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Sport aus Kelheim
Montag, 11. Dezember 2017 11

Themenwoche

Wenn Dorfvereine wegsterben, fehlt was

Die ländliche Struktur des Fußballs ist in Gefahr, sagen Experten bei einer MZ-Runde. Und mehr als Bezirksliga geht nicht.
Von Benjamin Neumaier und Martin Rutrecht

Kann sich ein Fußballer frei entfalten oder hängt er an der Stange der Rahmenbedingungen und Vereine fest? Gute Ausbildungsmöglichkeiten gebe es in der Region, sagt unser Quartett, aber einen talentierten Kicker lassen die Klubs ungern ziehen. Foto: Pieknik

Kelheim.Die beiden Trainer Christian Lanzl (u.a. SV Ihrlerstein, TSV Neustadt) und Hans-Peter Liedl (FC Hausen, SV Hienheim) sowie die Abteilungsleiter Martin Birkl (ATSV Kelheim) und Sebastian Kneitinger (TSV Abensberg) haben sich in einer Diskussionsrunde in der MZ den Fragen über Wohl und Wehe des Kelheimer Kicks gestellt. Alle vier Herren waren selbst Fußballer.

Der Kelheimer Fußball spielt sich vorwiegend in den unteren Klassen ab. Ist der Fußball in der Region attraktiv?

Liedl: Aus Vereinssicht ist er auf jeden Fall attraktiv. Jeder einzelne versucht, das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen. Und was ATSV Kelheim und TSV Abensberg leisten, da sage ich – Hut ab.

Kneitinger: Der Fußball bewegt nach wie vor viele Menschen. Wenn man sich die Zuschauerzahlen in der Relegation ansieht, ist das phänomenal. Zugleich wird’s in kleineren Orten immer schwieriger, überhaupt Fußball zu bieten. Ganz einfach, weil die Kinder fehlen.

Lanzl: Man muss nur sehen, wie viel Leidenschaft dahinter steckt. Ganze Orte stehen dahinter, auch wenn’s nur die A- oder Kreisklasse ist. Bei Derbys von Nachbarorten kommen viele Zuschauer. Was aber fehlt im Hinblick auf eine Landesliga, ist die Qualität. Beim ATSV war es absehbar, wie es ausgeht.

Birkl: Fußball wird in den Vereinen brutal gelebt. In Kelheim haben wir sieben Klubs. Diese Vereinsvielfalt auch auf dem Land gibt es nicht mehr so oft, auch wenn die ersten Vereine bröckeln. Was höherklassige Teams anbelangt, gibt es sicher stärkere Regionen. Aber Fußball zieht noch.

Die großen Aushängeschilder fehlen aber.

Hans-Peter Liedl: Trainer beim SV Hadrian Hienheim

Lanzl: Das liegt schon ein bisschen im Jugendfußball. Wir haben nur wenige Juniorenteams, die in einer Bezirksoberliga spielen. Da ist in der Folge nicht mehr drin als Bezirksliga. Der SV Ihrlerstein hatte eine Bayernliga-Jugend, die später die großen Erfolge feierte. Um mehr Qualität herzubekommen, müsste man mehr zentralisieren und ein größeres Einzugsgebiet haben. Und ich brauche Geld.

Kneitinger: Als Verein muss ich mich fragen, wo will ich hin? Kelheim hat es am eigenen Leib erfahren, dass der Sprung in die Landesliga extrem ist. Auch in Abensberg könnten die wenigsten Spieler in dem Bereich mithalten. Aber ich will diese Spieler im TSV halten. Der ATSV hat sich auch entschieden, keine verrückten Dinge zu machen. Dann reicht’s halt nicht für eine Landesliga.

Liedl: Ich denke auch, dass es nicht unbedingt eine Landesliga sein muss. 150 Zuschauer wie in Bad Abbach hast du auch bei einem guten Kreisklassen-Spiel. Welcher Fan fährt mit nach Hauzenberg…

Birkl: … Sonne, 40 Grad, zwei Stunden Autofahrt…

Liedl: … das sind Weltreisen. Wieso muss „Landes-“ davor stehen?

Birkl: Du hast definitiv nicht plötzlich 300, 400 Zuschauer mehr, weil’s die Landesliga ist. Wenn man erfolgreich ist, dann vielleicht. Aber das ist mit unseren Mitteln nicht möglich. Als wir gegen Ammerthal spielten, standen auf dem Spielberichtsbogen elf Vertragsamateure drauf. Wir haben es mit jungen Leuten versucht, aber da hast du keine Chance.

