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Montag, 19. Februar 2018 4

Sport

Mit 120 Sachen durch den Eiskanal

Beim Bobfahren sollte man keine Angst vor Geschwindigkeit und Kurven haben. Reporterin Maximiliane Gross wagte das Abenteuer.
Von Maximiliane Gross

Für jeden Co-Piloten gibt es nach der erfolgreichen Fahrt eine Medaille und Urkunde. Foto: Froehlich

Schönau am Königssee.Die Uhr läuft immer schneller runter – so kommt es mir zumindest vor. Meine Hände sind schwitzig, mir ist warm und kalt zugleich. Mein Herz rast – ich spüre, wie meine Halsschlagader unter dem Schutzhelm pocht. Ich klappe das Visier nach unten. Nicht ganz, ein Spalt muss offenbleiben, sonst beschlägt es bei der eisigen Kälte. Strahlender Sonnenschein lässt die Kunsteisbahn am Königssee und die vom Schnee weiß bepuderten Berge glitzern. Nur noch wenige Sekunden, bis ich das erste Mal in meinem Leben in einem Rennbob den Eiskanal nach unten düse. Ein Abenteuer, das beim „Rennbob-Taxi“ jeder wagen kann.

Das Video zur Bobfahrt sehen Sie hier:

Bob-Selbstversuch: Kollegin Maximiliane Gross trai

In wenigen Tagen kämpft die deutsche Bobsport-Elite um Francesco Friedrich, Kevin Kuske und Johannes Lochner bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang um Medaillen. Auf der Bahn in Schönau gewann Friedrich im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft die Goldmedaille im Zweier- und Viererbob. In der anspruchsvollen Viererkombi schafften es zudem noch die Piloten Lochner und Nico Walther mit ihren Anschiebern aufs Treppchen. Die Eisbahn am Königssee liegt den Deutschen also.

Die rasante Fahrt

Für mich wird es jetzt ernst: Thomas Pöpperl, mein Pilot, schwingt sich in den Bob und greift die Lenkseile. Mein Hintermann und ich wissen: Jetzt geht‘s wirklich los. Die Schranke am Start öffnet sich, zwei von Pöpperls Kollegen schieben uns an und schon geht‘s bergab. Durch das eigene Anschieben erreichen die Profiteams schneller ihre Geschwindigkeit als wir. Das Tempo auf der Strecke weicht dann nur noch um circa fünf Kilometer pro Stunde ab.

Das Rennbob-Taxi ermöglicht jedem das Abenteuer. Foto: Gross/Instagram

Die ersten Kurven nehme ich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht richtig wahr. Zu groß ist die Überraschung, dass der Bob wirklich so schnell unterwegs ist. Nach zwei, drei Kurven gewöhne ich mich an die Geschwindigkeit. Jetzt merke ich auch, wie einen die Schwerkraft in jeder einzelnen Kurve und vor allem im Kreisel, einer 360-Grad-Kurve, zur Seite drückt. Erst rechts, dann wieder links und das vom Start bis zum Ziel.

Es ruckelt, es wackelt, meine Gedanken haben überhaupt keine Zeit, zu kreisen. Denn während unserer Rennfahrt darf ich drei Dinge nie vergessen: ordentlich an den Griffen festhalten, Oberkörper gerade und anspannen, Kopf oben halten. Bei unglaublichen 115 bis 120 Stundenkilometern ist das leichter gesagt als getan.

Der ultimative Kick

Nach nicht einmal 60 Sekunden schießt der Bob aus der letzten von insgesamt 15 Kurven. Jetzt geht es noch ein ganzes Stückchen leicht bergauf, um zu bremsen. Als der Bob steht, merke ich erst, wie ich am ganzen Körper zittere. Meine Hände sind immer noch schwitzig, mein Herz rast, aber ich bin stolz, diese Herausforderung gemeistert zu haben.

Bis ich mich aus dem Kurvengefährt gequält habe, wartet Pilot Thomas schon auf mich und Hardy, meinen Hintermann. Noch vollkommen geflasht von der rasanten Abfahrt erhalten wir von Thomas eine Goldmedaille und eine Urkunde. Jetzt fühle ich mich fast wie ein Olympia-Star. Wäre jetzt noch die Nationalhymne aus den Lautsprecher erklungen, wäre mir kein Unterschied zur olympischen Siegerehrung aufgefallen.

Gut, eine wesentliche Abweichung gab es dann doch: Die Bobs sind nicht die neuesten Modelle. Dafür saß aber garantiert schon einmal ein Profi darin. Eric Dengler, Organisator des Rennbob-Taxis, verrät: „Der technische Fortschritt ist natürlich enorm. Wenn die Bobs nicht mehr den neuesten Anforderungen entsprechen, kaufen wir sie dem Verband ab und nutzen sie als Rennbob-Taxi.“

Bevor es rasant nach unten geht, muss man erst einmal den Anstieg zum Start bewältigen. Foto: Gross/Instagram

Ein neuer Weltcup-Bob kostet inzwischen circa 80 000 Euro und besteht aus Metall und Kohlefaser. Theoretisch könnten Profis ihre Bobs laut Dengler länger fahren, als sie es tatsächlich tun. Grund dafür ist, dass die Entwicklung immer weiter voranschreitet und die eigentlich noch guten Bobs dann aber nicht mehr die Besten sind. Für die Fahrer würde das bedeuten, dass sie langsamer als die Konkurrenz sind. Ein Risiko, das man im Spitzensport auf keinen Fall eingehen möchte.

„Ich bin schon mindestens 3000 mal runtergefahren.“

Thomas Pöpperl, Bob-Pilot

Nachdem ich mein Abenteuer einigermaßen realisiert habe, lasse ich mir die Chance nicht entgehen, mich ein bisschen mit den „Profis“ auszutauschen. Dabei interessiert mich vor allem, wie oft die Piloten den Eiskanal schon bewältigt haben. „Ich bin schon mindestens 3000 mal runtergefahren“, verrät Thomas Pöpperl, der seit 1999 aktiver Bobfahrer ist und Wettkämpfe im Juniorenweltcup bestritt.

Die Piloten haben’s drauf

Sein Kollege Matthias Böhmer bringt ebenfalls mutige Laien im Bob-Taxi die Eisbahn hinunter. Als Profi wurde der heute 27-Jährige vor vier Jahren sogar Vize-Juniorenweltmeister im Viererbob. Bis vor zwei Jahren war er im Weltcup aktiv. Wenn also Piloten wissen, wie es geht, dann die vom Rennbob-Taxi.

Obwohl meine Fahrt schon seit gut einer Viertelstunde vorbei ist, beruhigten mich diese Infos im Nachhinein trotzdem noch. Und ich fragte mich ganz leise, wie die Fahrt wohl mit einem Olympiasieger als Pilot gewesen wäre. Noch rasanter, noch wackeliger, noch spektakulärer – oder einfach ganz genau so, wie sie es mit Thomas war.

Weitere Infos zum Bobfahren finden Sie hier:

Lesen Sie hier die weiteren Selbstversuche der MZ-Kollegen:

Angelika Sauerer startete beim Biathlon einen Selbstversuch. Bernhard Fleischmann hatte viel Spaß in der Mausefalle. Und: Marianne Sperb hat sich als Skispringerin versucht.

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