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Sport aus Kelheim
Mittwoch, 13. Dezember 2017 11

Fussball

Spielabsagen: Der Klimawandel schlägt zu

Meteorologe: „Erderwärmung führt zu heftigeren Gewittern.“ Die größten Gefahren für Fußballer seien aber Hitze und Blitze.
Von Martin Rutrecht

Viele Spielausfälle kennzeichnen die Saison – das Wetter hat sich verändert, sagt der Experte. Fotos: Archiv (1)/dpa (2)/privat

Kelheim.Andreas Friedrich ist seit ein paar Tagen gut gelaunt. Sein Lieblingsverein Eintracht Frankfurt, wo er Dauerkartenbesitzer ist, hat die Stars von Borussia Dortmund mit einem 2:1-Sieg heimgeschickt. „Jetzt reden die ersten schon von der Champions League. Bei uns sind die Träume schneller als die Realität“, lacht er. In Arenen wie Frankfurt sind Spielabsagen kein Thema, wohl aber in Amateurklassen. Kelheimer Vereine sind nach der Herbstrunde mit bis zu drei Partien im Rückstand, andernorts fehlen vier, fünf Spiele. Immer wieder macht das Wetter den Ansetzungen einen Strich durch die Rechnung. „Das sind auch die Folgen des Klimawandels“, sagt der Diplom-Meteorologe Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach dezidiert.

„Die starken Niederschläge nehmen zu. Simbach war ein erschreckendes Beispiel.“

Andreas Friedrich

Wer auf die vergangenen Fußball-Monate blickt, findet die ersten Absagen bereits Anfang August. Mitte September folgte eine neuerliche Ausfallflut, im November ging an zwei Wochenenden (fast) gar nichts mehr. Stets verhagelten heftige Regenfälle die Spiele. „Auf Basis unserer Radardaten flächendeckend über Deutschland haben wir ausgewertet, dass Stark-Niederschläge in den letzten 15 Jahren häufiger auftreten. Jeder erinnert sich heuer noch an die schrecklichen Vorkommnisse in Simbach am Inn, wo Sturzbäche alles mitrissen.“ Solche Ereignisse werden als Unwetter bezeichnet: „Es regnet mehr als 25 Liter pro Quadratmeter in einer Stunde.“

Wolken tragen viel mehr Wasser

Die stärkeren Niederschläge seien Folgen der Erderwärmung. „Wir sprechen von 1 bis 1,2 Grad Celsius im Mittel, die es in den letzten hundert Jahren wärmer wurde, davon konzentriert sich der größte Anstieg auf die letzten 30 Jahre.“ Ein Kubikmeter Luft nimmt – so der entscheidende Punkt –bei höheren Temperaturen in der Atmosphäre mehr Feuchtigkeit auf. „Die Wolken bekommen einen höheren Wassergehalt. Wenn das alles auf einmal runterkommt, erleben wir heftige Regenfälle.“ Wolkentürme können sich von einem bis zu fünfzehn Kilometer Höhe aufbauen. „Kühlt die Luft ab, geht sie von gas- in den tröpfchenförmigen Zustand über, in den Wolken sammeln sich Regen und Hagel. Das stürzt alles vom Himmel.“

„In der Hitze zu kicken, bedeutet mehr und mehr ein Gesundheitsrisiko“, sagt Friedrich.

Nicht verändert hat sich die lokale Ausbreitung von Gewittern. „Es war schon immer so, dass es in einem Ort geregnet hat und zwei Kilometer weiter gar nicht. Aber natürlich gilt durch die zunehmende Heftigkeit der Niederschläge: Wo es sich abregnet, saufen die Plätze stärker und schnell ab“, sagt der 59-Jährige. Auf die Wetterphänomene könne man schwerlich Einfluss nehmen, weiß er.

