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Sport
Mittwoch, 17. Januar 2018 11

Samstags-Interview

Maren Orth: Hickhack um Rio als Knacks

Die 1500 Meter waren Maren Orth das Liebste – und irgendwann wird es beim Läuferpaar der LG Telis Finanz kleine Läufer geben.
Von Claus-Dieter Wotruba

Ihre größte Zeit hatte Maren Orth noch unter ihrem Mädchennamen Kock. Die Läuferin der LG telis Finanz wurde deutsche Meisterin (wie hier in Ulm) und rannte über 1500 Meter bis auf Platz sechs in Europa. Foto: dpa

Regensburg.Silvester wird diesmal anders bei Ihnen: Viele Jahre ging es immer ums Laufen. 2018 wird das das erste Mal anders sein.

Schon der Jahreswechsel wird anders, weil Flo (Ehemann Florian Orth, d. Red.) mit seiner Familie in Urlaub ist. Ich feiere daheim mit ein paar Freunden und meinen Geschwistern. Sport wird immer Bestandteil in meinem Leben sein. Und immerhin muss ich auch noch abtrainieren. Von 100 auf 0 runter sollte man ja nicht.

Wenn man den Entschluss fasst, seine Karriere zu beenden, gibt es unterschiedliche Wege. Entweder man wacht eines Tages auf und weiß: „Das war’s, es reicht.“ Oder es ist ein schleichender Prozess. Wie war’s bei Ihnen?

Es war eher ein schleichender Prozess. Es hat sich vom letzten Jahr bis zur Verkündung am 21. Dezember gezogen, weil ich nach dem ganzen Hin und Her mit Olympia schon einmal den Gedanken ans Aufhören hatte. Das hat mir einen Knacks gegeben und war alles nicht so einfach zu verarbeiten.

Eine Geschichte über das Läuferpaar Maren und Florian Orth finden Sie hier.

Das hat sich gelegt?

Die Saison fing relativ gut an, auch wenn es in der Halle, wo ich eigentlich immer eine Medaille mit nach Hause genommen habe, mit dem vierten Platz nur die Holzmedaille wurde. Aber es war nicht so, dass man spürt, es geht überhaupt nicht. Der Sommer war dagegen die reinste Katastrophe. Es wurde von Rennen zu Rennen nicht besser, sondern eher schlechter. Die WM in London hat nicht geklappt, aber ich hatte die EM in Berlin 2018 vor Augen. Ich hatte gehofft, dass nach der Pause die Motivation wiederkommt – aber es kam leider nichts mehr. Irgendwie ist mir die Kraft ausgegangen, tagtäglich die Laufschuhe zu schnüren.

Der große Knackpunkt war also die Olympiaeinkleidung, wo Sie sich 2016 ein paar Tage als Brasilien-Fahrerin nach Rio fühlen durften. Und dann kam der Keulenschlag: Nö, wird doch nichts. Wie sehen Sie das heute?

Zunächst habe bis heute keine Aufklärung bekommen, obwohl auch Flo vor Ort in Rio dahinter war. Ich weiß natürlich, dass ich die Norm nicht offiziell hatte, sondern über diese Nachrückerliste reingekommen wäre. Aber die Art und Weise, wie es gelaufen ist, war ziemlich bescheiden. Ich weiß nach wie vor nicht, warum eine 46. Athletin, die langsamer war als ich und hinter mir auf dieser Liste stand, starten durfte und ich nicht. Aber ich kann’s nicht ändern. Es wäre superschön gewesen und der Traum eines jeden Sportlers. Es ist ärgerlich, wenn es an ein paar Zehnteln oder Hundertsteln scheitert.

Das war der Tiefpunkt. Etwas Schlimmeres gibt es nicht.

Das Jahr war nicht bombastisch, aber der sechste Platz bei der EM war mit das Beste, was ich – zumindest international – auf die Bahn gebracht habe. Ich war ein bisschen im Höhenflug.

Gibt es ein Gegenstück zu diesem Tiefpunkt? Oder bleiben mehrere Rennen positiv in Erinnerung?

Es sind mehrere. Sicher Amsterdam mit dem unerwarteten sechsten Rang. Von der Art des Rennens wäre vielleicht sogar noch mehr drin gewesen. Tscheboksary war wahnsinnig gut, der zweite Platz bei der Team-EM. Und die ganzen Rennen bei den deutschen Meisterschaften, wo ich auf dem Treppchen stand. Die hatten alle irgendwie etwas Besonderes.

Sie sind auch gerne in der Halle gelaufen.

