrlichkeit, gegen alle Widerstände. Seine Kritiker mögen von Starrsinn sprechen, doch Prokop klagt unermüdlich an und legt den Finger in die klaffende Wunde des Profisports, er entlarvt die Leistungsmanipulation als strukturelles Problem der milliardenschweren Unterhaltungsbranche. In seiner Doktorarbeit lotet er folgerichtig „Die Grenzen der Dopingverbote“ aus.

Sehen Sie hier: Clemens Prokop blickt voraus auf die Heim-EM 2018 in Berlin:

Als Prokop 2006 in einem Gespräch mit unserer Zeitung dem damaligen Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und heutigen IOC-Präsidenten Thomas Bach vorhält, dieser könne „nicht wie der Papst ex cathedra“ die Haltung des deutschen Sports zur Doping-Bekämpfung verkünden, kommt es zum Bruch zwischen den Spitzenfunktionären. Er ist nie wieder zu kitten.

„Ich will nicht als Besserwisser durch die Welt gehen, aber ich kämpfe um Dinge, die ich für richtig und wichtig halte“ skizziert Prokop seinen Antrieb. Richtig und wichtig erscheint ihm sein Eintreten für ein echtes Anti-Doping-Gesetz in Deutschland, das dem Staat die Handhabe gibt, gegen die Geißel des Sports zu kämpfen. Zuerst sind es wenige, die diesen Weg gutheißen. Doch Prokop schmiedet Allianzen, er wirbt hartnäckig für sein Anliegen. „Der Sport hat mich gelehrt, Ziele langfristig zu verfolgen und zu kämpfen, auch wenn eine Position hoffnungslos erscheint“, sagt Prokop. Der Kampf ist nach zehnjährigem Ringen von Erfolg gekrönt. Ende 2015 tritt das Anti-Doping-Gesetz in Kraft.

Neue Akzente setzen

Im Oktober tritt Clemens Prokop ab. Fast 17 Jahre stand er dann an der Spitze der deutschen Leichtathletik. Mit dem „Mut, immer wieder etwas Neues zu machen“, treibt er derzeit ein Stiftungsprojekt voran, um „im sozialen Bereich des Sports neue Akzente“ zu setzen. Stichwort sozial: Auf diesem Feld ist er auch sonst vielfältig tätig, etwa als stellvertretender Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes.

Auch wenn der 60. Geburtstag keine Zäsur ist, so ist er doch Anlass, einen Augenblick innezuhalten und Stationen Revue passieren zu lassen. „Ich bin dankbar für die Momente und Begegnungen, die mir diese Position ermöglicht hat“, sagt Prokop – frei von ironischer Distanz.

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