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Sport
Samstag, 16. Dezember 2017 5

Leichtathletik

Stabwechsel nach der langen Ära Prokop

Leichtathletik-Chef Jürgen Kessing tritt in große Fußstapfen. Jochen Schweitzer rückt als „Vize“ in die DLV-Spitze.
Von Heinz Gläser, MZ

Wechsel: Symbolisch reicht Clemens Prokop (rechts) den Staffelstab an seinen Nachfolger Jürgen Kessing weiter.

Darmstadt.Die Lobreden, Auszeichnungen und Ehrungen wollten fast kein Ende nehmen. Im Foyer juxte jemand aus dem Stab der hauptamtlichen Mitarbeiter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), der scheidende Präsident werde auf die Schnelle einen Kleintransporter anmieten müssen, um all die Geschenke, Urkunden und Ehrennadeln nach Hause ins heimische Saal an der Donau zu schaffen.

Das Maritim-Hotel am Verbandssitz Darmstadt war am Samstag Schauplatz einer Zäsur in der deutschen Leichtathletik. Fast 17 Jahre – von März 2001 bis zu diesem 18. November 2017 – stand Clemens Prokop als Präsident an der Spitze des DLV. Nur Max Danz (1949 bis 1970) hatte diese exponierte Position länger inne. Der Regensburger Amtsgerichtsdirektor Prokop hinterlässt markante Spuren im deutschen Sport. In seiner Ära war die Leichtathletik der stets unbequeme Mahner, ihre Stimme hatte enormes Gewicht, sie fand allenthalben Gehör – national wie international. Anfang des Jahres hatte der 60-Jährige seinen Abschied angekündigt. Sportpolitisch hinterlässt Prokop eine Lücke, die schwer zu füllen sein wird.

Zum Ehrenpräsidenten ernannt

Prokops Nachfolger Jürgen Kessing ist sich denn auch der „großen Fußstapfen“ bewusst, in die er tritt. Die rund 170 Delegierten wählten den SPD-Oberbürgermeister der baden-württembergischen Stadt Bietigheim-Bissingen mit 88,3 Prozent der abgegebenen Stimmen zum neuen Verbandschef. Per Akklamation beriefen sie Clemens Prokop zum DLV-Ehrenpräsidenten. Dessen Abschiedsrede quittierte die Versammlung mit minutenlangem Beifall.

Dabei hatte es Prokop seinem Verband und sich nicht immer leicht gemacht, seit er als Nachfolger des Sportsoziologen Helmut Digel selbst in große Fußstapfen getreten war. Sein Herzensthema, das er mit Beharrlichkeit verfolgte, ist und bleibt der Kampf gegen Doping und Sportbetrug in all seinen Facetten.

Kommentar

Starke Stimme der Leichtathletik

Der Diplom-Verwaltungswirt Jürgen Kessing verriet am Samstag ein interessantes Detail aus seiner beruflichen Vita. In der Mainzer Staatskanzlei diente...

Das Thema prägte auch den Darmstädter Verbandstag. „Ohne ein glaubwürdiges und leidenschaftliches Bekenntnis zum Kampf gegen Doping wird die Leichtathletik als Wettkampfsport keine Zukunft haben. Die Ethik des Sports ist nicht verhandelbar“, mahnte Prokop. Die Leichtathletik sei ein „kultureller Schatz“ und mitnichten nur Teil einer der modernen Unterhaltungsindustrie. Die Sportart dürfe „nicht der Beliebigkeit kommerzieller Interessen ausgeliefert“ werden.

Kessing versprach, mit dem DLV beim Thema Doping Kurs zu halten. „Der Kampf geht weiter“, versprach der Kommunalpolitiker, der übrigens gerade mal zwei Tage jünger ist als sein Vorgänger. „Die Leichtathletik hat sich einen Vorsprung vor vielen anderen Sportarten erarbeitet. Diesen Vorsprung gilt es nicht nur zu verteidigen, sondern auszubauen“, fügte Kessing mit Blick auf das sportpolitische Erbe Prokops hinzu.