Lanzl: Dafür fehlt die Basis, das ist der Kern.

Kneitinger: Als Verein musst du die Entwicklung auf lange Sicht sehen. Ich höre manchmal, dass bei Bayernligaspielen auch nur 150 Zuschauer sind. Dort wird toller Fußball geboten, aber es fehlt vielleicht oft die Identifikation mit der Mannschaft.

Birkl: Es funktioniert nur über einen finanzkräftigen Investor – von 200 Zuschauern wirst du nicht leben.

Lanzl: Eine Landesliga-Mannschaft ist nur interessant, wenn ein gewisser Anteil an eigenen Spielern vorhanden ist. Ein paar auswärtige Kicker brauchst dazu, sonst geht’s ja nicht. Elf Mann reinstellen, die irgendwoher sind, macht keinen Sinn. Eine Mischung muss da sein.

Wäre eine Art „Superverein“ ein Ansatz?

Sebastian Kneitinger: Abteilungsleiter der Fußballabteilung des TSV Abensberg

Kneitinger: Das ist vielleicht eine Wunschidee aus dem Blickwinkel heraus, möglichst hochklassig zu spielen. Aber mit manchen Vereinen hat man halt auch noch nicht diese Wellenlänge und der Fußball lebt schon auch von der Identifikation mit dem eigenen Verein.

Birkl: Die Rivalitäten früher waren riesig. Die junge Generation trägt nicht mehr so sehr Vereinsbrille. Man wird überhaupt erst sehen, welche Vereine sich halten können. Der demografische Wandel, die Freizeitmöglichkeiten, Anforderungen in Schule und Beruf – vieles ändert sich.

Liedl: Die älteren Vorstände hängen mit Herzblut an ihren Vereinen, beim Vereinsheimbau halten sie jeden Stein in der Hand. Die sagen nicht einfach: Dann sperren wir halt zu. Sie wollen weitermachen, so lange es geht, obwohl mehrere Vereine schon aus dem letzten Loch pfeifen.

Lanzl: Um höherklassig anzugreifen, müsste ich die Kräfte noch mehr bündeln. Aber wir haben schon JFGs – trotzdem ist im Herrenbereich nicht mehr drin als Bezirksliga. Noch weiter bündeln geht kaum noch.

Birkl: Wir sitzen zwischen Ingolstadt und Regensburg. Jeder, der Talent hat, wird angesprochen. Der DFB hat ein Spitzenfördersystem ausgerufen, das an den Stützpunkten beginnt. Ich habe kein Problem, wenn einer zum Jahn oder nach Ingolstadt geht. Wenn er es nicht schafft, ist er herzlich willkommen zurückzukehren.

Lanzl: Das ist die richtige Philosophie. Da merkt man das Umdenken der jungen Abteilungsleiter. Früher hat man gesagt: Wenn du gehst, brauchst nicht mehr zu kommen. Ich muss mich doch mitfreuen, wenn einer die Chance kriegt. Und später vielleicht zurückkommt.

Kneitinger: Kooperationen mit dem Jahn wie beim ATSV oder bei uns mit FC Ingolstadt ist eben der Weg. Natürlich tut’s mir weh, wenn ein guter Spieler weg ist. Aber in unserem aktuellen Abensberger Kader sind einige Rückkehrer, die sich höherklassig erprobt haben und uns jetzt stärken.

Wäre man als Trainer oder Abteilungsleiter nicht glücklich, wenn einer mit einem Batzen Geld eine tolle Mannschaft hinstellt?

Liedl: Logisch wär’s attraktiv, mit 15, 16 gleichwertigen Spielern zu arbeiten. Aber mit so einer Retortenmannschaft tust du dir keinen Gefallen. Einen Namen machst dir als Trainer auch nicht, wenn du eine Söldnertruppe zum Aufstieg führst.

Christian Lanzl: früherer Stützpunkttrainer des Bayerischen Fußballverbandes

Lanzl: Mich tät’s auch reizen. Der Verein hat ein Grundgerüst und baut noch vier gute Spieler ein. Ich hätte nichts dagegen. Wie es der Verein gegenüber den eigenen Spielern oder das mit der Bezahlung kommuniziert, ist ganz was anderes. Aber das betrifft mich als Trainer nicht.

