mz_logo

Sport aus Kelheim
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Themenwoche

Elf Thesen ans Fußball-Tor genagelt

Zwei MZ-Autoren machen sich in einem „Pro“ und „Contra“ über den Kick im Landkreis Kelheim her. Taugt er was – oder nichts?
Von Benjamin Neumaier und Martin Rutrecht

Ist der Kelheimer Fußball anziehend? In der Beurteilung scheiden sich die Geister. Foto: Dr. Christian Kahler

Der Spielbetrieb

Pro: Im Landkreis Kelheim kicken rund 50 Herren-Mannschaften, Reserven gar nicht eingerechnet, bei den Junioren wuseln Hunderte Teams über den Rasen – kann eine Fußball-Landschaft blühender sein?! Der Großteil der Senioren ist im unterklassigen Spielbetrieb aktiv – aber muss das eine Schmach sein? Andernorts gehen Klub waghalsige Finanzmanöver ein, um sich als Landes- oder Bayernligisten zu fühlen. Dann versiegt der Geldhahn und die Vereine purzeln in die Bedeutungslosigkeit. Im Fußball Kelheim herrscht eine dörfliche, auf Gemeinschaft basierende Struktur. Die Freude an einer Sportart vereint. Im Landkreis gibt es keine Retortenklubs. Der Kelheimer Fußball lebt bodenständig – und das ist auch gut so.

Contra: Landesliga respektive Bezirksoberliga war einmal – nur ein Vertreter ist übrig geblieben. Und der sieht sich ja eher in Regensburg, als bei uns beheimatet. Junioren-Teams schaffen es hin und wieder in die BOL, selbst die JFGs haben da wenig zu melden. Die Masse tummelt sich in den Klassen darunter – dazu gehörte, nebenbei erwähnt, auch ich. Jetzt stellt sich die Frage: Hat einer meiner Ex-Trainer recht? „Fußball beginnt ab der Bezirksliga, alles andere ist kein Fußball“, sagte er. Kann sein, muss aber nicht. Und: Dass niemand im Landkreis für Fußball Geld in die Hand nimmt, stimmt nicht. Es ist nur trotzdem nicht viel mehr als Bezirksliga geworden ... Etwas mehr fußballerischer Glanz würde dem Landkreis nicht schaden.

Die Dorfvereine

Pro: Jeder Verein schaut nur auf sich. Ist das – sollte es stimmen – verwerflich? Überall ist von „gesundem Egoismus“ die Rede. Kein soziales Gebilde überdauert, wenn es in Selbstlosigkeit aufgeht. Insofern tun auch Fußballklubs gut daran, sich um ihr eigenes Fortkommen, um ihre eigene Mannschaft zu kümmern. Nur so hält man eine Truppe beisammen. Und das Denken nur in eigenen Zirkeln haben die Vereine längst überwunden: Zusammenschlüsse in der Jugend und bei den Herren zeugen davon. Eine gesunde Portion Selbstbewusstsein schadet weder einem einzelnen Kicker noch einem Team. Man muss nur verstehen, im richtigen Moment auf andere zuzugehen.

Contra: Zusammenschlüsse zu Jugendfördergemeinschaften und Spielgemeinschaften bei den Herren zeugen von überwundenem „gesundem Egoismus“? Dass ich nicht lache. Solcherlei Fusionen dienen einzig und allein dem Fortbestand der Vereine oder Fußballabteilungen – und sind für viele der letzte Ausweg. Dennoch zieren sich viele Klubs, gehen diesen Weg erst, wenn die fünf bis zehn AH-Spieler nicht mehr jeden Sonntag in der Zweiten oder sogar Ersten die Knochen hinhalten wollen. Auf andere zugegangen wird nur im äußersten Notfall. Irgendwie verständlich, weil auch im kleinsten Verein ein Haufen Herzblut der Verantwortlichen steckt. Hin und wieder muss der Verstand aber das Herz besiegen.

Die Nachwuchsarbeit

Nachwuchsarbeit wird engagiert betrieben. Aber Qualität bedeutet das nicht zwingend. Foto: Sebastian Pieknik

Pro: In den vergangenen Jahren hat sich im Kelheimer Jugendfußball einiges bewegt. Viele Klubs legen Wert auf gute Trainer und haben die Rahmenbedingungen für fruchtbare Nachwuchsarbeit geschaffen. Ein Abbild davon ist die konstante bis leicht anwachsende Zahl an Junioren-Mannschaften – trotz demografisch gegenläufiger Entwicklungen. Längst arbeiten die Klubs über ihre Vereinsgrenzen hinaus, fahren zu größeren oder gar internationalen Turnieren. Einige Talente stehen bei Profi-Klubs aus erster und zweiter Bundesliga im Nachwuchskader. Das Schönste: Egal ob leidlicher Kicker oder begabter Youngster – jeder rennt gerne dem Leder hinterher.

