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Sport aus Cham
Samstag, 21. Oktober 2017 17° 1

Trailrunning-Tagebuch

Vier auf dem „Highway to Hell“

600 Starter, darunter die Chamer Wolfgang und Max Hochholzer, Markus Mingo und Veronika Paula, kämpfen sich beim Zugspitz Basetrail bergauf und bergab.

  • Wolfgang Hochholzer auf dem Weg zur Alpspitze
  • Max Hochholzer, Veronika Paula, Markus Mingo und Wolfgang Hochholzer vor dem Start in Mittenwald Fotos: cgm
  • Veronika Paula kommt ins Ziel mit einer sensationellen Platzierung.

Cham.In ihrem „Tagebuch“ lassen die vier Chamer des Gamsbock-Teams unsere Leser ihren Lauf miterleben.

Markus: Mittenwald,

10 Uhr

Knapp eine Stunde vor dem Start erreichen wir Mittenwald und es ist fast wie beim Familientreffen. Alle sind sie da: Flo aus Landshut, Christoph aus Traunstein, Richard aus München und natürlich die Starter aus dem Landkreis Cham – Veronika, Max, Wolfgang, Alexander Franz und ich. Ein bisschen stolz bin ich schon, als wir feststellen, dass das Team Gamsbock mit acht Startern beim Basetrail die größte Gruppe stellt. Mittlerweile wissen auch die anderen Läufer, dass die Bayerwäldler ganz schön zäh sind und mit uns bei diesen Veranstaltungen durchaus zu rechnen ist. Bevor wir in den Startblock können, werden noch unsere Rucksäcke auf Vollständigkeit der Pflichtausrüstung kontrolliert. Seit den tragischen Todesfällen bei einer anderen Berglaufveranstaltung an der Zugspitze vor ein paar Jahren sind die Veranstalter besonders sensibilisiert. Gut so! An über 600 Startern vorbei schlängeln wir uns vor bis zur ersten Reihe. Auch das eine Besonderheit beim Trailrunning: Die Sportler wirken deutlich entspannter. Beim München-Marathon hätte ich fast einmal Prügel kassiert, als ich im Startblock einige Meter nach vorne wollte, hier lassen sie uns durch, grüßen und wünschen viel Erfolg. Toll! Flo, Wolfgang und ich stehen also zwischen den Topläufern, allen voran die drei Profis vom Team Salomon Deutschland: Martin Schedler, Stephan Tassani und Thomas Hartmann. Tassani ist als Sieger des Zermatt Marathons und langjähriges Mitglied der deutschen Berglauf Nationalmannschaft eine Berglauflegende. Gespannt stehen wir an der Startlinie und warten, dass es endlich losgeht. Wohl jeder Sportler kennt diese magische Mischung aus Anspannung und riesiger Vorfreude wenige Momente vor einem wichtigen Spiel oder Wettkampf.

Wolfgang: Mittenwald,

10.59 Uhr

Die letzte Minute dröhnt das obligatorische „Highway to Hell“ durch die Lautsprecher, bevor der Bürgermeister von Mittenwald den Startschuss freigibt. Explosionsartig entlädt sich die Spannung der 600 Starter. Viele Zuschauer stehen entlang der ersten fünf Kilometer hinauf zum Ferchensee und feuern uns an. Die Spitze geht vom Start weg ein sehr hohes Tempo. Ich fühle mich gut und kann mich in Sichtweite zur Spitzengruppe einreihen. Markus ist dicht hinter mir. Ein paar Kilometer laufe ich mit Stephan Tassani – wir beide freuen uns über die Gesellschaft in dem eher zähen Abschnitt auf einer Forst-Autobahn. Im Anstieg zieht Stephan das Tempo knallhart durch, ich falle etwas zurück, kann aber zusammen mit Markus in der ersten schwierigen Bergab-Passage hinunter in die Partnachklamm wieder aufschließen und sogar zwei weitere Plätze und einiges an Zeit gut machen. Fast die Hälfte der Kilometer ist absolviert. Bis jetzt läuft es gut für mich. Es liegen „nur“ noch 1300 Höhenmeter im Anstieg vor mir – eigentlich meine Stärke, doch es kommt ganz anders.