Neun Jahre lang hatte Prokop für ein echtes Anti-Doping-Gesetz in Deutschland gestritten. Ende 2015 wurde es vom Bundestag verabschiedet – gegen den entschiedenen Widerstand des Deutschen Olympischen Sportbundes und namentlich gegen den Willen des damaligen DOSB-Chefs und heutigen IOC-Präsidenten Thomas Bach. „Wir waren nicht immer einer Meinung“, kleidete Ole Bischof am Samstag in Darmstadt den tiefen Dissens in eine diplomatische Formel. Der Vizepräsident Leistungssport und ehemalige Judoka des TSV Abensberg vertrat seinen Chef Alfons Hörmann. Der amtierende DOSB-Präsident war dem Verbandstag ferngeblieben.

Im Gegensatz zum vorsichtig formulierenden Ole Bischof brachte DLV-Ehrenpräsident Theo Rous in seiner Laudatio auf Prokop die Bedeutung der Verabschiedung eines Doping-Gesetzes auf den Punkt: „Das war eine Ohrfeige für den DOSB.“ Und in einem Video-Einspieler zollte der noch amtierende Bundesjustizminister Heiko Maas dem scheidenden Präsidenten Lob für dessen „unermüdliches Engagement gegen Doping“. Ohne Prokops Einsatz hätte es kein Anti-Doping-Gesetz gegeben, unterstrich Maas.

Die Leichtathletik repräsentiert bundesweit rund 800 000 Mitglieder und ist damit einer der größten Sportfachverbände hierzulande. „Vielleicht wäre eine Million eine magische Zahl“, steckte sich Kessing ein erstes Ziel. Rückenwind verspricht sich der DLV von der Heim-Europameisterschaft 2018 in Berlin. Clemens Prokop wird dort noch als Präsident des Organisationskomitees fungieren. Und auf sportpolitischem Parkett will der Jurist aus Saal ohnehin präsent bleiben, wie er in einem Interview mit unserem Medienhaus angekündigt hat.

Der ehemalige Stabhochspringer und Mehrkämpfer Kessing sagte, er wolle „der Leichtathletik etwas zurückgeben“. Konkrete Projekt nannte er indes am Samstag noch nicht und bat um Geduld. Er sehe die erste vierjährige Amtsperiode als Einarbeitungszeit und werde die zweite nutzen, um Akzente zu setzen: „Jeder ‚Tatort‘-Fall wird in 90 Minuten gelöst. Das wird mir nicht gelingen“, so Kessing.

„Bestens bestelltes Haus“

Die ostbayerische Leichtathletik ist derweil auch nach dem Rückzug Prokops prominent in der DLV-Führungsspitze vertreten. Neuer Vizepräsident Finanzen ist der gebürtige Schwandorfer Jochen Schweitzer. Der 35-Jährige verbuchte bei der Wahl der Stellvertreter Kessings 78 Prozent Zustimmung. Schweitzer lebt und arbeitet als Studienrat an einer Erdinger Realschule. Als Sprinter war er Mitglied der Staffel, die 2001 bei den deutschen Jugendmeisterschaften Bronze holte.

Jochen Schweitzer wurde bei der LG Telis Finanz sportlich groß. Foto: Gläser

Nach Anfängen in der LAG Schwandorf wurde der Oberpfälzer in der LG Telis Finanz Regensburg sportlich groß. Er fungiert als Organisationschef der Sparkassen-Gala in Regensburg und kümmert sich in der LG Telis Finanz um die Bereiche Marketing & Veranstaltungen. „Der DLV ist ein bestens bestelltes Haus. Aber wir wollen Prokops Erbe nicht nur verwalten, sondern weiterentwickeln“, kündigte Schweitzer an und fügte hinzu: „Das ist die Herausforderung.“

„Ich will etwas bewegen und werde mich entsprechend reinknien“, versprach der 35-Jährige, der die vergangenen drei Jahre an der Spitze des Süddeutschen Leichtathletik-Verbandes stand. Diese Position gibt er mit der Wahl zum DLV-Vize ab.

Jochen Schweitzer tritt selbst in sehr große Fußstapfen. Sein Vater Hartmut war einer der ganz großen Motoren der bayerischen Nachkriegsleichtathletik und stand lange Jahre dem bayerischen Verband vor.

Und Hartmut Schweitzer war es einst auch, der den ehemaligen Weitspringer Clemens Prokop überredete, eine Funktionärslaufbahn in der Leichtathletik einzuschlagen.

Im MZ-Interview blickt der Regensburger Jurist Clemens Prokop auf seine Zeit als DLV-Präsident zurück und berichtet von seinen Zukunftsplänen.

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