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Sport
Mittwoch, 22. November 2017 5

Sportmedizin

Urteil im Fall Klasnic rüttelt Ärzte auf

Dr. Werner Krutsch von der Fifa-Klinik an der Uni Regensburg spricht mit Heinz Gläser über Konsequenzen aus dem Fall Klasnic.

Es war 2006, als das Leben von Fußballstar Ivan Klasnic eine dramatische Wende erfuhr. Ärzte sagten ihm, dass seine Nieren nicht mehr richtig arbeiten. Foto: dpa

Regensburg. Herr Dr. Krutsch, das Landgericht Bremen hat Fußballprofi Ivan Klasnic ein Schmerzensgeld in Höhe von 100 000 Euro zugesprochen, zudem sollen die Vereinsärzte von Werder Bremen für seinen Verdienstausfall und etwaige Folgekosten aufkommen. Wie sehen Sie das Urteil als Fußballer und Arzt?

Das Urteil in diesem speziellen Fall könnte man nur dann bewerten, wenn man alle Hintergründe kennt. Wie jeder andere habe ich den Fall verfolgt und wünsche Klasnic als Wichtigstes gute Genesung.

Hat das Urteil Auswirkungen auf Ihr Handeln im Leistungssport?

Als wichtigste Schlussfolgerung sollte allgemein gezogen werden: So ein Fall sollte nicht noch einmal vorkommen. Wir müssen in verschiedenen Bereichen daraus lernen.

Angesichts der Summen an Schmerzensgeldern und Folgekosten: Müssen im Profisport tätige Ärzte nun aufpassen?

Es ist schon so, dass der Fall für alle sportlerbetreuenden Ärzte oder Physiotherapeuten, die im Profifußball arbeiten, eine erneute Erinnerung sein sollte, dass bei der Betreuung von Profisportlern spezielle Voraussetzungen notwendig sind – wie zum Beispiel eine ausreichende Versicherung, die Folgekosten abdecken kann. Ob der Fall tatsächlich ein Fall für die Versicherung ist, ist ein anderes Thema.

Wagen Sie eine Einschätzung?

Das kann ich aus der Ferne nicht beurteilen. Trotzdem sind die Summen, wie von Ihnen angesprochen, hoch. Da besonders im Profifußball teilweise enorm viel Geld verdient wird und entsprechend die Schadenersatzansprüche sehr, sehr hoch ausfallen können, müssen auch der Versicherungsschutz und andere Dinge diesen Gegebenheiten angepasst werden. Gut möglich, dass dieses Urteil den einen oder anderen sportlerbetreuenden Arzt aufrütteln wird. In der ersten Fußball-Bundesliga muss die Frage eines möglichen Schadenersatz-Anspruchs von Spielern von manchen ärztlichen Kollegen sicherlich komplett neu überdacht werden.

Welche Folgen sehen Sie darüber hinaus?

Die Betreuung von Profisportlern ist etwas Besonderes und unterscheidet sich in manchen Bereichen grundlegend von der Behandlung anderer Sportler. Im Profisport muss die Verbindung zwischen Athlet und Arzt sehr eng sein. Häufig kommen im laufenden Behandlungsprozess Themen wie die Unterschriften des Patienten oder die permanente Aufklärung über Risiken zu kurz. Außerdem geht der Profisportler nach Verletzungen deutlich höhere Risiken ein, um schnellstmöglich zum Sport zurückkehren zu können. Das birgt natürlich Risiken, die der Spieler eingehen muss und die sein Arzt mittragen sollte, wenn der Spieler ausführlich aufgeklärt wird.

Privatdozent Dr. Werner Krutsch arbeitet in der Unfallchirurgie des Uniklinikums Regensburg (Fifa-Klinik). Als Fußballer war er unter anderem für den 1. FC Nürnberg II, den VfB Stuttgart II und den Freien TuS Regensburg aktiv. Seit 2014 fungiert Krutsch als Verbandsarzt des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV). Foto: Archiv

Was heißt das für die Behandlung?

Auch wenn der Sportler kurz hintereinander vier- oder fünfmal zu seinem Arzt oder Physiotherapeuten geht – was nur im Profisport vorkommt und da wirklich häufig –, muss diese Behandlung dokumentiert werden. Auch die mögliche Freigabe des Arztes muss gegeben werden, um über medizinische Dinge auch mit dem Trainer sprechen zu dürfen – im Interesse des behandelten Spielers.

Ärzte sehen ihre Patienten im Regelfall in der Klinik oder in der Praxis. Als Mannschaftsarzt behandeln Sie den Fußballer oft auf dem Rasen. Gibt es da einen Unterschied?

Im Prinzip nicht. Der Verletzte auf dem Rasen ist erst einmal ein Notfall, wie jeder Patient in der Notaufnahme einer Klinik. Dort kommt der Patient vorbei, wird versorgt, und dabei entsteht ein ganz normaler Arzt-Patienten-Vertrag, so heißt das auch juristisch. Bei einem Notfall auf dem Fußballfeld ist das ganz genauso, egal ob man der Vereinsarzt oder der Sanitäter des Rettungsdienstes ist. Der weitere Verlauf ist aber unterschiedlich, da man als Teamarzt oder Physiotherapeut für alle weiteren Dinge verantwortlich und zuständig ist.