Kneitinger: Mir tät’s keinen Spaß machen. Mit unseren Spielern habe ich meist selbst noch gekickt. Das ist für mich die Motivation als Abteilungsleiter zu arbeiten, was nicht immer pures Vergnügen ist.

Birkl: Ja, wir machen das alle ehrenamtlich. Für 20 fremde Kicker tue ich das nicht. Mit einem großen Sponsor ist es eine zweischneidige Sache. Der gibt dir 50 000 Euro und du hängst nur an einer Zitze und bläst ein Konstrukt auf. Dann mag er nimmer und es geht schlagartig in die andere Richtung.

Kneitinger: Wir haben derzeit 19 Mannschaften im TSV. Man muss sich überlegen, was das kostet, dann willst du noch was für die Trainerförderung tun. Ich bin für jeden Euro dankbar, aber nicht um eine Bayernliga-Mannschaft hinzustellen.

Wie ist es um die Qualität der Jugendtrainer bestellt?

Liedl: Mei, in kleineren Ort musst du froh sein, wenn sich der Vater von irgendeinem Spieler bereit erklärt und die Kinder beaufsichtigt. Man müsste schon in der F-Jugend beginnen, hauptsächlich mit Ball zu trainieren. Es gibt aber immer noch Betreuer, die mit ihren Bambini Runden um den Fußballplatz laufen. Was du einem jungen Kicker nicht lernst, lernst einem alten Spieler nimmer.

Birkl: Wir sind in der glücklichen Situation, drei Lizenztrainer zu haben, dazu hilft Alex Ziegler mit, der eine enorme Kenntnis hat. Aber auch ohne Lizenz machen unsere Trainer gute Arbeit, machen sich Gedanken, bereiten sich vor. Mit Büchern und Internet gibt es genug Plattformen für Trainingsideen.

Lanzl: Vereine wie ATSV oder Abensberg sind mit guten Trainern bestückt. Aber man muss den Unterschied zu kleineren Vereinen sehen. Da bist du drauf angewiesen, dass es einer macht. Da kannst mal Glück, mal Pech haben.

Kneitinger: Jeder, der sich rausstellt, gibt sein Bestes, gibt hundert Prozent. Mit Lizenztrainern stellt sich auch der Erfolg ein, das sieht man bei uns auch. Als Verein ist es deine Aufgabe, die Betreuer zu unterstützen.

Wie sieht die Zukunft aus im Kelheimer Fußball?

Lanzl: Die kleinen Vereine werden sich bündeln müssen, die großen werden bestehen bleiben.

Martin Birkl: Abteilungsleiter der Fußballabteilung des ATSV Kelheim

Birkl: Es funktioniert auch, wenn ein größerer Klub mit seiner Reserve einen kleineren als Partner nimmt, zum Beispiel bei TSV Langquaid II und SV Adl-hausen. Mehrere Spieler aus dieser Spielgemeinschaft sind jetzt zum Langquaider Bezirksligakader gestoßen. Grundsätzlich: Wenn zwei oder mehrere Vereine zusammen kommen, hat jeder seine Interessen. Es ist schwer, gemeinsam einem höheren Ziel zu folgen.

Liedl: Man darf nicht übersehen, dass in jedem Ort überall die Sportstätten vorhanden sind. Wichtig wäre es, die kleinen Vereine am Leben zu erhalten. Sonst trudeln wir in ein absehbares Sterben.

Kneitinger: Dann ginge definitiv etwas verloren. Ein Fußballverein ist in jedem Ort verankert.

Birkl: Und es ist ja mehr als Fußball. Spieler, Fans treffen sich unter der Woche, zum Karten spielen oder was auch immer. Da herrscht ein richtiges Freizeitleben drum herum.

Kneitinger: Na ja, der 19-Jährige tendiert schon eher zur Disko, aber er kommt auch wieder. Dieses dörfliche Zusammenleben findet man in der Stadt nicht mehr. Je kleiner das Dorf, desto schöner ist der Platz – weil viel Liebe drin steckt.

Lanzl: Ich gehe immer wieder gerne zu Kreisklassen-Spielen, das ist schön zum Anschauen.

Liedl: Eines sehe ich schon noch: Dass bei kleineren Vereinen gute Spieler angesprochen und abgeworben werden, ist legitim, trägt aber auch zum Sterben bei.

