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Sport aus Kelheim
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Themenwoche

„Was von 250 000 Euro bleibt? Nichts!“

Der ATSV Kelheim und seine Kicker öffnen die Vereinsschatulle. Allein die Pflege eines Fußballplatzes kostet 10 000 Euro.
Von Martin Rutrecht

Sie ließen die MZ in die Bücher des ATSV blicken (v. l.): Vorsitzender Thomas Jessen, der Steuerexperte des Vereins, Franz Plapperer, und Fußball-Abteilungsleiter Martin Birkl. Foto: Rutrecht

Kelheim.Sport betreiben ist simpel, vornehmlich Fußball: Der Bewegungssuchende schließt sich einem Verein an, zahlt ein paar Euro Beitrag, einer (= Trainer) wirft den Ball rein und es läuft. Mal braucht es neue Fußbälle, vielleicht mal ein Tornetz, da soll sich der Verein nicht so haben. Kost’ ja nicht die Welt! „250 000 Euro“, sagt Thomas Jessen, „250 000 Euro umfasst der Etat des Gesamtvereins in einem Jahr“, erklärt der Vorsitzende des ATSV Kelheim. Da muss dann doch mehr dahinter sein.

„Wir bräuchten einen Bankkaufmann, einen Steuerberater und einen Juristen im Vorstand.“

Thomas Jessen

Die genannte Summe bezieht sich auf den kompletten ATSV mit sämtlichen Abteilungen. 1800 Mitglieder stecken darin. Die erklecklichen Beträge und die dahinter stehenden Ausgaben und Einnahmen seien gerade im Hinblick auf die Abrechnung gegenüber dem Finanzamt kaum noch überschaubar. „Wir bräuchten einen Bankkaufmann als Vorsitzenden, einen Steuerberater als Stellvertreter und am besten noch einen Juristen im Vorstand“, sagen Jessen und Fußball-Abteilungsleiter Martin Birkl. Man dürfe sich nicht wundern, dass Vereine oft keine Vorsitzenden mehr finden. „Für jede Steuererklärung bist du haftbar. Aber keiner wird etwas wissentlich falsch machen, man blickt schlicht manchmal nicht mehr durch.“

„Ich habe mich intensiv in Zahlen und Steuern reingearbeitet. Gelernt habe ich das nicht.“

Franz Plapperer

Für die vielen administrativen Aufgaben hat der ATSV mittlerweile zwei 450-Euro-Mini-Jobberinnen im Sekretariat eingestellt. Der Steuerexperte des Vereins heißt Franz Plapperer. „Ich bin seit 1990 dabei und war 20 Jahre erster Schatzmeister. Ich habe mich über die Jahre intensiv in die Zahlen und Steuern reingearbeitet, gelernt habe ich das auch nicht“, so der Sportwart, wie seine Funktion genannt wird. Er und Birkl besuchen ab und an Seminare. „Es ist fast nicht mehr möglich, bei den verschiedenen steuerlichen Regelungen den Überblick zu behalten.“

Hallenturnier als größtes Pfund

Dennoch öffnet das ATSV-Trio für die MZ in Auszügen die Finanzakten. Das Hallenturnier ist eine der wichtigsten Einnahmequellen – die Absage 2016 wegen der Belegung der Dreifachturnhalle mit Flüchtlingen reißt ein Loch. Der Förderverein der Kicker leistet einen Beitrag im Rahmen seiner Möglichkeiten. Die genauen Summen dazu will man nicht benennen.

