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Nürnberg Ice Tigers-nachrichten
Montag, 11. Dezember 2017 3

Porträt

Nach ihren Pfeifen tanzen die Ice Tigers

Rob Wilson und Mike Flanagan sprechen über herzzerreißende Niederlagen, Titel-Chancen mit Nürnberg und Tritte in den Hintern.
Von Thorsten Drenkard

  • Rob Wilson (l.) und Mike Flanagan stehen seit 2016 gemeinsam beim DEL-Klub der Thomas Sabo Ice Tigers in Nürnberg hinter der Bande – ihr großes Ziel: der Meistertitel. Fotos: Drenkard/Eibner (3)

Nürnberg.Als Rob Wilson und Mike Flanagan noch schmächtige Eishockey-Rotzlöffel waren, kämpften sie mit ihren Jugendteams gegeneinander um die Hartgummischeibe. Das war auf den talentgesegneten Eisflächen der kanadischen Provinz Ontario, aus der die beiden stammen. Rund 40 Jahre ist das mittlerweile her.

Heute machen die beiden Anglo-Kanadier bei den Thomas Sabo Ice Tigers gemeinsame Sache, seit 2016 bilden sie das ehrgeizige Trainerduo des fränkischen DEL-Gründungsmitglieds. „Wir sind Freunde geworden“, versichert Wilson. „Wir vertrauen einander und können uns aufeinander verlassen“, sagt Flanagan.

Rob Wilson gibt die Trainingsform am Taktikbrett vor, seine Spieler beobachten aufmerksam.

Zwar steht der 1,96 Meter große Hüne Rob Wilson als offizieller Chef-Coach und amtierender DEL-„Trainer des Jahres“ im medialen Rampenlicht, mit Nachdruck betont der 49-Jährige aber: „Wir arbeiten zusammen, teilen uns gleichberechtigt die Arbeit. Flags (Flanagan, Anm.d.Red.) hat uns seitdem er hier ist, besser gemacht.“

Die schnöden Zahlen untermauern Wilsons Lobgesang auf seinen 48-jährigen Co-Trainer: 2016 (Hauptrundenplatz sechs) und 2017 (Platz drei) ging es für Nürnberg jeweils ins Playoff-Halbfinale, etwas, das den Franken in ihrer DEL-Historie zuvor erst zweimal gelang. In der laufenden Saison thront das Team nach 18, überwiegend beeindruckenden Hauptrunden-Spielen auf Tabellenplatz eins.

Mike Flanagan hat während des Trainings immer ein Auge darauf, ob die Spieler ihre Übungen auch korrekt umsetzen.

Alles soweit wunderbar, doch in Nürnberg wollen sie mehr. Der erste Meistertitel in der 23-jährigen DEL-Geschichte des Vereins bleibt das Sehnsuchtsziel der Tiger. Wenn dieses heuer abermals nicht erreicht werden sollte, dann darf es doch bitteschön zumindest die Champions Hockey League-Qualifikation für 2018/19 sein. Das hatte der ambitionierte Teameigner Thomas Sabo bei der Saisoneröffnung vor den Fans deutlich gemacht.

Wenn es um die unstillbare Gier nach Siegen und Erfolgen geht, dann hat Sabo mit seinen beiden Coaches eine formidable Wahl getroffen – das legen die Aussagen des Duos im Gespräch nach dem Teamtraining im Office der Coaches nahe.

„Ich will so sehr erfolgreich sein und gewinnen, dass es über das hinausgeht, was man sich vorstellen kann. Ich will unbedingt gewinnen, unbedingt!“, gesteht Wilson mit derart eindringlicher Stimme und durchdringendem Blick, dass man daran nicht einmal im Ansatz zweifeln mag.

Die Ice Tigers-Spieler äußern sich im Video zu ihren Coaches:

Die Thomas Sabo Ice Tigers im Training

Als man gerade überlegt, ob man sich angesichts der augenscheinlichen „Erfolgs“-Obsession des Coaches sorgen sollte, fährt Co-Trainer Flanagan mit ebenso intensiven Worten fort: „Wir sind getrieben vom Erfolg. Dafür arbeiten wir jeden Tag sehr hart.“

Sollte man von der Erfolgsgier der beiden trotzdem noch nicht überzeugt gewesen sein, schiebt Flanagan einen zwar ziemlich ausgelutschten, aus seinem Mund aber absolut glaubhaften Satz nach: „Wir leben, wir schlafen Eishockey – wir beschäftigen uns 24 Stunden am Tag damit.“

Rob Wilson und Mike Flanagan erklären im Wechsel, wie welche Übung ablaufen soll.