Lanzl: Dafür wird der bessere Kicker bei ATSV oder Abensberg von Jahn oder Ingolstadt angesprochen.

Kneitinger: Es kommt halt auch darauf an, wie man’s macht. Es gibt Leute, die haben eine Liste mit 40 Telefonnummern von Spielern und rufen jeden an. Wir haben heuer mit vier Spielern geredet. Ich darf aber nicht böse sein, wenn einer das Potenzial hat, um es woanders zu probieren.

Liedl: Mit den Ausbildungspauschalen läuft das ja auch gut heute.

Kneitinger: Na ja, da hätte ich andere Beispiele. Wir haben mal einen jungen Spieler an einen Regensburger Verein abgegeben, für 200 Euro. Als er von sich aus zurück wollte, hat der Verein 1200 Euro verlangt. Geeinigt haben wir uns bei 800 Euro. Das lief nicht mehr anständig ab.

Birkl: Die Vertrauensbasis geht da verloren.

Lanzl: Mündlich geht’s sowieso nicht mehr. Beim Rückwechseln kann sich keiner mehr an die Vereinbarung erinnern.

Sind angedachte Spielformen wie 9 gegen 9 ein Weg für die Zukunft?

Liedl: Das hat irgendwann nichts mehr mit Fußball zu tun, das hat Stammtischcharakter. Dann doch lieber Spielgemeinschaften.

Kneitinger: Mit diesen Modellen wird der bestraft, der viele Leute hat. Das sind sehr gewagte Ideen.

Birkl: Wie stellst sechs Spieler auf der Ersatzbank zufrieden, weil der andere nur zu neunt kommt?

Lanzl: Schwierig wird’s auch mit der Aufstiegsberechtigung. Musst dann wieder auf elf Spieler umschwenken?

Birkl: Das Problem für den Spielermangel ist die gesellschaftliche Veränderung, Fußball ist nicht mehr alles.

Lanzl: Manche Kicker hören nach der Jugend auf, weil sie da schon 10 bis 15 Jahre gekickt haben. Zum Studieren gehen sie auch weg.

Kneitinger: Da sind die Kreise größer geworden. Wir haben Studium oder Ausbildung in der Nähe gemacht, heute geht’s nach München. Und dann hast du nur ein gemeinsames Training am Freitagabend.

Liedl: Die meisten ziehen ja die Turnschuhe nicht an, wenn’s fort sind.

Kneitinger: Anziehen schon…

Liedl: … damit’s sauber an der Bar stehen.

Birkl: Vereinzelt suchen sich Spieler aber schon einen Verein vor Ort.

Wie geht es in Zukunft weiter?

Sinkt das Engagement der Spieler?

Lanzl: Da darf man nicht alle über einen Kamm scheren. Wir hatten in unserer aktiven Zeit teilweise sicher eine andere Einstellung. Aber es gibt auch heute solche und solche. Das hängt von der Mentalität eines Spielers ab. Wenn du unten drin stehst, sinkt die Motivation. Und wenn’s dann Oktober oder November wird und kalt, stehst bald allein auf dem Platz.

Kneitinger: Unser Kapitän hat mir mal gesagt: Vielleicht lässt man sich von einigen wenigen Beispielen zu einem schlechten Bild hinreißen. Wir haben 52 Spieler im Seniorenbereich…

Liedl: … schick ein paar nach Hienheim (Anm.: Liedl wird dort Trainer)

Kneitinger: … wir haben also eine riesige Anzahl, die Gas geben will.

Liedl: Desto mehr Qualität vorhanden ist, umso mehr Spaß am Fußball hat ein Spieler.

Birkl: Man tut jungen Spielern unrecht, wenn man alle gleich einordnet.

Ist Bezirksliga das Maximum für den Landkreis?

Kneitinger: Man sollte nicht unzufrieden sein. Schauen wir nur die Bezirksliga an, die heuer startet. Fünf Vereine aus der Kelheimer Region, die alle gut arbeiten, sind dabei. Es werden schöne Spiele, darauf kann man sich freuen.

Birkl: Ohne Mittel ist die Bezirksliga das Ende der Fahnenstange.

Liedl: Das denke ich auch – aber daran ist absolut nichts Schlechtes.

Lanzl: Alles darüber hinaus ist vielleicht punktuell mal möglich wie beim ATSV.

Alle Thementeile der Serie finden Sie hier.

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