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Sport aus Kelheim
Freitag, 15. Dezember 2017 3

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„Unsere Jungs schreien uns zum Sieg“

Weibliche und männliche Akteure im Kelheimer Frauenfußball über Macho-Kommandos, Zicken, Erfolge und öffentliche Wahrnehmung.
Von Beate Weigert

  • Seit 1977 wird hier Frauenfußball gespielt! Die Siegenburger Aufsteigerinnen kicken in der neuen Saison in der Bezirksoberliga. Foto: Nathalie Forster
  • Unser Foto stammt aus der abgelaufenen Saison. Es zeigt eine Bezirksliga-Partie Siegenburg gegen Alburg. Foto: Dr. Christian Kahler

Kelheim.31 Jahre lang war Christine Schauer beim TSV Siegenburg als Spielerin aktiv. 1978 startete sie dort als Elfjährige das Kicken. Mittlerweile ist sie Trainerin. „Erst wenn man als Fußballerin nicht mehr nach Vorurteilen zum Frauenfußball gefragt wird, hat der Frauenfußball einen weiteren Schritt nach vorne gemacht“, so ihre Meinung.

Dass es mit den Vorurteilen aber noch immer nicht so weit her ist, zeigt eine Erfahrung der aktuellen Siegenburger Spielführerin. Theresa Anthofer hat beim einem Mixed-Benefiz-Turnier erlebt, dass der Trainer – in dem Fall war’s Karsten Wettberg – folgende Losung ausgab. Es dürfe nur immer eine Frau auf dem Platz sein, schließlich wolle man auch gewinnen.

Anderseits kann die 27-Jährige aus Irnsing auch genau vom Gegenteil berichten. „Es gibt das große Vorurteil, dass die 1. Herrenmannschaft im Verein die Frauenmannschaft belächelt. In Siegenburg ist genau das Gegenteil der Fall. Wir haben durch die Jungs die besten Fans der Welt, die uns mit Schlachtrufen und Trommeln zum Sieg schreien.“

„Männerfußball wird immer höher dotiert sein“

Ein Wermutstropfen: „Viele Jungs, die in der Bezirksoberliga im Landkreis spielen, kennt man. Uns nicht“, bedauert Theresa Anthofer. Viele wüssten bei den Frauen gar nicht, dass sie Fußball spielten. „Außer man geht mal auf Krücken, dann kommt vielleicht mal die Frage, wie man das denn angestellt hat.“

Theresa Anthofer aus Irnsing ist Spielführerin bei der Ersten in Siegenburg Foto: Anthofer

Mixed-Benefiz-Spiel gab Trainer Karsten Wettberg die Anweisung, dass immer nur eine Frau auf dem Platz sein darf, schließlich wolle man auch gewinnen.“

Theresa Anthofer (27) aus Irnsing, Spielführerin beim TSV Siegenburg. Ab der neuen Saison ist ihr Team in der Bezirksoberliga

Und noch eins bedauert sie, dass ihr Aufstieg in der Öffentlichkeit und den Medien nicht so beachtet wurde, wie der von männlichen Teams. „Männerfußball wird immer höher dotiert sein, der Wunsch nach Gleichberechtigung wird wohl nie in Erfüllung gehen!“

Kirchdorfs Damen-Trainer Hermann Kistenpfennig. 26 Spielerinnen kicken beim KSC Großfeld. Foto: Weigert

„Von der Dynamik und Athletik her ist es bei den Mädchen und Frauen anders, aber sonst spielen sie genauso gut Fußball wie die Herren. Viele nehmen das immer noch nicht ernst.“

Hermann Kistenpfennig, Kirchdorfs Damen-Trainer

Dabei müssen sich die Frauen nicht verstecken. Das erfolgreichste Frauen-Team im Landkreis Kelheim sind die Fußballerinnen des TSV Siegenburg. Ab der kommenden Saison spielen sie in der Bezirksoberliga. Saal und Kirchdorf sind künftig in der Bezirksliga. Herrngiersdorf und Siegenburg II Kreisliga. In den Freizeitligen gibt es Teams aus: Sandharlanden, Langquaid, Neustadt, Mühlhausen, Schwaig, Abensberg, Hienheim und Kirchdorf (II).

Christine Schauer spielte 31 Jahre lang beim TSV Siegenburg. Inzwischen trainiert sie Mädchen und Frauen beim SV Hadrian Hienheim. Foto: Schauer

„Ich würde als Trainerin gerne wie meine männlichen Kollegen nach meinem Sachverstand wahrgenommen und beurteilt werden. Bei Trainerlehrgängen bin ich jedoch noch oft die einzige Frau.“

Christine Schauer ist Coach in Hienheim und war 31 Jahre als Spielerin beim TSV Siegenburg aktiv