Contra: In der Tat gibt es Vereine, die auf die Jugend setzen – manche aus Überzeugung, die meisten aber, weil sie müssen. Denn auch wenn Verein A nun die Summe X in die Hand nimmt, wird er damit keinen Spieler aus der Landesliga ins Dörfchen oder Städtchen locken, der dann auch wirklich gerne dort spielt. Da ködert Verein B höchstens mal Spieler Y von Verein A, wenn er ihm die feuchtfröhlichen Mannschaftabende unter die Nase reibt (alles schon erlebt). Was bleibt also: Jugendfußballer ausbilden. Aber: Heute meint der Papa, weil Söhnchen drei Meter geradeaus läuft, müsse er zum Jahn oder zum FCI. Und von dort kommt er oft nicht zurück – nicht weil die ihn nehmen, sondern weil ein Zurückkommen ja eine Blamage wäre.

Foul- oder Fair-Play

Einen Fair-Play-Pakt unterzeichneten Kelheims Kreisklassisten – weiß noch wer, was drin stand? Foto: Dr. Christian Kahler

Pro: Schlechte Nachrichten lassen sich gut verkaufen. Wenn ein Spieler eine rote Karte kassiert, steht nicht dabei, dass sich die anderen 21 Kicker vorbildlich verhielten. Diese Wahrnehmung verzehrt das Bild. Im Kelheimer Fußball darf man weitgehend von einem fairen Umgang miteinander sprechen. Selbst in Spitzenspielen oder Abstiegskämpfen, Derbys oder Relegationspartien gibt es kaum schwere Vergehen. Auch der Großteil der Zuschauer feuert seine Farben an und verzichtet auf Beschimpfungen des Gegners. Freilich, böse Worte fliegen im Eifer des Gefechts manchmal über den Platz. Aber spätestens nach dem Abpfiff heißt’s: „Hamma wieda guat.“

Contra: „Schiri, des war dei bester Pfiff“ – diesen Spruch habe ich beim Schlusspfiff des Schiedsrichters zigmal auf heimischen Plätzen gehört. Dabei sind sich die Zuschauer sogar meist einig, also, dass der Schiri eine Pfeife war. Geht es um das eigene Team, gehen nicht nur die Meinungen auseinander, sondern die Fans auch mal aufeinander los – wenn auch meist nur verbal. Da fliegen aber durchaus die Fetzen. Die fliegen auch auf den Plätzen. Was hat sich denn seit der Fairplay-Vereinbarung geändert? Nichts. Es wird weiter provoziert, geflucht, beschimpft – egal ob Schiri oder Gegenspieler. Vielleicht ist das sogar Teil des Spiels – ich nehme mich da selbst nicht aus –, aber dann unterschreibt nicht so eine scheinheilige Vereinbarung!

Blick in die Zukunft

Pro: Der Kelheimer darf sich auf weitere schöne Fußball-Jahre freuen. Man nehme nur die neue Bezirksliga: Fünf Teams der Region garantieren Lokalduelle mit vielen Fans. Die unteren Ligen sind gespickt mit diesen Derbys, wo es auf dem flachen Land noch zahlreiche Zuschauer hinzieht. Wo es an Herren- oder Nachwuchsspielern hakt, haben die Vereine die Zeichen der Zeit erkannt. Sich mit Nachbarklubs zusammen zu schließen, tut keinem mehr weh. Der Qualität wird das nur gut tun und ein Aufschwung bringt bekanntlich Zulauf. Auch die gute Nachwuchsarbeit bringt mittelfristig Ertrag. Fußball wird im Landkreis die Sportart Nummer eins bleiben – König Fußball regiert weiter.

Contra: Vereinsobere erzählen gebetsmühlenartig – das habe wohl nicht nur ich erlebt – von der guten alten Zeit, in der jeder ein guter Fußballer war und die Mannschaft sowieso besser als die aktuelle und, und, und... Dass es aber noch gar nicht so lange her ist, dass Abteilungsleiter wechselwilligen Spielern den Pass hinterherwarfen – „Du brauchst nimmer kemma“ – habe ich selbst erlebt. Damals konnte man sich das noch leisten «– wenn auch menschlich fragwürdig – weil jeder Fußball spielte. Genügend Material war da. Da lobe ich mir die neue Abteilungsleiter-Generation, die mit ebenso viel Herzblut, aber scheinbar mehr Verstand an die Sache herangeht. Da wird keiner mehr vertrieben und deshalb hat der Fußball auch in Zukunft eine Chance.

Das Fazit

Alles bestens aufgestellt im Kelheimer Fußball – oder ist der Landkreis eine talentfreie Zone mit bestenfalls mittelmäßigem Gekicke? Die „Wahrheit“ liegt gern in der Mitte, im Fußball auch auf dem Platz. Wie in diesem „Pro“ und „Contra“ sind die Einschätzungen oft subjektiv. In jedem Fall lässt es sich trefflich diskutieren und argumentieren. Eine dörfliche Struktur mit vielen Teams in Kreis- und A-Klasse muss nicht der falsche Weg sein, siehe Zuschauerzahlen bei Lokalduellen. Aber höherklassige Vorzeigevereine entstehen dadurch nicht und wer etwas drauf hat, sucht das Weite sprich Klubs außerhalb der Landkreisgrenzen. Die Themenwoche „Kelheimer Fußball“ wird verschiedene Aspekte aufzeigen und auch ungewohnte Einblicke geben. Vielleicht sind wir am Ende der Woche schlauer.

Karsten Wettberg hat zum Auftakt der Themenwoche vorgelegt: „Ohne Geld läuft nichts.“

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht