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Fussball

WM-Aus: Italien liegt am Boden

Erstmals seit knapp 60 Jahren ist die Nationalelf nicht bei der WM dabei. Wie das Land das historische Scheitern verarbeitet
Von Julius Müller-Meiningen, MZ

Italiens Spieler nach dem 0:0 gegen Schweden – ein Spiegelbild der Stimmung: Im Land herrscht Stille. Foto: dpa

Mailand.Der Nebel in der dunkelsten aller Mailänder Nächte hatte sich noch nicht gelichtet, da erging sich Italien bereits in Angstszenarien für den kommenden Sommer. „Keine Biere vor dem Fernseher, keine gehissten Fahnen auf den Balkons“, so stellte sich die italienische Huffington Post die Orientierungslosigkeit während der WM 2018 vor. Nicht einmal die deutschen Touristen an den Stränden werde man mit herausforderndem Blick provozieren können.

Nein, der Traum ist aus. Italien hat sich erstmals seit knapp 60 Jahren nicht für eine Fußballweltmeisterschaft qualifiziert. Ein 0:0 im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion gegen Schweden war nicht genug, stattdessen fahren die Skandinavier zur WM im nächsten Jahr in Russland. Seit Montagabend herrscht Stille in einem Land, in dem Stille eigentlich nicht vorgesehen ist.

Ein gewaltiger Kater


Italien wachte am Dienstag mit einem gewaltigen Kater auf, ausgelöst durch die ureigenste Leidenschaft der Südeuropäer. Fußball war lange Zeit ein letzter Anker für das angeschlagene Selbstbewusstsein des Südens. Nun müssen sich die Tifosi auf fast allen Fernsehkanälen die Bilder der eigenen Unzulänglichkeit ansehen, maskiert von blauen Fußballtrikots. Italiens Krankheiten sind bekannt: die Folgen der Wirtschaftskrise, knapp 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, Skandalpolitiker en masse.

Aber immerhin stand Gigi Buffon zuverlässig im Tor der Squadra Azzurra. Ein lebendiges Denkmal, das auch im Ausland Anerkennung fand. Unter Tränen, die in vielen italienischen Haushalten ansteckende Wirkung entfalteten, gestand der Torwart das Scheitern seiner selbst und der Nation ein. „Dahin auch die Illusion, wenigstens im Fußball noch etwas zu zählen“, schrieb der Corriere della Sera auf seiner ersten Seite.

Die Tifosi hatten nicht einmal die Kraft, ihre gefallenen Helden mit Tomaten zu bewerfen, wie bei früheren sportlichen Katastrophen. Luca Lotti, der für Sport zuständige Minister, forderte die „völlige Neuaufstellung des italienischen Fußballs“, was das heißen soll, blieb sein Geheimnis. Genauso gut hätte er eine Neuordnung des Landes fordern können. Experten rechneten die ökonomischen Verluste der Nicht-Qualifikation vor. Während der letzten Europameisterschaft habe das Geschäft mit Fernsehern um vier Prozent zugelegt, daraus wird im nächsten Jahr garantiert nichts. Ganz Wagemutige bezifferten den Zuwachs des italienischen Bruttosozialprodukts im Jahr des letzten WM-Gewinns 2006 mit einem Prozent. Aus der Traum auch unter diesen Gesichtspunkten.

Das Land, in dem einst die Zitronen blühten, steckt in der Depression. Die nahm selbstredend nicht erst mit der Nicht-Qualifikation vom Montag ihren Anfang, sondern hat sich seit mindestens einem Jahrzehnt der Republik bemächtigt.

Ein WM-Titel wie 2006 oder Reformerfolge einzelner Regierungen sind Ausreißer in einer stagnierenden Wirklichkeit. Prägend sind trotz aller positiven Wasserstandsmeldungen immer noch die Wirtschafts- und Finanzkrise, die 2008 ihren Anfang nahm, sowie kurzsichtige Politik. Die Industrie rappelt sich mühsam auf, aber vor allem ist es eine ganze Generation junger Menschen, die nicht optimistisch in die Zukunft blicken kann, weil am Horizont nur ein Gelegenheitsjob winkt

Das historische Scheitern der Nationalelf bestätigt diesen traurigen Befund nur aus Neue. Italien wartet auf den Umschwung. Im Fußball wird dieser jetzt mit dem Abtritt der älteren Generation erzwungen. Die Jungen müssen ran, ob sie wollen und können oder nicht. „Fine“ (Ende) titelte die Gazzetta dello Sport, als sei viel mehr als ein Fußballspiel zu Ende.

Am Abgrund angekommen


Und doch gibt es Stimmen, die im Scheitern Potenzial erkennen. „Wer nicht ganz unten angelangt, der kommt nicht wieder hoch“, sagt Mario Franchi, Leiter einer Schule („Il mutamento“) zur Ausbildung von Therapeuten in Udine. „Die Italiener verstehen eher durch den Fußball, dass sie am Abgrund angekommen sind als durch die Politik.“ Dort wird der Misserfolg im Fußball bereits fleißig instrumentalisiert. „Zu viele Ausländer auf den Spielfeldern“, tönt der Chef der fremdenfeindlichen Lega Nord, Matteo Salvini, im Zusammenhang mit dem Scheitern der Nationalelf.

In der Politik arbeitet sich gerade auch ein alter Bekannter wieder ins Rampenlicht, der wegen Steuerbetrugs verurteilte Ex-Premier Silvio Berlusconi. Eine WM ohne Italien und Berlusconi zurück an der Regierung? Das ist nicht Science Fiction, sondern ein Ausblick in die italienische Wirklichkeit im Jahr 2018.

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