Max: Partnachklamm (800 Meter), 13.06 Uhr

Ich komme bei Kilometer 15 aus dem Downhill heraus an die zweite Verpflegungsstation. Sie liegt idyllisch an der rauschenden, smaragdgrünen Partnach am Ende der berühmten Klamm. Eigentlich sollte man hier einen gemütlichen Nachmittag verbringen. Doch ich will vom tiefsten Punkt der Strecke so schnell wie möglich hinauf zur Bergstation der Alpspitzbahn auf 2029 Meter. Zweimal von Bad Kötzting auf den Kaitersberg, schießt es mir durch den Kopf. Im letzten Jahr wurde dieser Abschnitt für mich zum persönlichen Waterloo, aber damals hatte ich wegen der längeren Strecke auch schon 49 Kilometer in den Beinen. Schnell die Trinkblase aufgefüllt, ein paar Energieriegel reingemampft, dann versuche ich wieder meinen Laufrhythmus zu finden. Steil geht es an den verdutzen Schluchtbesuchern vorbei bergauf, kurz und heftig wieder runter und dann auf einer Brücke über die Klamm. Unten tost der Wildbach. Jetzt kommt der steilste Teil des Laufes. Wir machen uns gegenseitig Mut und jeder muss nun sein eigenes Tempo finden. „Du schaust noch gut aus“, ruft mir ein Zuschauer zu und ich lächle ihm dankend zurück, obwohl ich weiß, dass er lügt. Ich komme auf einen flacheren Weg und erhole mich die paar folgenden Höhenmeter hinunter wieder ganz gut. Dann ein Knick nach rechts in den finalen Anstieg, der wie eine Wand vor mir steht.

Ich überhole ständig Läufer, die hier alle zu schnellen Gehern geworden sind. Jetzt beginnen die endlosen Serpentinen auf einem immer schmaler werdenden Pfad. Immer wieder sieht man über sich Läufer kreuzen. Nun geht es auch noch über umgefallene Bäume – doppelt anstrengend. Von oben dringen aus dem Nebel herab Stimmen. Ich weiß, das sind die Zuschauer an der Kreuzeckbahn. Das macht mir Mut. Endlich sehe ich sie über mir stehen, wie auf einem Balkon. Sie schreien hinauf. Tolle Stimmung! An der Verpflegungsstelle, die auch im Downhill noch einmal angelaufen wird, warten Family & Friends. Auch meinen Sohn und Bruder, die ebenfalls mitlaufen, sehe ich. Wir wünschen uns alles Gute und es geht weiter hinauf im Nebel, die letzten 400 Höhenmeter. Die Schneefelder werden mehr, die Temperatur sinkt und nur schemenhaft kann ich einige Konkurrenten über mir erkennen. Dann endlich die letzte Rampe. Am höchsten Punkt kämpft mein Bruder gerade mit einem Krampf. Jetzt nur noch zehn Kilometer bergab nach Grainau. Ich bin guter Dinge!

Markus: Bergstation Alpspitzbahn (2029m), 13.50 Uhr

Wow, bin ich fertig. Der Anstieg zieht sich und kommt mir genau so anstrengend vor wie letztes Jahr mit deutlich mehr Kilometern in den Beinen. Ich bin auf Position acht und ein Streckenposten hat mir gerade zugeschrien, dass die nächsten Läufer in greifbarer Nähe sind. Also dann: Noch mal alle Kräfte mobilisieren und los geht’s. Der Downhill ist eigentlich meine Stärke. Trotzdem fühlt es sich anfangs komisch an, nach zuvor 1200 Höhenmetern Aufstieg, plötzlich wieder bergab zu laufen. Schnell finde ich meinen Rhythmus und habe richtig Spaß, über Wurzeln, Felsen und Stufen zu springen und die fast 1300 Höhenmeter nach Grainau hinabzustürzen.

Nach einigen hundert Metern sehe ich Stephan Tassani vor mir und kann schnell aufschließen. Auf dem schmalen Pfad bleibt er stehen, geht zur Seite und winkt mich mit den Worten „Hab schon damit gerechnet, dass du nochmal kommst“ vorbei. Ich bedanke mich und er schreit mir noch viel Erfolg hinterher. Klasse dieser Mann! Ein echter Champion, der es nicht nötig hat einem schnelleren Konkurrenten den Weg zu blockieren. Weiter geht’s. Das Gelände wird immer verblockter und schwieriger und mein Respekt gegenüber den Läufern über die Ultradistanz von 100 Kilometern wächst. Bei 80 Prozent der Läufer dieser Strecke ist es bereits dunkel, wenn sie diesen Abschnitt erreichen und sie müssen diesen technisch extrem schwierigen Steig nur mit einer Stirnlampe hinunterstolpern – und das nach 90 Kilometern in den Beinen. Unglaublich! Aber jetzt volle Konzentration. Ich muss ein Schneefeld überqueren – und liege bereits nach den ersten Metern auf der Nase. Aufrappeln und weiter. Diesmal deutlich vorsichtiger. Es folgt noch einmal ein kurzer Gegenanstieg und die Muskeln brennen wie Feuer. Aber auch das geht vorbei und von nun an führt die Strecke nur noch bergab. Ich lasse es noch mal laufen und fliege an der letzten Verpflegungsstation, der Talstation Längenfelder, vorbei. Später höre ich, dass hier Christoph und Veronika standen und sich für den finalen Anstieg rüsteten. Vor lauter Konzentration habe ich sie nicht bemerkt. Noch sechs Kilometer bis zum Ziel.

Veronika: Talstation Längenfelder, 15.15 Uhr:

Endlich erreiche ich zum zweiten Mal die Verpflegungsstation Längenfelder und ich weiß, es geht die restlichen sechs Kilometer bergab. Ab jetzt zählt nur noch eins – runterbrettern, was geht. Doch bevor ich mich den Berg runter stürze, sehe ich zum zweiten Mal meine Eltern, meine Freundin Katrin und Wolfis Mama Anita mit Hund Pauli. Es tut richtig gut, dass liebe Leute dabei sind, mit einem mitfiebern und anfeuern. Noch ziemlich fertig vom Anstieg und wohl etwas orientierungslos laufe ich zunächst in die falsche Richtung, aber glücklicherweise schafft es Katrin mir den rechten Weg zu weisen, sonst wär ich wohl nochmal der Alpspitze entgegengelaufen, aber ging ja nochmal gut. Mit einem kurzen Servus an alle kanns nun los gehen, dass Ziel schon vor Augen. Genau vor einem Jahr mit über 60 Kilometer in den Beinen war es mehr ein Runterhumpeln, weshalb es diesmal ein wahres Erfolgserlebnis für mich ist.

Der Trail schlängelt sich durch den Wald ins Tal. Aufpassen muss ich allerdings schon, denn durch den Regenschauer ist es teilweise richtig rutschig. Unterwegs treffe ich auf einige bekannte Gesichter. Theresie, die bergauf locker an mir vorbeitrabte, lässt nun mich vorbei. Konzentriert hüpfe ich weiter den Pfad hinab und kann unterwegs noch ein paar Männer und ein Mädel überholen. Ich habe allerdings überhaupt keine Ahnung an welcher Position ich mich befinde… Naja, spätestens im Ziel werde ich es erfahren. Am schwierigsten ist das letzte Stück, kurz bevor es auf die Straße geht, extrem steil. Weshalb ich mein Tempo etwas drosseln muss. Kurz vor dem Ziel noch einen Kopfüberschlag hinzulegen, ist ja auch nicht das, was man sich wünscht. Ein letztes Mal passiere ich eine Gruppe Bergwachtler, die ziemlich gut gelaunt sind. Keine Ahnung, ob es am Lauf liegt oder am Bier, das einige in der Hand halten.

Egal, sie motivieren mich und rufen mir nach, ich solle mir die zwei Läufer vor mir „schnappen“. Ich werd es versuchen… Und einen hol ich tatsächlich noch ein. Nun geht’s raus aus dem Wald auf die Straße. Ab hier sind es nur noch zwei Kilometer. Vom langen Downhill zuvor schmerzen meine Beine und ich merke eine leichte Übelkeit. Aber es hilft alles nichts, die letzten Meter werde ich durchziehen. Wie werden sich wohl die Ultraläufer fühlen, wenn sie die Straße entlang laufen oder humpeln, total fertig aber auch wohl wissend, dass es fast überstanden ist? Ich erinnere mich wieder an letztes Jahr, damals war dieser letzte Abschnitt eine einzige „Hatscherei“. Kurz vor dem Ziel holt mich mein Konkurrent von eben wieder ein, von ihm angetrieben laufen wir gemeinsam in den Zielbereich.

Dort höre ich den Moderator etwas von zweiter Frau sagen und ich weiß erst mal nicht, was los ist. Kann es tatsächlich sein, dass ich mich so weit vorgearbeitet habe? Im Ziel verdrängt die Euphorie über den geschafften Lauf und die Freude darüber, dass ich von meinen Eltern und meinen Freund Markus umarmt werde, die Übelkeit, die ich kurz zuvor noch gespürt habe. Als Markus mir sagt, wie stolz er auf mich ist, geht es auf mich über und ich freue mich richtig, in meiner Kategorie den zweiten Platz erreicht zu haben.

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