Eine fast volles Haus wie in der Landesliga-Relegation gegen TSV Langquaid war ein warmer Geldregen. Archivfoto: mar

Mit insgesamt 253 aktiven Spielern bei Erwachsenen, Senioren sowie Jugend stützt sich die Fußball-Sparte natürlich auch auf Mitgliedsbeiträge. Ein Erwachsener zahlt 36 Euro in die Abteilung ein, Jugendliche 24 Euro. Alle müssen zusätzlich Mitglied beim Hauptverein sein. Die Großfeldjunioren ab der D-Jugend spielen in der JFG Befreiungshalle Kelheim, ein eigener Verein. „Dorthin führen wir einen Beitrag pro ATSV-Spieler in die JFG ab. Die Arbeit der Juniorenfördergemeinschaft ist es uns das wert“, so Vereinschef Jessen. Rund 100 ATSV-Schützlinge kicken für Befreiungshalle.

MZ-Redakteur Benjamin Neumaier fungierte als Model für unsere interaktive Info-Grafik. Sie soll zeigen, was ein Spieler allein an Ausstattung kostet.

Nicht gerade üppig fällt das Plus bei den Eintrittsgeldern für die Herren-Spiele aus. „Da müssten wir jedes Jahr Landesliga-Relegation spielen“, erinnert sich Martin Birkl mit einem Schmunzeln ans Vorjahr. Der Lokalschlager gegen den TSV Langquaid lockte 2000 Fans ins Kelheimer Stadion. „Ansonsten sind wir mit dem Besuch zufrieden, natürlich könnten immer mehr Fans im Stadion sein.“

Ein ganzer Batzen liegt am Dach – als Photovoltaikanlage

Eine Einnahmequelle, die dem ATSV im Vergleich zu anderen Vereinen fehlt, ist der Verkauf durch die Bewirtung bei Punktspielen. „Diesen Verkauf hat die Stadt an einen Betreiber verpachtet.“ Dank des Entgegenkommens des Pächters durfte der ATSV bei den Heimspielen seit der letzten Saison einen Imbisswagen aufstellen. „Der Wagen wird uns von der Metzgerei Lickleder kostenlos zur Verfügung gestellt.“ Fanartikel bieten die Kicker ab und an auch an, „zum Selbstkostenpreis“.

Weiter finanziert sich die Abteilung über einige Veranstaltungen, die beiden größten sind das Kreisstadtfest und das Kinderbürgerfest der MZ. „Beim Kreisstadtfest stehen drei Schichten Einsatz unserer Fußballer und Helfer beim Ausschenken dahinter.“ Mittlerweile, so Vereinsboss Jessen, seien die Abgaben an Bands so hoch, dass der Gewinn schrumpfe. „Das war früher mal besser, auch weil die Konkurrenz an Veranstaltungen nicht so groß war.“

„Allgemein mehr Unterstützung für die Vereine wäre schön.“

Martin Birkl

An den Gesamtverein gehen die Erträge aus Bandenwerbung und Spenden. Ebenfalls den kompletten Verein betrifft der Komplex Sportheim. „Die Verpachtung des Restaurants läuft jetzt endlich langsam so, wie wir es uns erhoffen“, erklärt Jessen. „Wir haben rund 10 000 Euro investiert in Theke, Stühle, Kühlanlage und Spülmaschine.“ Ein riesen Batzen Geld liegt auf dem Dach: Vor sechs Jahren installierte der ATSV einen neuen Dachstuhl und eine Photovoltaikanlage. „Jeder Cent, der unter dem Strich auf der Habenseite bliebe, müsste in den Kredit dafür gehen.“

Auf die Einnahmeseite schlagen sich auch noch Grundstock- und Übungsleitermittelförderung des Sportförderverbands von 7000 Euro, Zuschüsse für die lizenzierten Übungsleiter der Fußballer, die der BLSV jährlich mit 700 Euro vergütet. Ideellen Wert hat der Integrationspreis vom Landkreis. „Darüber freuen wir uns sehr. Aber schön wäre es natürlich, wenn wir allgemein für unsere Vereinstätigkeit mehr Unterstützung bekämen“, merkt Martin Birkl kritisch an.