Tatsächlich stecken Flanagan und Wilson für den sportlichen Erfolg täglich gemeinsam zwölf bis 16 Stunden ihre Köpfe zusammen und brüten über Aufstellungen, tüfteln an Trainingsformen, analysieren Videos oder diskutieren Taktiken.

Wilson ist überzeugt: „Als Eishockeytrainer musst Du in gewisser Weise ein Nerd sein.“ Eine Art Eishockey-Enthusiast, jemand, der das oberflächlich betrachtet einfach erscheinende Spiel bis in seine unscheinbarsten Facetten durchdringt und durchdenkt.

Eine jener Disziplinen, die in der Wahrnehmung des Laien nebensächlich wirken mag, ist das Bullyspiel – nicht für Wilson. Der Trainer ist vernarrt in das Einwurf-Duell um den Puck und lässt es exzessiv üben. Nicht von ungefähr stellen die Ice Tigers ligaweit das beste Team am Bullykreis.

Die Bully-Statistik der DEL-Saison 2017/18:

Aber bei aller beeindruckenden Ernsthaftigkeit, mit der das Duo Wilson/Flanagan für den Erfolg der Mannschaft malocht, Spaß und Freude dürfen nicht fehlen. Das Trainerpaar pflegt einen humorvollen Umgang der trockenen Sorte miteinander.

So scherzt Flanagan, obwohl es eigentlich wahr ist: „Rob und ich sehen uns häufiger als unsere Partnerinnen.“ Sein Hockey-Ehepartner Wilson legt gut gelaunt nach: „Wir sehen uns wirklich zu oft. Aber Flags hat Glück, weil ich verdammt gut aussehe.“

Der Kraftraum der Thomas Sabo Ice Tigers im 360-Grad-Blick:

Post from RICOH THETA. - Spherical Image - RICOH THETA

Herzhaftes Lachen in der Trainerkabine, in der zwei Menschen sitzen, die jenen Sport, den sie als kleine Buben erlernten, als junge Erwachsene professionell auf respektablen Niveau spielten und heute als angesehene Coaches in Nürnberg ausüben, uneingeschränkt lieben.

Aber wer so intensiv liebt und den Erfolg so innig begehrt, der ist verletzbar. Das ist bei Wilson und Flanagan nicht anders. Wenn der Traum von Titeln und Meisterschaften trotz allen aberwitzigen Arbeitsaufwands von unkalkulier- und unplanbaren Kleinigkeiten abhängt und deshalb mitunter jäh zerplatzt, „bricht das einem das Herz“, räumt Wilson ein.

„Rob und Flags sind beide ganz lustig, haben einen trockenen Humor. Sowohl menschlich, als auch eishockeytechnisch sind sie gute Typen.“

Leo Pföderl, Stürmer

Ein falscher Pfiff des Schiedsrichters zur Unzeit und alles, wofür man gemeinsam geschuftet, sich die Nächte um die Ohren gehauen hat, ist vorbei. So wie in Spiel fünf des Playoff-Halbfinals im April dieses Jahres in Wolfsburg, als Brandon Prust nach einer Rettungsaktion zunächst zu Unrecht auf die Strafbank geschickt wurde und die Grizzlys im Anschluss in Überzahl trafen – zu allem Unglück noch per skurril abgefälschtem Schuss.

„Aber weißt Du was: Das ist Eishockey, das ist das Leben, diese Dinge passieren“, sagt Wilson lapidar, der seine Sätze gerne mit „weißt Du was?“ beginnt. Was sollten er und sein Co-Trainer auch jammern, stattdessen schuften sie unverdrossen weiter, denn: „Man kann sein Glück auch erarbeiten.“

Wissenswertes rund um Rob Wilson und Mike Flanagan in einer Info-Box:

Wissenswertes über die Coaches

  • Das ist Rob Wilson:

    Noch während seiner aktiven Spielerkarriere übernahm er 2003 die Newcastle Vipers als Spielertrainer und wurde 2005/06 zum Trainer des Jahres gewählt. Nach seinem Karriereende 2009 blieb er den Vipers als Cheftrainer erhalten und betreute auch dasNationalteam Großbritanniens als Co-Trainer. Zur Saison 2011/12 ging er nach Italien, wo er 2014 mit Ritten italienischer Meister wurde. Mitte Dezember 2014 wurde Wilson Co-Trainer der Ice Tigers an der Seite von Martin Jiranek. Seit der Saison 2015/16 ist Rob Wilson Cheftrainer in Nürnberg.

  • Das ist Mike Flanagan:

    Mike Flanagan war von 2012 bis November 2014 als Trainer in Italien tätig und gewann mit Valpellice 2014 den italienischen Pokal. An der Seite von Jon Cooper, dem heutigen Trainer des Tampa Bay Lightning, gewann er 2011/12 den Calder Cup mit den Norfolk Admirals in der American Hockey League. Nach seinen zweieinhalb Jahren in Italien ging Flanagan zunächst zurück nach Nordamerika und trainierte zwei Teams in der ECHL, ehe Rob Wilson ihn kontaktierte und er in Nürnberg anheuerte.

Sie beide seien ohnehin Glückspilze, dass sie mit dieser Nürnberger Mannschaft arbeiten dürften, findet Wilson. „Diese Spieler haben Charakter, sie haben gezeigt, dass sie mit Widrigkeiten umgehen können“. So wie in den vergangenen Wochen, da zeitweise ein halbes Dutzend etablierter Kräfte verletzungsbedingt die Schlittschuhe in der Ecke stehen lassen musste und das Team dennoch „Wege gefunden hat, zu gewinnen“.

Die Teamgemeinschaft stimme, was ein großes Verdienst von Kapitän Patrick Reimer sei, der vorbildlich Sorge darum trage, dass „es keine zwei Gruppen zwischen ausländischen und einheimischen Spielern gibt“. Natürlich hilft es auch, wenn man ein Team coacht, dessen Spieler bereits stolze 3054 NHL-Partien absolviert haben und mit Steven Reinprecht ein Ausnahmeathlet gewichtiger Bestandteil des Kaders ist. Nicht von ungefähr sagt Wilson: „Ich bin 100 Prozent davon überzeugt, mit diesem Team den Titel holen zu können.“

„Beide Coaches sind sehr fordernd und verlangen viel, das gefällt mir. Wenn Du auf Ihrer Seite stehst, liebst Du sie.“

Brandon Segal, Stürmer

Die Coaches Wilson und Flanagan wollen die Diskussion mit ihren Spielern, suchen die Meinungen gerade der etablierten Spieler. „Du musst die Jungs mit einbeziehen. Unsere Tür steht immer offen“, versichert Flanagan. Die Zeiten cholerisch herumbrüllender Coaches und kleinlauter Spieler sei heutzutage zum Glück vorbei, findet Wilson.

Klar würden er und Flanagan gegenüber ihren Spielern laut, wenn ihnen etwas missfalle. Aber ebenso wichtig sei es, die „Jungs zu loben, wenn es angebracht ist“.

Die Nürnberger Eishockey-Arena im 360-Grad-Blick:

Post from RICOH THETA. - Spherical Image - RICOH THETA

„Es geht darum, menschlich miteinander umzugehen. Wenn ein Spieler gerade familiäre Probleme hat, dann muss ich das berücksichtigen in meinem Umgang mit ihm“. Empathie und Menschlichkeit sind bei allem Erfolgshunger essenziell, „sonst kann man nicht coachen“, ist Wilson überzeugt, dessen kratziger Stimme nun eine sanftmütige Wärme beiwohnt.

Denn eines sei sicher: „Jeder Spieler braucht im Lauf einer Saison irgendwann mal jemanden, der ihn in den Arm nimmt.“ Und manchmal, „da brauchen sie eben einen Tritt in den Hintern“.

Wilson und Flanagan sind da flexibel und übernehmen gerne beides.

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