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Olympia: Top-News
Montag, 25. September 2017 19° 5

Olympia

Gestandener Läufer in der Lernphase

Für Florian Orth aus Regensburg sind die 5000 Meter Neuland. Der Olympia-Starter wird sich an diese Strecke gewöhnen müssen.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Der letzte EM-Auftritt war für Florian Orth (rechts) der bisher beste: In Amsterdam wurde er Siebter über 5000 Meter – und gratulierte seinem Olympia-Mitstarter Richard Ringer zu Bronze. Foto:Eibner

Regensburg. Florian Orth ist eine Fixgröße. Ob Halle oder Freiluft: Seit 2010 schon ist er eine Bank für Medaillen bei deutschen Meisterschaften. Der Läufer der LG Telis Finanz Regensburg schaffte es auch immer und immer wieder zu Europameisterschaften. Vom Glück verfolgt war er dort nicht. In Helsinki 2012 setzte er vor der Schlussgerade zum Spurt an, als ihm ein Konkurrent in die Hacken trat und er blutend ins Ziel kam. Auch aus Zürich brachte er Schrammen mit: Diesmal kam Florian Orth vor der Schlussrunde in einem Getümmel zu Fall und war damit aller Chancen beraubt.

Der Blick in seine Vergangenheit zeigt: Florian Orth ist ein gestandener Läufer – und doch ist er in Rio de Janeiro ein Neuling. Denn das Jahr 2016 brachte eine Veränderung, die so nicht unbedingt gewollt war: Nicht über 1500 Meter schaffte der Hesse, der nach dem inzwischen abgeschlossenen Studium als Zahnarzt in der elterlichen Praxis arbeitet, den Sprung nach Brasilien, sondern über 5000 Meter. Bis zur Europameisterschaft in Amsterdam lag seine Erfahrung in Rennen um Titel auf dieser Distanz bei null. „Das war mein allererstes Mal: Nicht mal bei einer deutschen oder einer bayerischen Meisterschaft bin ich gelaufen“, sagt Orth.

Der Taktikfuchs über 1500 Meter ist also am Anfang einer Lernphase: Der Vorlauf von Rio des Janeiro am Mittwoch ab 15.05 Uhr wird erst der fünfte Start über 5000 Meter in seiner Karriere. Das Debüt gelang: Florian Orth schaffte mit Rang sieben in Amsterdam das beste internationale Resultat seiner Karriere. Aus der Distanz von fünf Sekunden Rückstand erlebte er das knappste 5000-Meter-Rennen aller Zeiten und eine deutsche Medaille, die Richard Ringer in dem Tausendstel-Entscheid zeitgleich mit dem spanischen Europameister Ilias Fifa auf dem Bronzerang landete. „Als zweitbester Deutscher wirst du natürlich auch nicht so wahrgenommen.“

Neuer Rhythmus auf neuer Strecke

Eigentlich sollte auch Florian Orths Lebenspartnerin Maren Kock in Rio dabei sein. Foto: dpa

„Solche Rennen werden hintenraus immer schneller“, sagt Florian Orth und weiß, dass nicht allein die Zeit das Maß der Dinge ist, je länger die Strecke wird. „200 schnell, 200 Meter langsam“ – auch an derartig unrhythmisches Laufen muss man sich gewöhnen. Florian Orth wird sich umgewöhnen müssen. „Ich befürchte es“, sagt Florian Orth auf die Frage, ob seine Zukunft auf der Langstrecke liegt. Der Hesse zitiert den Spruch von Kurt Ring, dem Teamchef seines Klubs LG Telis Finanz: „Willkommen auf den 5000 Metern hat er zu mir gesagt.“

Der erste Versuch, für den Orth mit seiner Freundin eigens einen Trip in die USA unternahm, war noch gnadenlos schief gegangen. Im zweiten Anlauf klappte es: Im belgischen Läuferort Oordegem, wo er im Mai 2015 sein 5000-Meter-Debüt abgeliefert hatte, blieb Florian Orth in 13:23,67 Minuten unter der auch auf dieser Distanz gesenkten Norm von 13:25.

Selbstredend ist Orth ein krasser Außenseiter auf einen Platz im Endlauf, der am Sonntag anstünde. „Das Finale ist natürlich der große Traum. Da kommen ja nur 15 hin“, sagt Orth in vollstem Realismus und mit Blick darauf, dass im Starterfeld unter über 100 Gemeldeten nur 15 Namen mit einer schwächeren Meldezeit hinter ihm folgen. „Aber die Plätze werden nicht auf dem Papier ausgemacht. Viel hängt an der eigenen Leistung und auch an einem Quäntchen Glück.“

Dass Florian Orth entgegen der kurzfristigen Anreise der Marathonis Anja Scherl oder Philipp Pflieger, mit dem er in der Höhe von St. Moritz nach der EM gemeinsam trainierte, schon seit vergangener Woche in Brasilien weilt, ist den Verwicklungen um seine Lebenspartnerin Maren Kock geschuldet, die ein dramatisches Hin und Her um Olympia erlebte und ihren Start schon hinter sich hätte. Über 1500 Meter schien das Ziel für die höchst achtbare EM-Sechste von Amsterdam zunächst verpasst. Dann stand Kock aufgrund von freien Startplätzen vermeintlich doch im Aufgebot und wurde sogar eingekleidet, um schlussendlich doch wieder ausgeladen zu werden. „Sie nur unter Vorbehalt zu nennen, wäre die bessere Lösung gewesen. So nahm das Desaster seinen Lauf“, sagt Florian Orth über die Höchststrafe der Gefühls-Achterbahn seiner Freundin. „Letztlich ist jeder Athlet trotzdem noch ein Mensch.“

Feuer muss noch entflammt werden

Jetzt war Florian Orth dann eben alleine eher da, „weil der Traum doch nicht gemeinsam klappt“ und hat länger Zeit, sich zu akklimatisieren. Vor seiner Abreise verfolgte er das olympische Geschehen noch eher distanziert. „Das Fieber ist noch nicht da. Aber vielleicht wird das Feuer bei mir ja dann vor Ort entfacht.“ Spaß an der neuen Strecke, die vielleicht noch einmal neue Perspektiven bringt, hat er ja inzwischen gefunden.

Alle Nachrichten zu den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro finden Sie hier.

Wie geht es den Athleten aus Ostbayern bei Olympia? Wir berichten im NewsBlog:

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