Dunkle Wolken hängen beim Training des deutschen Teams gestern Abend über der Arena. Das muss aber kein böses Omen sein. Foto: Brüssel
Von Heinz Gläser, MZ
Regensburg. Draußen vor den Absperrzäunen rund ums Stadion parken zwei riesige grüne Trucks mit britischen Nummernschildern. Sie tragen die Aufschrift „European Tour Productions“, und das Symbol daneben verweist auf einen weltweit populären Sport, der mit Schlägern und Bällen betrieben wird. Die Übertragungswagen sind mit hydraulisch ausfahrbaren Bordwänden ausgestattet, das schafft Platz zum Arbeiten im Inneren. Solche Lkw-Ungetüme, vollgestopft mit modernster Technik, sieht man normalerweise im Umfeld von Fußball-Europapokalspielen, der Formel 1 oder eben von hochklassigen Golf-Turnieren – also überall da, wo Sportereignisse von überregionaler Bedeutung über die Bühne gehen.
Schläger und Bälle
Alles läuft professionell ab, jeder Handgriff sitzt. Die Jungs von „European Tour Productions“ stemmen Boxen, verlegen Kabel. Ihr aktueller Job hat ebenfalls mit Schlägern und Bällen zu tun, jedoch nicht mit Golf. Am Donnerstagabend beginnt in der Armin-Wolf-Arena die World Baseball Classic, eines von vier Qualifikationsturnieren der offiziellen Baseball-WM. In Regensburg-Schwabelweis messen sich die Nationalteams aus Deutschland, Kanada, Großbritannien sowie Tschechien. Eine Mannschaft schafft den Einzug in die Hauptrunde.
Martin Brunner ist die Vorfreude anzusehen, er beginnt in höchsten Tönen zu schwärmen und ausladend zu gestikulieren, wenn er auf seine Passion und das Turnier angesprochen wird. „Das wird für alle, die dabei sind, für die Sportler und die Zuschauer eine fantastische Erfahrung“, verspricht er und fügt hinzu: „Das gilt unabhängig davon, ob ich das Spiel kenne und verstehe. Allein schon die Atmosphäre wird unvergesslich sein und sich allen einprägen.“
Brunner, der Pitching-Trainer des dreimaligen deutschen Meisters Buchbinder Legionäre und Leiter des Regensburger Sport-Internats, hat wie seine Mitstreiter im rührigen Verein derzeit einen Zwölf-Stunden-Tag. Auf „100 bis 120 Ehrenamtliche“ taxiert er die Zahl derjenigen, die in der heißen Phase mit anpacken. „Jeder von uns muss halt ein paar Meter mehr gehen als normal. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele lose Enden zusammengehalten werden müssen“, sagt er achselzuckend, aber was soll’s: „Größer, bedeutender und internationaler als das wird’s wohl nicht mehr.“
Erst sieht der 38-Jährige auf dem Nebenplatz nach dem Rechten, dann prüft er mit dem eigens aus den USA angereisten Clive Russell die Beschaffenheit des Belags im Infield, als handle es sich um den Heiligen Rasen von Wimbledon. Brunner, der auch die zweite Mannschaft der Legionäre trainiert und seit 13 Jahren im Klub ist, prüft mit Daumen und Zeigefinger die winzigen, gebrannten Tonkugeln. Auch Event-Manager Russell ist zufrieden. Er ist einer von sage und schreibe 50 Abgesandten – Offizielle und Helfer – der Major League Baseball (MLB), und die amerikanischen Gäste überlassen bei diesem Ereignis nichts dem Zufall. Der rote Spezialbelag war eine von unzähligen Auflagen. „Der wurde palettenweise aus den Staaten herangeschafft und klebt nicht an den Schuhen, selbst wenn’s nass ist“, sagt Brunner: „Alles soll und muss Weltklasseniveau haben.“ Schließlich haben sich mehr als 100 Journalisten akkreditiert.
Ein „paar Extrawünsche“ der US-Kollegen kurz vor dem Classic-Start hätten trotz aller ausgeklügelten Pläne nochmals „für ein bisserl Hektik“ gesorgt, berichtet der 38-Jährige. Doch Organisationschef Philipp Hoffschild & Co. hätten bislang alles gemeistert. „Wir wären nicht die Legionäre, wenn wir das nicht auch noch schaffen würden“, sagt Brunner. Und ja, er gibt gerne zu, „dass wir alle hier schon ein bisschen stolz sind auf das Geleistete“.
Das war schon nach der WM 2009 in Regensburg nicht anders, und die damaligen Erfahrungen sowie die über die Jahre gewachsenen Beziehungen der Legionäre nach Übersee haben die MLB-Gewaltigen davon überzeugt, dieses Qualifikationsturnier in die Oberpfalz zu vergeben. „Die World Baseball Classic sind das einzige Turnier, bei dem Profis und die Superstars aus aller Welt mit Nationalstolz auflaufen“, schwärmt Brunner und verweist auf eine „Tatsache, die hierzulande oft vergessen wird: Es gibt mehr Baseball- als Fußballspieler weltweit.“
Spannung und Präzision
Kuba, Japan, Korea: Brunner betet die Liste der Länder herunter, in den Baseball Sportart Nummer eins ist, und er beginnt erneut zu schwärmen. „Baseball ist Spannung pur. Es erfordert Präzision, Geschicklichkeit und Gewandtheit. Außerdem lässt sich die Atmosphäre nicht mit anderen Sportarten vergleichen. Sie ist familiärer, weil dem Spiel die Aggressivität fehlt. Einfach mit dem Kopf durch die Wand, das funktioniert bei uns nicht.“
Sportlich erwartet Brunner ein „Turnier auf Augenhöhe, auch wenn Kanada der größte Name ist. Kleinigkeiten werden letztlich den Unterschied ausmachen“. Für das deutsche Team sprechen aus seiner Sicht die Eingespieltheit und natürlich auch der Heimvorteil. „Wir sind definitiv nicht der Underdog“, bekräftigt Brunner.
Dann schweift sein Blick durchs Stadion, das durch die Zusatztribünen rund 4600 Zuschauern Platz bietet. „In jedem Detail steckt enorm viel Know-how drin. Es war enorm spannend, das wachsen zu sehen“, sinniert Brunner.
Ab Donnerstagabend fahren die Legionäre die Ernte ein.