Vereiste Tribünen waren einmal

Aus meteorologischer Sicht könne man aber ergänzen, dass die Winter milder werden. „Ich kann mich selbst an die 70er- und 80er-Jahre erinnern, wo in Frankfurt im alten Waldstadion Spiele wegen Schnee, Eisglätte oder vereisten Stehplatzrängen abgesagt wurden. Früher hat man gesagt: Wenn die Bundesliga-Pause zu Ende ist, kommt der Winter. Das gibt es heute kaum noch, nicht nur wegen der moderneren Stadien. Die Winter sind im Mittel auch wärmer geworden.“

„Die WM in Katar ist klimatologisch ein Nonsens.“

Andreas Friedrich

Sich im Spielbetrieb stärker auf Wintermonate zu konzentrieren, wäre aber wohl keine Lösung. „Wann’s schneit und wie lange der Schnee bleibt, weiß auch niemand. Unter Umständen hat man im Februar, März noch eine schöne Schneedecke. Und ich selbst freue mich nicht unbedingt auf Frankfurter Spiele im Dezember bei bescheidenden Temperaturen.“

Gedanken müssten sich Funktionäre und Spielleiter in den nächsten ein, zwei Jahrzehnten aber über die Hitze machen. „Wir stellen eine deutliche Zunahme der heißen Tage mit über 30 Grad fest. Der Wärmeeinfluss gepaart mit dem Ozon ist für alle Freiluftsportler eine gefährliche Erscheinung. Die Belastung ist groß und lässt Hochleistungssport vernünftig betrachtet kaum zu.“ Man ahnt, was der Pressesprecher des DWD andeutet, wenn er auf die Hitzeperiode im Jahr 2003 verweist: „Wir hatten mehr Tote als in jedem anderen Sommer. Das hat sich im Nachhinein herausgestellt.“

Blitz: Mehrere Spieler bewusstlos

Friedrich rät, in den heißen Monaten die Spiele in den Abend hinein zu verlagern. Dass er eine WM in Katar im Sommer für „klimatologischen Nonsens“ hält, versteht sich von selbst. „Wir reden hier von 50 bis 60 Grad im Stadion, auch für die Zuschauer. Das sind völlig ungeeignete Bedingungen.“

Der Meteorologe war bei Frank Elstner zu Gast, als nach einem Blitzeinschlag mehrere Spieler bewusstlos am Platz lagen.

Eindringlich warnt der Diplom-Meteorologe auch vor Blitzen. „Ich war selbst bei einer Fernsehsendung von Frank Elstner zu Gast, als bei einem Spiel in Baden-Württemberg nach einem Blitzeinschlag mehrere Fußballer bewusstlos auf dem Rasen lagen.“ Der Gefahrenbereich konzentriere sich nicht nur auf die Einschlagstelle. „Wenn ein Platz nass ist, verteilt sich die Spannung und alle Spieler oder auch Fans können betroffen sein.“ Der Experte bittet alle Vereine, „unsere Warnungen vom Deutschen Wetterdienst ernst zu nehmen und bei Gewittern zumindest das Spiel zu unterbrechen“. Fußball solle ein Spaß bleiben und nicht zum Risiko werden. „Und wenn abgesagt wird, findet sich schon ein Nachholtermin.“ Auch wenn es im Frühjahr nun einige mehr braucht.

„Wer gut drauf ist, wird ein Spiel eher durchziehen.“

Richard Sedlmaier.

Die Nachholpartien unter einen Hut zu bringen, fordert Spielleiter wie Richard Sedlmaier aus Ihrlerstein, der die Bezirksligen betreut. „Große Veränderungen beim Wetter kann ich über die Jahrzehnte nicht erkennen. Es ist einfach Pech, wenn es dir einen Spieltag im September verhagelt.“ Eines kann er aus Erfahrung aber schon sagen: „Eine Mannschaft, die gut drauf ist, wird eher bemüht sein, ein Spiel durchzuziehen, als ein Team, das fünf Verletzte zählt.“

Andreas Friedrich ist auch Tornado-Beauftragter beim Deutschen Wetterdienst.

Wenn Sedlmaier vom Argument einer wetterbedingten Absage – „da schau’ ich beim Fenster raus“ – nicht überzeugt ist, wertet er offiziell eine Platzsperre als Grund. „Eine solche Sperre darf sich ein Verein einmal in der Saison leisten. Beim zweiten Mal wandert das Heimrecht zum Gegner.“ So werde beliebigen Absagen der Riegel vorgeschoben. Lächelnd fügt der Brandler noch an: „Früher hat’s Plätze gegeben, die konnte man nicht mehr kaputt machen, weil sie kaum als Fußballfeld durchgingen. Heute hat jeder Verein einen guten Rasen, der natürlich bei schlechtem Wetter leidet.“

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