Sie waren selbst als Spieler im Fußball unterwegs. Sind Ihnen weitere Fälle wie der von Klasnic bekannt, in denen es zu Arzt-Spieler-Problemen kam?

Ivan Klasnic ist mit den Folgen seiner Nierentransplantationen ein schrecklicher Einzelfall. Jedoch ist es kein Einzelfall, dass Spieler ihren Teamärzten kritisch gegenüberstehen. Letztlich sind Probleme in diesem Bereich durch die hohe Drucksituation für Profifußballer und die Vereine möglich. Eine gute Kommunikation und gegenseitiger Respekt können sehr hilfreich sein.

Zurück zum finanziellen Aspekt: Sie sind doch als Arzt versichert, oder?

Ein Arzt schließt privat in seiner Praxis eigene Versicherungsverträge ab. Wenn er in einer Klinik arbeitet oder einen sonstigen Arbeitgeber hat, schließen diese die Versicherung ab.

Und wie verhält es sich bei Teamärzten?

Das wird unterschiedlich gehandhabt. Der Verein kann einen Vertrag mit einem Krankenhaus als Kooperationspartner abschließen, dann ist der Mannschaftsarzt Klinikangestellter und über die Klinik versichert. Ist der Arzt vom Klub direkt angestellt, kann der Versicherungsschutz auch über den Verein laufen. Die dritte Möglichkeit ist, und die treffen wir in der Bundesliga oder im Profifußball allgemein recht häufig an: Die Ärzte sind privat in ihren Praxen tätig, und dann müssen sie den Versicherungsschutz für ihre Tätigkeit als Mannschaftsarzt selbstständig regeln und abdecken.

Ergeht es angesichts hoher Summen in Schadensfällen den Teamärzten bald wie den Hebammen, die zu hohe Versicherungsbeiträge nicht aufbringen können?

Interessanter Vergleich. Und wir sprechen ja hier nicht von Ausnahmefällen, sondern von der täglichen Behandlungspraxis von Mannschaftsärzten. Sie stehen zum Beispiel häufig vor der sogenannten Return-to-play-Problematik, wenn sie den Zeitpunkt bestimmen sollen, an dem ein Profi nach einer Verletzung wieder einsatzfähig ist. Dazu gibt es mittlerweile objektive Tests, die den Entscheidungsträgern wie Arzt, Trainer oder dem Spieler selbst helfen sollen, diese Entscheidungen zu untermauern. Eines muss man als Arzt auch über Fußball wissen: Im Laufe einer langen Saison kann der Spieler oft und an verschiedenen Stellen Schmerzen haben und möchte oder muss trotzdem spielen, was ja auch das Belastungsprofil im Profifußball kennzeichnet.

Nach welchen Kriterien sollten Ärzte in solchen Fällen entscheiden?

Da befinden sich die Ärzte in einem ewigen Zwiespalt, und sie stehen im Profibereich auch unter einem gewissen Druck. Sie versuchen mit Blick auf den Erfolg der Mannschaft und des Vereins die Ausfallzeit so kurz wie möglich zu halten. Bei diesen Entscheidungen gehen alle Risiken ein.

Läuft eine solche Return-to-play-Entscheidung dann immer gleich ab?

Wenn es um die Return-to-play-Problematik nach Verletzungen geht, sollten das Für und Wider genau erörtert und die Situation des Spielers und des Teams berücksichtigt werden. Vor einem Finale wird anders entschieden als am Anfang der Saison. Im funktionierenden Team ist dies kein Problem. Doch wenn es im Team zwischen den handelnden Personen nicht stimmt, kann es problematisch werden.

Und dieses potenzielle Problem besteht im Fußball durchgehend?

Nein, bei kleinen Vereinen und in unteren Spielklassen funktioniert es oft sehr gut, weil die Fluktuation der Spieler gering ist und der Arzt die Spieler häufig gut kennt. Im Profisektor haben wir dagegen eine sehr hohe Fluktuation. Dazu kommt noch möglicherweise eine Sprachbarriere, wenn ein Spieler aus dem Ausland kommt. Natürlich ist es für den Mediziner auch hilfreich, wenn er in etwa weiß, wie Fußballer denken und handeln, das kompensiert einiges. Und er sollte versuchen, die „Sprache“ der Spieler zu sprechen. Damit meine ich nicht deren Landessprache, sondern die „Fußballsprache“, die ist überall gleich.

Haben Sie noch etwas aus dem Fall Klasnic allgemein gelernt?

Ja, durchaus – mehrere Dinge. Für den Amateurfußball ist aus diesem Fall zu schlussfolgern, dass schwere Erkrankungen durchaus auch potenziell gesunde Sportler treffen können und Vorsorgeuntersuchungen enorm wichtig sind. Zusätzlich zeigt der Fall, dass Nierenerkrankungen nicht unterschätzt werden dürfen. Das sage ich deshalb, weil im Fußball durchaus bis in die tiefsten Spielklassen Schmerzmittel vor oder nach dem Spiel genommen werden, die bei unkontrollierter Einnahme über längere Zeit eben die Nieren schädigen können. Man merkt dies oft erst, wenn es bereits zu spät ist.

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