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Sonntag, 25. September 2016 22° 1

Marathon

Pflieger und der Ballast der hohen Norm

Wenn der Regensburger zu Olympia will, muss er in Berlin schneller sein als anderswo. Mit uns spricht er über seinen Plan.

Philipp Pflieger ist seit Jahren einer der besten Langstreckler Deutschlands und wurde heuer deutscher Meister im Halbmarathon. Foto: Archiv

Zum Einstieg gleich eine harte Frage: Bringt ein Läufer die Normenfrage aus dem Kopf? Eine Marathon-Premiere in 2:12:15 Stunden hinlegen zu müssen, wenn man nach Rio de Janeiro zu den Olympischen Spielen 2016 will, ist heftig.

Philipp Pflieger: Das ist heftig und nicht unbedingt nachvollziehbar. Rio ist zwar im Winter nächstes Jahr, aber der Winter dort ist nicht wie der Winter hier. Das heißt, es ist kein schnelles Rennen zu erwarten. Ich könnte mir vorstellen, dass es ähnlich wird wie heuer bei der WM in Peking. Da waren auch schwierige Verhältnisse: Es hatte Smog, war warm etc. Aber bei Meisterschaftsrennen geht es immer darum, mit Köpfchen zu laufen. Häufig überraschen da mal die Europäer oder Japaner mit recht guten Ergebnissen.

Deutsche können oft schon deswegen nicht überraschen, weil sie gar nicht dabei sind.

Darauf wollte ich hinaus. Der WM-Titel in Peking ist weggegangen mit 2:12:28, die Norm für Deutsche, um in Rio teilzunehmen ist 2:12:15. Das ist schwer zu vermitteln. Vor allem Laien, die sich dann fragen, warum kein Deutscher dabei. Übrigens waren in Peking zwei Italiener unter den Top acht.

Lachen sich die Konkurrenten kaputt, die mit der internationalen Norm von 2:17 nach Rio kommen? Mancher kann jubeln, weil er längst weiß, dass er dabei ist.

Die Konkurrenz ist teilweise überrascht, dass es bei uns so ist. Ein Kollege aus Rumänien, der Marius Ionescu, mit dem ich in Portugal im Trainingslager war, hat den Düsseldorf-Marathon in knapp über 2:13 gewonnen und war megahappy, weil er damit wusste, dass er für Rio qualifiziert ist und sich eineinhalb Jahre vorbereiten kann. Bei uns wusste bis vor drei Wochen keiner, was unsere Norm sein wird. Wäre ich im Frühjahr 2:13 gerannt, hätte ich mich geärgert.

Wir hatten im Sommer ja bei der LG Telis Finanz Regensburg den Fall von Florian Orth, der die internationale, aber nicht die deutsche WM-Norm über 1500 Meter hatte. Die Disziplin blieb in Peking unbesetzt. Wie viel Energie dieser Kampf bei den Athleten? Für einen Pflieger ist das nach der vergeblichen Mühe für die EM Zürich 2014 auch schon das zweite Jahr.

Es ist wahnsinnig frustrierend. Es ist ja nicht so, dass man nicht alles tut, um besser zu werden. Man ordnet sein ganzes Leben dem Leistungssport unter. Ich habe dieses Jahr seit langem wieder persönliche Bestzeiten aufgestellt: Im Halbmarathon und über zehn Kilometer auf der Straße. Das ist ja ein Zeichen, dass irgendetwas richtig gemacht wird. Und trotzdem bekommt man Knüppel zwischen die Beine geworfen vom eigenen Verband!

Ist die internationale Norm von 2:17 andererseits nicht zu lasch?

Ich weiß, warum die das so machen: Die wollen auch Teilnehmer haben. Wenn in Rio 20 Leute am Start stehen, dann sieht das blöd aus. Deswegen wird das leger angesetzt. Olympia ist ja kein Massenevent wie der Berlin-Marathon. 2:17 ist vielleicht nicht der Anspruch, aber man könnte ja auch etwas Moderates machen: Die Schweizer zum Beispiel nehmen 2:14, die Amerikaner die 2:17 und machen im Januar ein Trial, an dem jeder teilnehmen kann, der das gerannt ist. Dann schicken sie die besten drei. Das wäre auch eine Idee.

Wir sehen: Das beschäftigt den Kopf eines Athleten durchaus.

Auf jeden Fall. Es ist frustrierend, sich damit rumschlagen zu müssen und setzt unnötig unter Druck. Doris und Kurt (die Trainer Scheck und Ring, d. Red.) haben in den vergangenen Tagen oft gesagt: Versteif dich nicht auf die Zeit! Meine besten Rennen waren die, in denen ich einfach nur ein Wettrennen gegen andere gelaufen bin. Aber den Versuch des Angriffs auf die 2:12 wird es geben. Es gibt vier geführte Gruppen. Die erste auf 2:03, Weltrekord-Tempo und die letzte auf 2:12. Aber selbst eine 2:13 ist ein bisschen verrückt im ersten Marathon – vor allem nach den Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr.

Da wird wohl sowieso der eine oder andere sagen: Was will der Pflieger eigentlich, der redet schlau daher, dabei hat es ihn bei seinem ersten Marathon in Frankfurt nach 36 Kilometern umgehauen.