Sehr gerne, weil es da 3000 Meter gab. Draußen nicht, da waren es 1500 oder 5000.

Als was sehen Sie sich denn? Als 3000-Meter-Läuferin, als 1500-Meter-Läuferin oder als 5000-Meter-Läuferin? Letzteres haben Sie ja zwischendrin fast gehasst.

Im Prinzip bin ich im Schüleralter hängengeblieben (lacht). Ich würde sagen, ich bin eine 2000-Meter-Läuferin. Das war immer meine Lieblingsstrecke. Die langen Strecken hatten ihren Reiz, aber dafür reichte mein Ausdauervermögen dann nicht. Das Liebste waren dann doch die 1500.

Sie waren eine, die zum Schluss immer noch die eine oder andere Läuferin eingesammelt hat.

Genau, das war mein Ding. Nicht zu schnell los und dafür hinten raus noch ein paar Körner übrig haben.

Welche Bedeutung hatten Regensburg und die LG Telis Finanz?

Mittlerweile kann ich sagen, dass es wie eine Familie für mich ist, weil ich und mein Heimtrainer Arno Kosmider wahnsinnig nett aufgenommen worden sind. Wir waren zwar nur zu den Trainingslagern und bei den Wettkämpfen mit allen zusammen, und vor Ort waren wir nicht so oft, aber ich habe viele Freundschaften geschlossen.

Sind Sie froh, aus dieser Hatz auf Zeiten und Normen raus zu sein? Das hat Ihr Leben bestimmt.

Schon. Es erleichtert, nicht hinter irgendwas herzulaufen und sich mit irgendjemandem herumärgern zu müssen – wobei das ja meist der Kurt (Ring, Trainer und Teamchef der LG Telis Finanz, d. Red.) erledigt und sich beim Verband unbeliebt gemacht hat.

Wird’s eine Maren Orth bei Volksläufen geben – oder in einer ganz anderen Sportart?

Da habe ich mir noch nicht richtig Gedanken gemacht. Der Kurt meint ja, ich könnte mich mit ein bisschen Training bei 10-Kilometer-Meisterschaften hinstellen: 37 Minuten wären drin. Ob das so einfach geht, weiß ich nicht.

War’s schwer, den Absprung zu finden und zu sagen: Schluss?

Es hat sich alles länger hingezogen, als ich wollte. Ich wollte erst an den wichtigen Stellen persönlich Bescheid sagen – wie bei mir bei der Sporthilfe im Emsland, die mich immer unterstützt hat. Oder bei meinem Ausrüster über die letzten fünf Jahre, Adidas. Mit Hochzeit und Flitterwochen hat sich das gezogen. Aber das musste jetzt kurz vor Weihnachten noch raus.

Irgendwann kommen in einer Läuferehe bestimmt kleine Läufer?

Schauen wir mal, wann das so weit ist. Zeit haben wir: Und solange Flo läuft, bleiben wir bei dieser Sache.

Würden Sie Ihren Kindern empfehlen, in die Tretmühle Leistungssport zu gehen?

Empfehlen schon. Aber es muss der Wille dazu da sein. Und man muss sehen, wie die Sportförderung in 15, 20 Jahren aussieht. Ob die weiter den Bach runtergeht oder es eine positive Wendung gibt.

Kann es eine Situation für einen Rücktritt vom Rücktritt geben?

Nein. Wenn Schluss ist, ist Schluss. Ich wollte sowieso nach 2018 aufhören.

Weitere Interviews aus der Serie der Samstagsinterviews der Mittelbayerischen Zeitung finden Sie hier.

Maren Orths wichtigste Stationen

  • Sei 2012

    startete Maren Orth, die bis zur Hochzeit mit ihrem Klub- und Läuferkollegen Florian Orth im März 2017 Kock hieß, für die LG Telis Finanz Regensburg.

  • Die 27-Jährige

    wurde in ihrer Karriere in Ulm und Nürnberg 2014 und 2015 deutsche Freiluftmeisterin über 1500 Meter sowie zwischen 2011 und 2016 über 1500 und 3000 Meter fünfmal deutsche Meisterin.

  • International waren

    für die in Lingen geborene Läuferin nach dem siebten Platz bei der U-18-WM 2005 und Platz zehn bei der U-20-EM 2009 (jeweils über 3000 Meter) in der Vor-Regensburg-Zeit im Frauenbereich die Starts bei den Europameisterschaften in Zürich 2014 (15. Platz, 5000 Meter) und vor allem der sechste Rang 2016 in Amsterdam die Höhepunkte ihrer Laufbahn.

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