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LG Telis Finanz
Montag, 11. Dezember 2017 7

Leichtathletik

Bestes Jahr, aber weniger Förderung

Der Regensburger Läufer Florian Orth hängt in der Luft – und er ist ein Fallbeispiel der Reform im deutschen Spitzensport.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Die Olympia-Teilnahme ist der Traum jeden Sportlers: Der Regensburger Florian Orth war in Rio de Janeiro Teil der Weltklasse – und doch hängt der Läufer mehr in der Luft denn je. Foto: Michael Kappeler/dpa

Regensburg. Just am Donnerstagmittag sprachen Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), in Berlin wieder öffentlich darüber. „Wir brauchen die Reform, um uns zielstrebiger nach oben zu orientieren“, sagte de Maizière. Und der DOSB-Boss legte nach. „Die Athletinnen und Athleten stehen für uns absolut im Mittelpunkt“, verlautbarte er in einer DOSB-Presseerklärung. „Sie sind der Grund, warum wir das machen.“

Es stehen aber nach der „Leistungssportreform Deutschland“ wohl nicht mehr alle Athleten aus allen Sportarten im Zentrum dieses Interesses. Das Fallbeispiel des Regensburger Läufers Florian Orth von der LG Telis Finanz zeigt, welche Art von Sportlern auf der Strecke bleiben könnte. „Ich verstehe, dass die Gelder anders verteilt werden müssen. Ich möchte auch nicht in der Haut der Entscheidungsträger stecken derzeit“, sagt Orth. „Aber es ist eine falsche Entwicklung, wenn nur absolute Topsportarten gefördert werden. Dann bricht doch die ganze Basis weg.“

Schlechte Nachrichten in Briefform

Dem 27-Jährigen, der heuer seinen Schwerpunkt von der 1500-Meter- so erfolgreich auf die 5000-Meter-Strecke verlegt hatte, dass es zur Qualifikation für die Olympischen Spiele reichte, flatterten dieser Tage zwei Briefe ins Haus. „Ende Oktober kam ein Schreiben vom Deutschen Leichtathletik-Verband, dass ich nicht mehr im Eliteteam, sondern nur noch im B-Kader Mitglied bin“, berichtet Orth. „Damit hatte ich aber gerechnet. Ich kann ja Zahlen lesen.“

Ende der vergangenen Woche meldete sich auch die deutsche Sporthilfe: Auch dort wird es wohl darauf hinauslaufen, dass Florian Orth nicht mehr top gefördert wird – auch wenn die Förderplätze erst Mitte Dezember endgültig vergeben werden. Orth ist ernüchtert: „Ich habe alles nur auf dem Briefweg erfahren. Da habe ich mein bestes Jahr und hänge doch so in der Luft wie nie.“

Dabei gelang der Strecken-Umstieg richtig gut: Bei der Europameisterschaft in Amsterdam wurde Orth Siebter, in Rio verkaufte er sich teuer, eine Finalteilnahme war von Haus aus fast utopisch. In Brasilien hat man mir noch Honig ums Maul geschmiert und gemeint, die 13:28 bei 34 Grad wären so viel wert wie eine 13:15. Aber wenn‘s darauf ankommt, dann interessiert das keinen mehr.“ Nur jene Zeit von 13:15 Minuten aber hätte ihm den Status quo auch erhalten.

Deswegen reagiert auch Regensburgs Teamchef Kurt Ring – stets ein Freund klarer Worte – deutlich: „Die gesamten Kaderrichtwerte gehören in den Papierkorb, genauso wie das Gewürge um die Leistungssportreform. Wenn sich in den Schulen, Bildungseinrichtungen, bei der sozialen Absicherung von Trainern und einer durchaus möglichen Unterstützung der florierenden deutschen Wirtschaft nichts ändert, wird nur auf Sand gebaut. All diese Papiere erinnern doch nur an sozialistische Planwirtschaft, die im Prinzip nie erfolgreich war.“

„Riesenvorteil“ der eigenen Praxis

Florian Orths Leistungen sind ist schon bisher keine Schöpfung deutscher Fördersysteme gewesen. „Dieses Jahr kann ich mich nicht beschweren“, sagt er, „da sind auch Trainingslager mitfinanziert worden.“ Künftig aber fallen 200 Euro monatlich weg und auch eine Verdienstausfallerstattung. Obwohl Florian Orth, der „nebenbei“ sein Zahnarzt-Studium abgeschlossen hat, auch da ein Privileg hat: „Mein riesiger Vorteil ist, dass ich in der Praxis meiner Eltern arbeite und damit in meinem irgendwann auch eigenen Betrieb.“

Einen Kommentar zum Fall von Florian Orth lesen Sie hier.

Kommentar

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Und dennoch: Irgendwann wird die Leidenschaft allein nicht mehr genügen, um Sport mit dem Aufwand zu betreiben, wie es Florian Orth tut. Auch die Olympia-Teilnahme brachte den Läufer nur einen emotionalen Gewinn. „Unter dem Strich hat mir Olympia nichts gebracht“, sagt Orth knallhart. „Auch einen neuen Vertrag mit unserem bisherigen Ausrüster gibt es bisher noch nicht. Faktisch war Rio wirtschaftlich sogar ein Minusgeschäft und Urlaub. Denn bei Olympia gibt es im Gegensatz zu EM und WM auch keinen Verdienstausfall von der Sporthilfe. Eine Teilnahme- oder Zeitprämie gibt es nicht. Dafür hätte ich schon ins Finale kommen müssen.“

Natürlich sind die Gegebenheiten auch mit Freundin Maren Kock ein Gesprächsthema. Die Mittelstrecklerin, die in Amsterdam EM-Sechste über 1500 Meter war, aber nur über den Umweg ihrer 5000-Meter-Zeit Eingang in den B-Kader fand, ließ nun schon zweimal den Satz fallen: „Dann kann ich ja genauso aufhören.“ Zum ersten Mal nach dem Olympia-Wirrwarr, als Kock erst nicht qualifiziert, dann doch und am Ende trotz der bereits absolvierten Einkleidung nicht in Rio dabei war. Und jetzt wieder.

Orth erklärt: „Wenn du nur halbtags arbeitest, verzichtest du auf Gehalt und auch auf Abgaben für die spätere Rente. Und ohne Verdienstausfall ist auch dein Urlaub im Februar oder März nach den Trainingslagern und Wettkämpfen weg.“ Der Schluss liegt nah: „So bekommst du das Aufhören quasi nahegelegt.“

Ein Heimspiel vor dem Heimspiel

Denkt auch Florian Orth ans Aufhören? „Eigentlich nein“, sagt er. „Es macht Spaß, ich habe Ziele, über 5000 Meter komme ich mit meinen wenigen bisher absolvierten Rennen gerade erst an: – und mit der WM 2017 in London steht ein Heimspiel vor dem Heimspiel“ an – denn 2018 reizt dann die Europameisterschaft in Berlin. „Und in meinem Bereich sehe ich so viele Kandidaten nicht, die 1500 Meter in 3:35 oder 5000 in 13:30 Minuten rennen können“, sagt Florian Orth.

Es gibt aber auch noch eine andere mögliche Reaktion. „Ich kann es auch so zusammenfassen: Wer nichts fördert, kann auch nichts fordern“, sagt Florian Orth, der es auch leid ist, „sich für Leistungen verteidigen und rechtfertigen“ zu müssen. „Man kann auch im Straßenlauf für sich selber starten. Da gibt es noch etwas zu verdienen.“

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