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Sport aus Kelheim
Samstag, 18. November 2017 5

Fussball

Keiner ist heiß auf den Videobeweis

Kelheimer Fußball-Trainer reagieren skeptisch auf die Neuerung. „Beim Torjubel muss man künftig mit seinen Emotionen warten.“
Von Martin Rutrecht

Bundesliga-Schiedsrichter Sascha Stegemann sitzt in Köln in einem Videoassistcenter vor Monitoren. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Kelheim.Seit der Einführung des Balls scheint es die größte Revolution im Fußball: Ein Videoassistent entscheidet seit dem Bundesliga-Start über mehrere Kamera-Einstellungen mit, ob die (ausgebliebenen) Pfiffe von Schiedsrichtern bei Toren, Elfmetern oder Roten Karten korrekt waren und gibt dem Referee Bescheid. Kelheimer Fußball-Trainer beäugen die Neuerung kritisch und sprechen „vom Ende der Emotionen“, dem „Aus der Stammtischkultur“ und sehen den Fußball gar „kaputt gemacht“.

„Auch vor den Bildschirmen sitzt wieder ein Mensch.“

Stefan Wagner

Stefan Wagner, Coach des Landesligisten TSV Bad Abbach, verweist trotz aller Technisierung darauf, „dass letztlich doch wieder ein Mensch vor den Bildschirmen entscheidet. Beim hohen Tempo im Profi-Fußball wird auch der Videoassistent nicht immer beurteilen können, ob das Foul ein paar Zentimeter innerhalb oder außerhalb des Strafraums begangen wurde.“

Über was reden nun die Stammtische?

Gerade bei Schubsereien oder Ziehen im Strafraum könnte es zu einem Wirrwarr kommen. „Nickligkeiten bei Ecke oder Freistoß gehören dazu. Greift der Assistent ein, wenn ein Spieler zehn Meter vom Ball entfernt kurz gehalten wird?“, hinterfragt Wagner. Eine größere Gerechtigkeit sieht er nicht. „Es gleicht sich im Verlauf einer Saison alles aus.“ Bedauerlich findet er, „dass die Diskussionen an den Stammtischen damit hinfällig sind. Das ist ein Stück Fußball-Kultur.“

Abbachs Stefan Wagner fragt: „Nickligkeiten bei Ecke oder Freistoß gehören im Strafraum dazu – greift der Videoassistent jetzt immer ein?“ Foto: Roloff

Für Johannes Wachter, Spieler und Abteilungsleiter beim Kreisligisten SC Kirchdorf, holt der Fußball nur nach, was in anderen Sportarten (Tennis, Eishockey) schon Usus ist. „Es geht doch wieder nur ums Geld. Auf den Schiedsrichtern lastet ein großer Druck, etwa bei einem spielentscheidenden Elfmeter in der Nachspielzeit. Mit der neuen Technik soll Klarheit geschaffen werden. Wenn sie funktioniert, ist es durchaus eine Verbesserung.“

„Man sollte lieber den Geldwahn stoppen.“

Johannes Wachter

Auch für Wachter bleiben die „Fußballromantiker“ auf der Strecke. „Selbst in Expertenrunden gab es nach vier, fünf Wiederholungen noch unterschiedliche Meinungen. Gewisse Situation werden weiterhin strittig sein, aber der Videobeweis setzt den Debatten ein Ende.“ Für den Kirchdorfer hätten die großen Verbände dringlichere Aufgaben – „beispielsweise den Geldwahn zu stoppen“.

Menschen machen Fehler – na und?

„Der Fußball lebt von Emotionen und Situationen“, sagt Langquaids Bezirksliga-Trainer Tom Zimmermann. „Mit dem Torjubel muss ein Spieler jetzt warten, bis ein Videoassistent grünes Licht gibt“, spitzt er es zu. „Fußballer und Schiedsrichter machen Fehler, es fallen menschliche Entscheidungen – was war so falsch daran?“

Für Schwaigs Trainer Hans Bäumler wird der Profi-Fußball immer mehr „zu einem einzigen Zirkus“. Foto: Rutrecht

Fast eine Wutrede entbrennt bei Hans Bäumler, langjähriger Trainer und derzeit Coach beim SV Schwaig in der A-Klasse. „Natürlich, einerseits kann man sagen: hervorragend. Verdeckte Fouls werden geahndet, es gibt keine Diskussionen mehr. Andererseits wird der Fußball kaputt gemacht. Jede Szene wird aus unzähligen Blickwinkeln aufgenommen, alles breit getreten, Spieler werden regelrecht überwacht auf dem Platz.“

Für Bäumler bestätigt sich mit der Neuerung, „dass es nur um Geld, Geld geht. Die Bundesliga wird zerstückelt auf noch mehr Anstoßzeiten, für jeden normalen Arbeiter ist es eine Ohrfeige, welche Summen Profis kassieren. Fußballer sollen Fußball spielen – alles andere ist doch ein einziger Zirkus.“

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Viele Augen sehen mehr

  • Blickwinkel:

    In einem Studio sitzt ein Video-Assistent mit bis zu zwei Supervisor. Bei fragwürdigen Szenen lassen sie sich Aufnahmen aus verschiedensten Kamera-Perspektiven zeigen.

  • Signal:

    Ist er sicher, dass es sich um eine Fehlentscheidung handelt, gibt er dem Schiedsrichter Bescheid. Der Unparteiische hat das letzte Wort: Er muss die Korrektur nicht annehmen.

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