Links Oben 28.06.2012, 19:58 Uhr

Saudade

von Manfred Sauerer, MZ

Das Wort in der Überschrift ist nicht so einfach zu übersetzen. Es bedeutet in etwa Traurigkeit oder Melancholie. Die Saudade ist die spezifisch portugiesische Form des Weltschmerzes. Und der Weltschmerz wiederum ist nach der Definition des Schriftstellers Jean Paul von 1823 ein Gefühl der Trauer, das jemand über seine eigene Unzulänglichkeit empfindet, die er zugleich als Teil der Unzulänglichkeit der Welt betrachtet.

Damit wären wir bei der Elfmeter-Niederlage Portugals im EM-Halbfinale gegen Spanien. Ausgerechnet gegen die leichtlebigen iberischen Brüder war das Elf-Millionen-Volk am Ende wieder gezwungen, eine weitere Schippe auf den schon unendlich großen Berg der Traurigkeit zu werfen.

Portugal hatte im 15. und 16. Jahrhundert ein Weltreich aufgebaut, das es danach Stück für Stück verlor. Seitdem lechzen Land und Volk nach Glück und unterdrücken gleichzeitig das Wissen, dass das Verlorene nie zurückkehren wird.

Die Stimmen, die nach dem Elfer-Drama von Donezk aus Portugal kamen, passen ins Bild. Noch nie holte die Nationalelf einen großen Titel, 2004 verlor sie etwa daheim im EM-Finale gegen Griechenland. Damals wie am Mittwoch scheiterte sie trotz großer Leistung an der eigenen Unzulänglichkeit. Sie erzielte einfach keine Tore.

Und es entspricht eben der portugiesischen Mentalität, wenn eigene Probleme auf die Fehler anderer zurückgeführt werden. Eine Zeitung schrieb, man hätte ja eigentlich gegen Kroatien spielen müssen (und hätte natürlich gesiegt). Aber ein Schiedsrichter aus Deutschland (Wolfgang Stark) verhinderte dies, als er den Kroaten gegen Spanien einen Elfer versagte und so dem Titelverteidiger das EM-Aus ersparte.

Die Sehnsucht nach besseren Zeiten bleibt den Portugiesen jedenfalls erhalten. Der Rest Europas wird dem Fado, dem Gesang, der die Saudade so gut ausdrückt, lauschen und Mitgefühl zeigen. Wer nun einwerfen mag, mit dem eingebildeten Gockel Ronaldo kein Mitgefühl zu haben, dem sei gesagt: Ronaldo stammt aus Madeira. Das gehört zwar zu Portugal, die Saudade ist dort jedoch kein Thema.

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