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Freitag, 19. Januar 2018 5

Eishockey

Ice Tigers: Geträumt von Jaromir Jagr

Ein Gerücht war nach Nürnberg geschwappt. Wechselt die Legende nach Deutschland? Ein sehr persönlicher Recherchebericht.
Von Thorsten Drenkard

Die tschechische Eishockey-Legende Jaromir Jagr Foto: Larry Macdougal/The Canadian Press/AP/dpa

Nürnberg.Jaromir Jagr im Trikot der Thomas Sabo Ice Tigers – ja genau, was für eine lächerliche, geradezu törichte Vorstellung.

Angefangen hat diese vage Träumerei in meinem Bett. Mittwochfrüh, es ist sechs Uhr. Ich liege in meinen kuscheligen Federn und durchforste auf meinem Handy die Neuigkeiten aus der besten Eishockeyliga der Welt, der National Hockey League (NHL). Warum ich ausgerechnet das zu dieser unchristlichen Zeit tue?

Nun, ich bin 40 Jahre alt, weshalb mich ab und an meine Blase in der früh drückend weckt, und ich bin ein glühender Liebhaber des Eishockeysports, speziell der NHL.

Was ich an diesem Morgen auf der Internetseite des kanadischen Fernsehsenders Sportsnet lese, macht mich unruhig. In seiner wöchentlichen Kolumne „31 Thoughts“ (31 Gedanken) schreibt der für gewöhnlich bestens informierte NHL-Kenner und Journalist Elliotte Friedman, dass es Interesse an einer Verpflichtung von Jaromir Jagr aus Deutschland geben soll.

Alles nur ein Scherz?

Wie bitte?! Das ist ein Scherz, denke ich bei mir. Klar, der zweimalige Stanley Cup-Sieger (1991, 1992) und einmalige Olympiasieger (1998) spielt zuletzt bei seinem Arbeitgeber, dem NHL-Team der Calgary Flames, kaum mehr eine Rolle, auch weil er immer wieder verletzt ist. Beide Seiten arbeiten an einer Auflösung des Kontrakts, das ist mir bekannt. Aber Jagr und Deutschland, echt jetzt?!

Doch wie wohl jedem, der sein Herz an den Eishockeysport verloren hat, lässt mich der Name Jaromir Jagr nicht kalt. Ich werde etwas nervös, verlasse das Bett und springe unter die Dusche. Erst einmal abkühlen.

Video-Highlights von Jaromir Jagr:

Jaromir Jagr, dieser tschechische Nationalheld, jene hochdekorierte Eishockeylegende mit ihren 45 Jahren soll also womöglich aus der weltbesten Liga in die vergleichsweise fünftklassige Deutsche Eishockey Liga (DEL) wechseln? Absurd!

Welcher Wahnwitzige in der DEL wäre derart verwegen, über eine Verpflichtung des zweitbesten Punktesammlers in der 101-jährigen NHL-Historie (1921 Zähler) überhaupt nachzudenken, frage ich mich, während ich mir die Haare trockene.

Unweigerlich, nachdem ich die Optionen Mannheim, Köln, Berlin oder München ausgeschlossen habe, lande ich bei den Thomas Sabo Ice Tigers. Ist genauso albern, sage ich mir. Alles nur ein irrwitziger Traum.

Doch wie das so ist mit Träumen im Leben, manchmal werden sie wahr. Und haben das nicht zuletzt gerade die Ice Tigers um ihren ebenso finanzkräftigen wie wagemutigen Eigentümer Thomas Sabo in jüngerer Vergangenheit bewiesen, sage ich zu mir, als der Kaffee in der Kaffeemaschine durchläuft.

Der Tweet von Elliotte Friedmann zu seiner Kolumne:

Dass erstmals in der Geschichte der DEL ein Ligaspiel unter freiem Himmel vor 50.000 Zuschauern im Frankenstadion stattfinden würde – das hatte sich auch niemand vorstellen können. Bis der entschlossene Schmuckhändler 2013 diesen Traum real werden ließ.

Und war es nicht der aktuelle DEL-Tabellenführer aus Nürnberg, der den ehemaligen NHL-Allstar und Olympiasieger Dany Heatley 2015 an die Noris holte, auch wenn dieser damals seine besten Tage als Eishockeyprofi hinter sich hatte?!

Ja, das war Nürnberg. Ich nehme einen Schluck Kaffee. Die Vorstellung eines Jaromir Jagr im Trikot der Ice Tigers erscheint mir plötzlich nicht mehr allzu albern.

Jaromir Jagr gewann zwei Stanley Cup und wurde 1998 Olympiasieger mit Tschechien. Foto: Filip Singer/EPA/dpa

Es ist mittlerweile kurz nach sieben Uhr, ich erinnere mich an einen, zugegeben launigen Einwurf des Eishockey- und Ice Tigers-Experten Sebastian Böhm Anfang der Woche, in dem er die nicht ganz ernst gemeinte Frage nach einem möglichen Ruhestand Jagrs im Trikot der Nürnberger stellt, ohne diesen gänzlich auszuschließen.

Jagr und Nürnberg, so ein wunderschöner Schmarrn, denke ich und zermahle währenddessen gewissenhaft ein Marmeladebrötchen.

Aber so unwahrscheinlich das Szenario auch erscheint, diese spektakulären Gerüchte kann ich nicht ignorieren. Ich muss sie aufklären, das ist mein Job als Lokalsportjournalist, der die Ice Tigers-Berichterstattung für die MZ im Neumarkter Tagblatt verantwortet.

Ich beiße in einen Apfel und tippe also eine WhatsApp-Nachricht an den Pressesprecher der Ice Tigers, es ist mittlerweile 7.55 Uhr. Roman Horlamus schreibt prompt zurück.

Der tschechische Eishockey-Superstar Jaromir Jagr ist in seinem Land ein Nationalheld. Foto: Vítimánek/CTK/dpa

Eine Jagr-Verpflichtung?! Nürnbergs Coach Rob Wilson und Sportdirektor Martin Jiranek würden den Alt-Star nicht holen, ist Horlamus überzeugt. Das war zu erwarten. Aber: Ein Heatley-Transfer war einst auch undenkbar, sage ich mir.

Ich steige ins Auto und fahre in die Redaktion des Neumarkter Tagblatts. Während der Fahrt dann wieder ernsthafte Zweifel: Warum sollte Jaromir Jagr nach Nürnberg kommen? Wenn schon nicht mehr in der NHL spielen, dann doch wohl eher zurück in die tschechische Heimat wechseln, wo ihm mit dem HC Kladno ein ganzer Eishockeyverein gehört, oder nicht?!

Will sich Jagr, trotz anderslautender Bekundungen, durch eine Abkehr von der NHL doch noch ein Hintertürchen für die Teilnahme an den Olympischen Spielen offen lassen? Warum dann aber in Nürnberg?

Ich bin nun an meinem Schreibtisch angekommen, es ist 9.27 Uhr und an der Zeit, tief in die Recherche einzutauchen.

Die Karrierestatistiken von Jaromir Jagr:

Um 9.41 Uhr die erste telefonische Anfrage bei Martin Jiranek – ein Klingeln in der Leitung, keine Mailbox.

Also flugs eine Anfrage an Ursula Simon, persönliche Assistentin von Thomas Sabo in seinem Laufer Schmuckunternehmen, geschrieben und höflich um eine Stellungnahme des Chefs gebeten. 10.01 Uhr, neuer Versuch beim Sportdirektor. Es klingelt, klingelt, klingelt...

Als nächstes recherchiere ich den persönlichen Kontakt von Jaromir Jagrs Agent, dem Ex-NHL-Spieler und Olympia-Siegtorschütze von 1998, Petr Svoboda. Danach greife ich erneut zum Hörer. Es ist 10.17 Uhr, Jiranek geht nicht ans Telefon.

Also schicke ich derweil in bestmöglichem Schulenglisch eine Email-Anfrage an Petr Svoboda geschickt. Ein Anruf im kalifornischen Santa Monica, wo Svoboda lebt, erscheint mir aufgrund der Zeitverschiebung unangemessen, dort ist es noch tiefe Nacht.

10.33 Uhr, Jiranek ist weiterhin nicht erreichbar.

Wie Zidane zum Club

Derweil verfestigt sich in mir die einzig logische Annahme, dass Jagr niemals ein Nürnberger werden kann. Das wäre in etwa so, als wenn Weltstar Zinedine Zidane einst im Winter seiner ruhmreichen Karriere von Real Madrid zum FCN gewechselt wäre – genau: lächerlich.

11.14 Uhr, Martin Jiranek hebt schließlich ab. Der Moment der Gewissheit ist da. Nachdem ich die Beweggründe meiner abenteuerlichen Anfrage dargelegt habe, folgt die einzig erwartbare Antwort: „Wir haben kein Interesse an einer Verpflichtung von Jaromir Jagr.“ Jagr und Nürnberg, dass passe nicht ins Konzept des Vereins.

Kurze Zeit später lässt sich Coach Wilson auf MZ-Nachfrage mit den Worten „senseless“, also sinnlos, im Hinblick auf einen Jagr-Deal zitieren.

Auch auf Twitter sorgte das Gerücht vor Unglauben:

Um 13.44 Uhr flattert noch eine Nachricht der netten Frau Simon ins elektronische Postfach. Nach Rücksprache mit Herrn Sabo sei an den Gerüchten bezüglich Jagr nichts dran. Eine Verpflichtung habe auch nie zur Diskussion gestanden, lässt sie freundlich wissen.

Hier lesen Sie ein Porträt über die Ice Tigers-Coaches Wilson und Flanagan.

Im Sommer, als die Planungen für die aktuelle DEL-Spielzeit liefen, hatte das noch anders ausgesehen. Da hatten das Tiger-Trainerteam und der Sportdirektor den Namen Jagr, der zu diesem Zeitpunkt vertraglos war, kontrovers diskutiert, wie Jiranek auf MZ-Nachfrage verrät. Am Ende ging er nach Calgary.

Es ist mittlerweile 15.45 Uhr an diesem Mittwoch, bleiben die Fragen: Wo wird es den Eishockey-Methusalem mit den baumstammdicken Oberschenkeln hinverschlagen? War Nürnberg jemals eine echte Option für Nürnberg und wird Petr Svoboda diese Nachfrage noch beantworten?

Wenn es nach Elliotte Friedman geht, könnte Jagr künftig mit einem anderen DEL-Klub als Gegner der Ice Tigers im Kurt-Leucht-Weg auflaufen.

So oder so, es bleibt ihm zu wünschen, dass er seine einmalige Karriere würdevoll beenden wird. Im Trikot der Ice Tigers wird es jedenfalls nicht sein.

Alles rund um die Ice Tigers lesen Sie hier.

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