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Sport aus Kelheim
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Judo

Zwei Freunde werden zu Olympia-Rivalen

Die Abensberger Judoka Sebastian Seidl und Manuel Scheibel wollen zu Tokio 2020 – nur einer darf mit. „Kumpels bleiben wir.“
Von Martin Rutrecht

Sebastian Seidl (oben) hat bereits Olympia-Erfahrung. Im Vorjahr kämpfte er bei den Spielen in Rio, schied aber vorzeitig aus. Foto: Güttler/dpa

Abensberg.Die Vorstellung lässt einen schmunzeln: Zwei waschechte Bayern hocken im 24. Stock eines Hotels in Tokio – und gucken japanische Fernsehserien. Ob Sebastian Seidl und Manuel Scheibel etwas verstehen, ist einerlei. Die beiden Judoka des TSV Abensberg harren des Grand-Slam-Turniers in Tokio am Wochenende. „Natürlich trainieren wir und machen Gewicht, aber zwischendurch sitzt man halt auch vor der Glotze“, sagt Scheibel.

In Japans Hauptstadt steigen in drei Jahren auch die Olympischen Sommerspiele 2020. Beide, der 27-jährige Seidl und der vier Jahre jüngere Scheibel, wollen dorthin. Das Problem: Die beiden Freunde aus dem Abensberger Lager kämpfen mittlerweile in derselben Gewichtsklasse bis 66 kg. Die strenge Auslese für Judo-Olympia gestattet aber nur einen Startplatz pro Nation. Sebi oder Manu – nur einer kann zu Tokio 2020.

Gemeinsame Zeiten in einer WG

„Unsere Freundschaft wird darunter nicht leiden. Jeder gönnt dem anderen das Ticket, wenn er sich qualifiziert“, sagen die beiden. Auf der Matte freilich herrscht Rivalität, keiner will dem anderen freiwillig den Vortritt lassen. Die Konkurrenzsituation entstand, als der jüngere Athlet von der 60- in die 66 kg-Klasse wechselte. Im Training arbeitet das Duo seit Jahren gemeinsam, in München lebten der Pförringer Seidl und der Biburger Scheibel schon zusammen in einer WG.

Manuel Scheibel (l.) und Sebi Seidl zeigen sich auch in Tokio vor dem Grand Slam als Kumpels. Foto: Scheibel

Der Grand Slam am Wochenende bereitet erstmals eine große Bühne für das Kräftemessen der beiden „Rivalen“. Von Auslosung und Wettkampfverlauf hängt es ab, ob sie auch direkt aufeinander treffen. An der Güte des Turniers ist nicht zu zweifeln. „Der Grand Slam im Mutterland des Judo bringt die weltbesten Athleten zusammen“, weiß ihr TSV-Trainer Jürgen Öchsner. In der 66 kg-Kategorie stehen der Weltranglistenerste und -zweite auf der Matte, Tal Flicker aus Israel und der Japaner Abe Hifumi.

Olympia-Platz oder Bürostuhl

Gemessen an diesen Hochkarätern sind die beiden Babonen derzeit kleine Lichter. Scheibel steht auf Weltranglisten-Platz 83, Seidl wird als Nummer 172 geführt. Was Letzteren nicht irritiert. „Ich hatte zu Beginn des Jahres Verletzungen und ein Jahr nach Olympischen Spielen nimmt man etwas raus“, so der Polizist der Sportfördergruppe. Der 27-Jährige kennt das Gefühl Olympischer Spiele. In Rio 2016 trat er an – und flog in der ersten Runde gegen den späteren Olympiasieger Fabio Basile aus Italien raus.

„Wenn ich zu weit weg bin von der Weltspitze, lasse ich es bleiben.“

Manuel Scheibel

So gesehen hat Seidl im Zeichen der Ringe eine Rechnung offen. „Man kann nie sagen, was in einem langen Zeitraum von drei Jahren passiert, aber Tokio 2020 ist mein Ziel“, erklärt der Dritte der Europa-Spiele von Baku 2015, sein bislang größter Erfolg. Teamkollege Scheibel peilt Olympia als Neuling an. „Ich werde alles versuchen, um dabei sein zu können.“

Eine Option gebe es, wie das Abensberger Duo ein gegenseitiges Rauskicken vermeiden könnte: Bei Seidl halten manche Trainer einen Wechsel in die 73 kg-Klasse für möglich. „Aber in einer neuen Gewichtsklasse wieder in die Weltelite vorzustoßen, ist knüppelhart. Ich weiß nicht, ob er sich das antut“, erklärt Öchsner.

Sebastian Seidl kämpfte 2016 bei Olympia in Rio. Dieses filmische Porträt von ihm entstand unmittelbar davor:

Scheibel will nicht jeden Preis für Olympia in Kauf nehmen. „2018 wird ein wegweisendes Jahr. Wenn ich zu weit weg bin von der internationalen Spitze, macht es keinen Sinn. Dann setze ich mich in ein Büro“, so der Masterstudent für Bauingenieurwesen. Für Olympia reicht es nicht nur, sich national zu behaupten – man muss auch einen jener Quotenplätze belegen, die den Top 32 der Welt vorbehalten sind. Für dieses spezielle Olympia-Ranking beginnt das Rennen in 2018. Über WM, EM und andere große Wettkämpfe sammeln die Judoka Punkte.

„Für ein Olympia-Ticket muss man auf vieles verzichten.“

Sebastian Seidl

Scheibel hält sich übrigens schon seit zwei Wochen in Japan auf. Er absolvierte mit der deutschen Nationalmannschaft ein Trainingslager in Nobeoka. Seidl reiste erst zu Beginn dieser Woche nach. Er wird dafür im Anschluss an den Grand Slam noch eine Woche zum Randori in Asien bleiben. Am Samstag hat das Duo seinen Auftritt im Metropolitan-Gymnasium vor Tausenden fachkundigen Japanern.

Sushi und 5000 Dollar Prämie

Zur bevorstehenden Auslosung sagen beide: „Es kommt, wie’s kommt.“ Jürgen Öchsner würde beiden zumindest den Vorstoß in die dritte oder vierte Runde wünschen. „Dadurch könnten sie Erfahrung mitnehmen.“ Die hat Seidl zwar reichlich, doch das frühe Ausscheiden bei der WM 2017 legte offen, dass er erst wieder in der Elite ankommen muss. Scheibels fünfter Platz bei der Universiade signalisiert indes, dass der U23-Vizeeuropameister von 2016 oben mitmischen kann.

Der Respekt voreinander ist groß, wie die Verneigung in einer Trainingshalle in Tokio zeigt. Foto: Scheibel

„Momentan gibt’s viel Sushi“, lachen die beiden TSV-Kumpels vor ihrem heißen Wettkampftag. Dort könnten sie im besten aller Erfolgsfälle, nämlich Rang eins, neben Meriten auch 5000 US-Dollar für den Turniersieg ernten. Im Judo ein reiches Salär – in anderen Sportarten kriegt man die Summe fürs Ausscheiden in der ersten Runde. „Wegen des Geldes darfst du nicht Judoka werden, du bleibst auf den unteren Stufen der Gehaltsleiter im Profisport“, wissen beide. Deshalb erwäge man umso intensiver, ob man einen so weiten Weg wie nach Tokio 2020 gehe und dafür Beruf und Freizeit opfere. Seidl und Scheibel wollen ihn gehen – als Freunde und Rivalen.

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