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Sport aus Kelheim
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Comeback

Olympia-Vierter greift wieder zum Gewehr

Nach einem Jahr Pause kehrt Daniel Brodmeier zurück: „Ich mache weiter, bis Tokio 2020.“ Treppensturz in Alaska bremst ihn.
Von Martin Rutrecht

Daniel Brodmeier spürt wieder „die Lust und die Leidenschaft“ für den Leistungssport. Foto: Marco Dalla Dea/Archiv

Saal.So geht’s im Leben. Da entwirft man die schönsten Pläne und plötzlich kommt diese „Radiuskopffraktur“ dazwischen. Sonst stünde der Saaler Gewehrschütze Daniel Brodmeier, Olympia-Vierter von Rio 2016, bereits wieder im Saft. Nach einem Sabbatjahr, das sich der 30-Jährige verordnet hatte, um nachzudenken, steht sein Entschluss: „Ja, ich mache weiter.“ Das Fernziel sind seine dritten Olympischen Spiele im Jahr 2020 in Tokio.

„Ich bin im Urlaub von der obersten Stufe unseres Campers auf den Boden gekracht.“

Daniel Brodmeier

Erwähnte Radiuskopffraktur steht dem Comeback bislang entgegen. Dabei handelt es sich um einen Bruch im Ellenbogen. „Ich kann mir nicht merken, ob’s jetzt in der Elle oder in der Speiche war“, schmunzelt Brodmeier. Ist auch nicht leicht einzuordnen der Radiuskopf, den die Medizin im „ellenbogennahen Anteil des Speichenknochens“ verortet. Die medizinische Exegese interessiert den Saaler ohnehin weniger. Für ihn ist Fakt: Zwei kleine Schrauben stecken im Knochen „und sie werden auch drin bleiben“.

Auf Camper-Stufe ausgerutscht

Den linken Arm hat es erwischt, „bei einem saublöden Missgeschick im Urlaub“, so der Vize-Weltmeister von 2014. Brodmeier und Ehefrau Nicole erfüllten sich den Traum von einer Reise nach Alaska und Kanada und mieteten sich in Übersee einen Camper. „Als ich eines Morgens mitten im Nirgendwo aufgestanden bin, hat es mich auf der obersten Treppenstufe des Campers zerlegt. Sie war nass und rutschig.“ Die „halbe Drehung“ wäre noch artistisch ausgleichbar gewesen, „allerdings bin ich mit dem Ellenbogen auf den Schotterboden gekracht und dabei habe ich mich verletzt“.

Als junger Schütze gewann Brodmeier vor elf Jahren bei einer Junioren-WM vier Medaillen, zweimal Silber, zweimal Bronze. Foto: Archiv

Noch von Alaska aus organisierte Brodmeier über einen deutschen Olympia-Stützpunkt eine Operation unmittelbar nach der Rückkehr. Aktuell unterzieht sich der 30-Jährige einer intensiven Reha. „Die dringlichste Frage, gerade im Hinblick auf die sportliche Zukunft, ist: Lässt sich die vollständige, schmerzfreie Beweglichkeit wieder herstellen?“ Auf dem linken Arm ruht bei ihm das Gewehr, und auch der Riemen an der Waffe führt darüber. „Wenn die Stabilität nicht komplett vorhanden ist, macht es keinen Sinn“, sagt der Athlet.

Aber Brodmeier ist guter Dinge. „Ich denke, dass ich bis Dezember oder Januar wieder einsteigen kann.“ Innerlich brennt der zweifache Olympia-Teilnehmer auf die Rückkehr. „Gerade in diesem Urlaub in der Wildnis hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Und da wurde auch das Gefühl stärker: Ja, ich habe wieder Lust, ich möchte wieder voll dabei sein und Spaß haben.“

Rückkehr in die Weltspitze wird hart

Schon nach seinem Rücktritt nach Rio merkte Brodmeier, „dass ich nicht ganz loslassen kann“. Vorrangig war es seine Trainingsgruppe „Burning Eyes“, die ihm fehlte. Olympiasiegerin Barbara Engleder etwa gehört diesem Team an. Aus dieser Runde kam auch die Aufforderung: „Hey, Brodi, mit 30 kannst du nicht aufhören!“

In Richtung dieser Truppe steckt er auch sein Fernziel ab. „Wir möchten 2020 ein Team nach Tokio bringen, das mit großer Freude in die Olympischen Spiele geht.“ Teil dieser Delegation zu sein, sei nicht gänzlich planbar. „Wenn ich merke, dass andere stärker drauf sind, dann fahren sie zurecht. Vielleicht kann ich aber meinen Kameraden helfen, sie auf diesen Weg zu bringen.“ Freilich stehe auch für ihn Olympia im Fokus des Comebacks.