Platzwart Reiner Derks wird als Mini-Jobber beschäftigt. Archivfoto: mar

Was von den Sportverbänden reinkommt, scheint auf der anderen Seit wieder an selbige rauszugehen. An den BLSV sind pro Mitglied 3,68 Euro (Erwachsener) zu entrichten. Der Bayerische Fußballverband kassiert eine Verwaltungsgebühr. „Manchmal muss man sich fragen, wie lange man die Vereine noch ausquetschen will. Die Verbände sollten doch interessiert sein, uns Vereine am Leben zu halten. An jeder Stelle wird betont, welche große gesellschaftliche Funktion wir haben. Das können wir aber kaum leisten, wenn wir jeden Cent umdrehen müssen“, sagt Thomas Jessen. Auch alle Schiedsrichter-Einsätze sind zu begleichen.

Eine unerwartet hohe Summe verschlingen die beiden Fußballplätze des ATSV, wohlgemerkt: nicht das Stadion. Sie liegen neben dem Stadion vor dem Sportheim. „Wir wenden pro Platz im Jahr rund 10 000 Euro auf“, eröffnet Martin Birkl. „Der Rasen muss regelmäßig gelockert, gesandet, gedüngt und stellenweise neu bepflanzt werden, dann braucht es permanent die weißen Markierungen für Groß- oder Kleinspielfeld, dazu kommen Rasen mähen, Bewässerung und Flutlicht“, zählt der Abteilungsleiter auf.

Platzwart, Bälle, Hütchen, Anfahrten...

Mit einkalkuliert sind als Minijobber die Platzwarte, die der ATSV beschäftigt. Für Stadion und Halle stellt die Stadt einen Mitarbeiter, den der Verein anteilig mitzahlt. Im Rasenetat noch nicht enthalten ist der vor einigen Jahren angeschaffte Traktormäher. „Packt man noch die Kosten für Strom, Gas und Heizung im Sportheim und in den Kabinen mit drauf, weiß man, was allein der Spielbetrieb kostet. Und wir reden hier nicht vom Stadion“, so Jessen. Bezüglich der städtischen Anlage hat der Verein eine Sonderregelung mit der Kommune.

„Eines bleibt uns schon: viel Arbeit.“

Thomas Jessen

Fürs Kicken sind auch Bälle nicht unerheblich sowie Trainingsmaterialien wie Hütchen oder Stangen – der Kostenansatz liegt in einem niedrigen vierstelligen Bereich. Weil die Jugend- und Herren-Spieler auch Auswärtsfahrten haben, stehen weitere Ausgaben an – Transport- und Reisekosten. Die Übungsleiter bekommen Aufwandsentschädigungen. „Der überwiegende Teil wird zurück gespendet. Wenn wir dieses Engagement über alle Abteilungen hinweg nicht hätten, könnten wir morgen zusperren“, bricht Vereinsvorsitzender Jessen eine Lanze für das Ehrenamt. „Im Prinzip nimmt keiner etwas dafür, dass er seine Freizeit, seine Abend- oder Wochenendstunden für uns aufbringt. Wie bei vielen anderen Vereinen werden Sportheime in Eigenregie gemalt, ausgebessert, erneuert, Kabinen umgebaut und so weiter.“

Trainer-Vergütung – „er hat ja auch einen Aufwand“

Selbstredend erhielte der Trainer eine Vergütung. „Aber es ist doch Schmarrn, was hier für Zahlen herumgeisterten. Deswegen sagen wir dazu auch nichts. Jeder soll sich mal den Aufwand eines Trainers in Landes- oder Bezirksliga anschauen, außerdem haben diese Leute fachliche Ausbildungen.“

Nun, da fast alles Zahlenwerk auf dem Tisch liegt, kann Vereinschef Thomas Jessen doch rausrücken mit der Sprache. „Was von den 250 000 Euro unter dem Strich übrig bleibt? Nichts! Wir haben aktuell keine Rücklagen“, entgegnet er, „doch, eines bleibt: viel Arbeit.“

Alle Teile der MZ-Themenwoche zum Kelheimer Fußball lesen Sie hier.

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