Seit 25 Jahren Hermann Kistenpfennig aus Kirchdorf Trainer. „Von der Dynamik und Athletik her ist es bei den Mädchen und Frauen anders, aber sonst spielen sie genauso gut Fußball wie die Herren. Viele nehmen das immer noch nicht ernst. Ganz oben ist das inzwischen anders, da wird die Akzeptanz immer besser. Und je früher die Mädchen mit dem Fußball anfangen, desto besser.“ Seins Damen-Mannschaft mit der er zum Ende der abgelaufenen Saison in die Bezirksliga aufgestiegen ist, sei spielerisch, von der Einstellung her, der Lauffreudigkeit wie im Zweikampf-Verhalten ein gutes Team. Und noch eins stellt Kistenpfennig klar: „Das sind keine Zicken. Wenn man offen mit ihnen umgeht und sie ernst nimmt. Wenn die Frauen Spaß am Fußball haben, dann kriegt man auch ihren Ehrgeiz.“

Die Zahlen

Die „Machtverhältnisse“ zwischen Männer- und Frauenteams waren laut BFV im Fußballkreis Landshut – dazu zählen neben dem Raum Kelheim der Landkreis Landshut sowie Teile der Landkreise Dingolfing-Landau und Straubing-Bogen – in der Saison 2015/16 klar. Bei insgesamt 131 Fußball-Vereinen standen sich 220 Herren-Teams bei 112 Vereinen und 17 Damen-Teams bei 14 Vereinen im Ligabetrieb gegenüber. Hinzu kommen 30 Frauen-Teams bei 29 Vereinen in der Freizeitliga.

Bei den Junioren sind die Unterschiede noch gewaltiger. 617 Teams bei 121 Vereinen standen 25-Juniorinnen-Mannschaften bei 16 Vereinen gegenüber.

Bei den Schiedsrichterinnen wird es richtig übersichtlich. Aktuell gibt es zwei Aktive: Andrea Meier vom TSV Herrngiersdorf und Selina Frisch vom FC Mainburg.

Manche Vereine mit Damen-Teams mögen ein „Unterbau“-Problem haben. Der SC Kirchdorf hat keines. Fred Fraunholz ist seit 13 Jahren Nachwuchs-Trainer, seit elf Jahren auch bei den Mädchen. Bislang musste der „Vater des Kirchdorfer Frauenfußballs“ nie groß Mädchen ansprechen oder von sich aus fürs Kicken begeistern. „Die Mädchen kommen zu mir“, sagt Fraunholz, den wohl ein guter Ruf als Coach vorauseilt. Der 64-Jährige ist aber nicht generell fürs sofortige Trennen der Geschlechter beim Training. „So lange Mädels bei den Jungs spielen wollen, sollte man das fördern, denn Ellbogen einsetzen und Technik, das lernst du von den Buben.“

Alfred Fraunholz ist der „Vater des Frauenfußballs“ in Kirchdorf. Foto: Weigert

„So lange Mädels bei den Jungs spielen wollen, sollte man das fördern, denn Ellbogen einsetzen und Technik, das lernst du von den Buben.“

Alfred Fraunholz, Kleinfeld-Coach in Kirchdorf

Das Beispiel Hienheim zeigt zudem: Gibt es jemanden, der den Mädchenfußball in die Hand nimmt, wird das auch honoriert. Christine Schauer startete vor acht Jahren als Trainerin bei den G-Junioren. Sie wechselte jeweils in die nächste Altersklasse mit. Vor drei Jahren gründete sie beim SV Hadrian Hienheim die erste Mädchen-Mannschaft (D-Juniorinnen). Mittlerweile gibt es D- und C-Juniorinnen und eine Frauen-Freizeitliga-Mannschaft.

Als Spielerin lief Schauer 31 Jahre für den TSV Siegenburg auf, der ist am längsten im Frauenfußball aktiv, seit 1977. Sie spielte u.a. Bezirksoberliga und war auch in der Niederbayernauswahl. Ihr größter Erfolg als Spielerin: die Relegation für die Bayernliga.

Als Trainerin hofft sie, „dass ich nicht als Exotin wahrgenommen werde“. Gerne würde sie wie die männlichen Kollegen nach ihrem Sachverstand wahrgenommen und beurteilt werden. Bei Trainerlehrgängen ist Christine Schauer jedoch oft noch die einzige Frau.

Die Lausser-Schwestern Mirjam (li.) und Sophie spielten bis zur vergangenen Saison im Landesliga-Team des FC Ingolstadt. Foto: Lausser

„Die Qualität eines Frauen-Spiels bzw. die von Spielerinnen wird immer noch unterschätzt.“

Mirjam (15) und Sophie (17) Lausser aus Rohr spielten in der vergangenen Saison beim FC Ingolstadt Landesliga

Mirjam (15) und Sophie (17) Lausser aus Rohr spielten zuletzt beim FC Ingolstadt im Landesliga-Team. Vorurteile erlebten die Schwestern bislang nur vereinzelt. Aber auch sie bemerken, dass Frauenfußball gelegentlich belächelt wird und dass die „Qualität von Damenspielen bzw. die von Spielerinnen unterschätzt wird“. Doch glauben die beiden Schülerinnen, dass Frauenfußball immer mehr an Wertschätzung und Bedeutung gewinnen. Von außen werde das Kicken weniger typisch oder ungewöhnlich gesehen, wie etwa Reiten oder Ähnliches.

Alle Thementeile der Fußball-Serie finden Sie hier.

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