Zwei Olympische Spiele hat der Saaler bereits mitgemacht. Als Vierter und Fünfter schrammte er zweimal knapp an einer Medaille vorbei. Foto: dpa-Archiv

Für Daniel Brodmeier ist das Comeback weniger eine Rückkehr, denn ein Neuanfang. „Ich habe mir völlig neues Material angeschafft, auch neue Klamotten. Trotz der Pause habe ich die Entwicklungen verfolgt.“ Klar sei ihm auch: „Ich muss erst den Anschluss an die Spitzenathleten wieder finden. Es heißt nicht: Der Brodi ist da und mischt wieder in der Weltelite mit. Ich werde hart arbeiten müssen, ein Scheitern ist nicht ausgeschlossen.“ Da versuche er, ehrlich zu sich selbst zu sein. „Nach jedem Jahr werde ich ein Fazit ziehen, reicht’s oder reicht’s nicht? Ich werde nichts mit Gewalt erzwingen.“

„Ich hatte nach Rio nur ein Gefühl: Lasst’s mich in Ruhe.“

Daniel Brodmeier

Neu aufstellen muss sich der Saaler auch in seinen Disziplinen. „Man hat das KK-Liegend-Schießen bei den Spielen abgeschafft. Es gibt nur mehr den Dreistellungskampf.“ Deshalb wird Brodmeier neben dem Kleinkaliber- auch das Luftgewehr in sein Programm nehmen. „Sich nur auf einen Wettbewerb zu konzentrieren, wäre im Hinblick auf die Qualifikation ein zu hohes Risiko. Es muss nur einer aus dem deutschen Kader besser sein und du sitzt daheim. Ich stehe lieber mit beiden Füßen am Boden.“

Die WM 2018 steht als erstes Ziel

Das Luftgewehr ist dem Olympia-Vierten nicht fremd. Er schießt mit dieser Waffe in der Bundesliga. „Deshalb wäre es gut gewesen, wenn ich mit Saisonstart im Herbst hätte einsteigen können. Das verhinderte die Verletzung.“ Ausgelobt wird bei Olympia ein neuer Wettbewerb mit dem Luftgewehr, auf den Brodmeier abzielt: ein Mixed mit einer Schützin und einem Schützen. „Leider hat meine Frau Nicole mit dem Leistungsschießen aufgehört, sonst könnten wir das gemeinsam anpeilen.“

Seine Ehefrau Nicole (früher Stenzenberger) war ebenfalls eine Nationalkader-Schützin. Das Paar heiratete vor zwei Jahren. Foto: Eder/Archiv

„Knallhart“ werde der Weg zurück in die Spitze, ahnt der 30-Jährige. „Allein in unserer Gruppe Burning Eyes habe ich mit Max Dallinger oder Michael Janker Konkurrenten, die ordentlich was drauf haben.“ Erstes Nahziel sei die Qualifikation für einen Weltcup, „in Frage kommen im nächsten Frühsommer Korea oder München“. Jahreshöhepunkt 2018 wäre die Weltmeisterschaft im September, wo es erstmals um Quotenplätze – eine Nation muss erst Startplätze für Olympia gewinnen – geht.

Trotz seines Abgangs vor einem Jahr behielt der Saaler einen Platz im A-Nationalkader. „Das ist wichtig, um Unterstützung von der Deutschen Sporthilfe zu bekommen.“ Auch sein Arbeitgeber Opto Semiconductors kann nur über diese Schiene bei Abwesenheit eine Lohnfortzahlung ausgleichen. „Die Arbeitskollegen freuen sich, dass ich weitermache. Obwohl ich wieder weniger da bin – vielleicht deshalb?“, lacht der Laborelektroniker, der froh ist, dass auch Sponsoren sofort wieder Gewehr bei Fuß stehen.

Das Loch nach Rio ist überwunden

„Mit Leidenschaft, Herz und Spaß“ – so kehrt Daniel Brodmeier in den Schützensport zurück. „Nach Rio hatte ich ein Loch. Das hat jeder, man ist fertig, ausgebrannt.“ Es steckten auch viele Jahre dahinter, die man auf Olympia hinarbeitet. „Ich hatte einzig das Gefühl: Lasst’s mich in Ruhe.“ Die Pause habe gut getan, „ich hoffe, ich kann in Tokio noch stärker auftreten“. Eine Medaille setze er sich aber nicht zum Ziel, „das ist ein Krampf“. Vieles könne dazwischen kommen, beispielsweise ein Treppensturz in Alaska.

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