Das kann ich auch total verstehen. Wenn nicht Olympia so omnipräsent wäre, würde ich auch nicht so schnell angehen. Aber alle meine Werte der Vorbereitung sind in diesem Jahr besser: Ich hatte mehr lange Läufe, die waren schneller, ich hatte mehr Umfang, ich kann 28 auf der Straße rennen, im Halbmarathon quasi immer eine 1:04. 2:14 wären ruhiger. Aber Olympische Spiele sind eben nur alle vier Jahre. Es gibt zwei Chancen: Berlin jetzt und im Frühjahr.

Da steht ja Tokio zur Debatte, der Ort der Olympischen Spiele 2020?

Was ich in vier Jahren mache, weiß ich nicht: Vielleicht gehe ich dreimal die Woche Feierabend-Joggen, vielleicht lässt es der Körper gar nicht mehr zu. Man sieht das bei einer Coco (Corinna Harrer, d. Red.). Vor vier Jahren hat jeder gedacht: Brutal, was sie in ihrem Alter leistet und sie ist bestimmt außer in London noch zweimal bei Olympia dabei. Und heute weiß man nach ihrem Achillessehnenriss nicht, ob sie nochmal in der Lage sein wird, sich hundertprozentig damit zu beschäftigen.

Trotzdem versucht man es.

Aus meiner Erfahrung von 2014 in Frankfurt würde ich lieber langsam angehen. Aber mein Sportlerherz sagt: Seit du ein kleiner Junge bist, machst du das und dein Traum waren immer Olympische Spiele.

Was wäre für Sie ganz persönlich gut?

Die 2:12:15 – da bin ich Realist genug – wären ein kleines Wunder. Kaum jemand, selbst Topleute nicht, läuft seinen ersten Marathon in so einer Zeit. Das ist nicht normal. Marathon muss man sich über Jahre erarbeiten. Alles, was unter 2:15 ist im Ziel, das ich hoffentlich erreiche, wäre sehr achtbar. Da wäre ich auch nicht komplett unglücklich – auch wenn das Ziel natürlich ein anderes ist.

Wir haben es mehrfach gestreift: Frankfurt ist ja der zweite Punkt, jener Ausstieg nach dem Kollaps am 26. Oktober 2014. Kilometer 36 rückt irgendwann auch in Berlin näher. Ist das weg? Vielleicht sollten wir gar nicht mehr darüber reden.

Weg ist es nicht. Natürlich kommt dann und wann die Frage. Bis heute ist nicht ganz zu erklären, was da mit deinem Körper los war. Ich erhoffe mir in Berlin Ende September bessere Bedingungen für eine gute Zeit als in Frankfurt Ende Oktober. Das und nicht mein Ausstieg in Frankfurt ist der Grund, dass ich in Berlin starte. In Frankfurt hätte es mich wahrscheinlich sehr beschäftigt. In Berlin aber gar nicht, weil ich gar nicht weiß, wie Kilometer 35 oder 36 aussieht.

Lässt sich mit zwei derartigen Päckchen auf der Schulter ein Marathon und seine Atmosphäre genießen?

Ich würde ihn gerne genießen, gebe mich der Illusion aber nicht hin, dass ich das kann. Es liegt aber an meiner grundsätzlichen Einstellung zu Rennen, egal ob 5000 Meter früher oder Marathon heute. Ich male mir immer das schlimmstmögliche Szenario aus: Nicht, dass ich kollabiere oder so etwas – um Gottes willen. Aber ich stelle mir vor, dass es mir sehr früh sehr schlecht geht und ich große Schmerzen hab. Einfach deshalb, damit ich mich mental darauf vorbereite und dann positiv überrascht bin, wenn es nicht so kommt – oder erst viel später.

War wenigstens die Europameisterschaft 2012 in Helsinki ein Genuss?

Eigentlich nicht. Zumindest nicht bis zum Rennen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich am Tag davor brutal nervös war. Das war ja meine erste und bislang einzige EM bei den Profis. Gutes Thema: Man hatte ja überhaupt keine Erfahrung, gegen solche Leute wie Mo Farah (der Olympiasieger und Weltmeister, d. Red.) zu laufen. Es ist so etwas ganz, ganz Anderes als U 23.

Das könnte in Amsterdam 2016 anders sein. Die EM als Halbmarathon-Teilnehmer steht ja auf dem Zettel.

Der Halbmarathon im Rahmen von internationalen Meisterschaften wäre wieder eine Premiere. Aber es wäre grundsätzlich etwas Anderes. Damals kam ich mir vor wie bei der Einschulung: Klar, Adler auf der Brust, alles schon gehabt, aber die Leute, gegen die du rennst, sind ganz anders: Du weißt nicht, wo du dich einordnen kannst.

Wie wird das in Berlin sein?

Einfach. Straßenläufe finde ich generell einfach, weil sehr viel vorher geplant wird. In Berlin wird es eine deutsche Gruppe werden mit Andre Pollmächer, Julian Flügel und Falk Cierpinski. Da weißt du genau Bescheid, mit wem du läufst.

Macht ein Marathon nervöser, weil ja mehr passieren kann?

Das ist eine witzige Frage. Marathon schon, Straßenlauf weniger: Ich genieße den Wechsel auf die Straße, weil es entspannter ist. Auf der Bahn kann dir ein klitzekleiner Fehler das ganze Rennen versauen. Auf der Straße geht es relativ gemächlich los...

Für Läufer, nicht für Normalmenschen...

Genau. Beim Marathon werde ich nervös sein, weil ich ja noch keinen ganz gelaufen bin. Halbmarathons habe ich inzwischen ja viele gemacht.

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