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LG Telis Finanz
Mittwoch, 13. Dezember 2017 3

Leichtathletik

Der stille Abschied der Steffi Volke

2011 war sie deutsche Marathonmeisterin, 2012 lief zwölf Kilometer mit einem Bänderriss. 2016 folgte der größte Schock.
Von Franziska Reng

Der größte Glücksmoment: Steffi Volke wird im Mai 2011 in Hamburg deutsche Meisterin. Foto: Theo KiefnerFoto: Theo Kiefner

Regensburg. „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“, tönt es an jenem Mai-Nachmittag aus den Lautsprechern des Autoradios. Steffi dreht die Musik noch etwas lauter und singt aus voller Kehle mit. Selten erlebt man sie so ausgelassen, aber heute hat sie allen Grund dazu: In einem beherzten Rennen ist sie bei der deutschen Meisterschaft über 10 000 Meter mit persönlicher Bestleistung auf den vierten Platz gelaufen. Und das als Marathonläuferin.

„Ich bin normalerweise schon eher der zurückhaltende Typ“, gesteht Steffi Volke. Wer sie kennt, weiß, dass sie meistens mit Bedacht an die Dinge herangeht. Sie wirkt stets besonnen, professionell – und leidenschaftlich: „Da war schon immer ein unglaubliches Feuer in mir. Die Liebe zum Laufen hat mir immer wieder bewiesen, was alles möglich ist.“

Tatsächlich hat Steffi während ihrer Karriere Leistungen vollbracht, die an das scheinbar Unmögliche grenzen. Zunächst schloss sich die Athletin im Jahr 2008 der LG Telis Finanz Regensburg an, profitierte vom erstmals strukturierten Training unter Kurt Ring und dem motivierenden Teamgeist unter den Mannschaftskameraden. Der trieb auch ihre Einzelkarriere steil bergauf, selbst auf den ungewohnt kurzen Mittelstrecken.

Ihre Erfolge auf der Königsdistanz, dem Marathon, stellen alles andere in den Schatten: Im Jahr 2011 gewann sie in einer regelrechten Hitzeschlacht ihren ersten deutschen Meistertitel im Marathon. „Ich habe mein Tempo den Temperaturen angepasst“, erklärt sie ihre damalige Renntaktik. „Ich habe mich einfach durchgekämpft. Es ist meine große Willensausdauer, die mich ins Ziel gebracht hat, während andere aufgegeben haben.“

Dieser enorme Kampfgeist sollte allerdings schon bald auf eine noch viel härtere Probe gestellt werden: Bei den Titelkämpfen im folgenden Jahr geschah das Unvorstellbare: Auf Rang zwei liegend und noch in guter Verfassung, knickte Steffi bei Kilometer 30 mitten auf dem Münchner Marienplatz vor den Augen der Zuschauer um und stürzte auf das Kopfsteinpflaster. Ein doppelter Außenbandriss im Sprunggelenk, wie sich später herausstellen sollte. Doch Steffi stand wieder auf und lief die verbleibenden zwölf Kilometer trotz stärkster Schmerzen ins Ziel. Der Lohn hierfür waren ein dritter Platz in der Einzelwertung und ein erster Platz mit der Frauen-Mannschaft der LG Telis Finanz.

„Wie ferngesteuert“ bis ins Ziel

Statt der Siegerehrung wartete auf sie allerdings das Krankenhaus. „Die Ärzte haben dort nur noch den Kopf geschüttelt. Eigentlich ist so etwas nicht machbar“, berichtet Steffi heute, selbst ein wenig ungläubig. Woher die schier übernatürliche Kraft kam, trotz Bänderriss den Marathon zu beenden, ist ihr selbst ein kleines Rätsel: „Ich war während des Rennens wie ferngesteuert. Ich wollte nur noch weiter.“ Und dennoch machte Steffi darum kein großes Aufsehen. Sie ging unbeirrt ihren Weg, still und besonnen, wie es schon immer ihre Art war. Sie machte ihre vielen kleinen Schritte zu den vielen kleinen, aber manchmal eben auch sehr großen Erfolgen. Mal waren es Rückschritte mit Trainingsausfällen, Verletzungspausen, Überlastungen. Darauf folgten wieder große Fortschritte. Ein Wechselbad der Gefühle. Ein ständiges Auf und Ab zwischen Freud und Leid.

2015 internationale Olympia-Norm

Steffi musste lernen, zu akzeptieren, dass es nicht geradewegs nach oben geht. Dass man Umwege nehmen und auf den eigenen Körper hören muss. Und dass man nur mit einem gewissen Maß an Geduld und Hartnäckigkeit seine Träume verwirklichen kann. Im Jahr 2015 gelang ihr dies beim Frankfurt Marathon mit einer überragenden Bestleistung von 2:41:47 Stunden. Das bedeutete die internationale Olympia-Norm. Eine neue Dimension, in der sie früher nicht zu denken gewagt hatte.

Doch dann wurde es still um Steffi. 2016 ließ sie sportlich nichts von sich hören. „Wenn man einen Marathon läuft, ist es ja normal, dass man danach ein bisschen Probleme hat“, erklärt Steffi heute, „aber nach meinem Riesen-Erfolg in Frankfurt habe ich irgendwie gemerkt: Da stimmt etwas nicht. Diese Schmerzen sind anders.“ Was folgte war eine Leidensgeschichte, die sie durch das Hin und Her, die lange Unsicherheit, stark mitgenommen hat: „Ich bin von Pontius zu Pilatus gerannt, war bei unzähligen Ärzten und es wurde nicht besser.“

Bisher hatte sie doch alle kleinen Problemchen immer irgendwie in den Griff bekommen. Die Fähigkeit, geduldig abzuwarten, bis eine Verletzung wieder vollständig auskuriert war, beherrschte sie irgendwann so gut wie keine andere. „Der Körper zeigt eindeutig, wenn er Ruhe braucht. Du kannst nicht immer draufhauen. Weitertrainieren und den Schmerz ignorieren – diesen Fehler habe ich früher schon zu oft gemacht.“

Neue Wahrheit ändert alles

Aber die Diagnose, die nach ihrer langen Untersuchungs-Odyssee bei den besten Experten auf dem Gebiet der Sportmedizin im September endlich feststand, war auch für Steffi mehr als ein Schock: „Als ich zum ersten Mal die Bilder der Röntgen- und Kernspinaufnahmen gesehen habe, dachte ich nur: Lieber Gott, was ist das?“ Es war kein Überlastungsschaden. Keine vorübergehende Verletzung. „Es handelt sich um eine zwei Zentimeter großen Zyste in meinem Gelenk. Ein irreversibler Hüftschaden. Ein außerordentlicher Befund für mein Alter.“ Niederschmetternde Gewissheit. Schon Goethe sagte: Gegen eine neue Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum. Weiterlaufen und ignorieren geht nicht mehr.

Die Konsequenz, die Steffi daraus ziehen muss, die Entscheidung, die ein Jahr über ihr hing wie ein Damokles-Schwert, der Gedanke daran, loszulassen – all das war nur eine Frage der Zeit. Im Oktober tritt Steffi schließlich bei der Jahresabschlussfeier der LG Telis Finanz vor ihre versammelten Vereinskameraden und spricht das aus, was ihr so lange auf der Seele brennt. Ihre Stimme ist wie immer hell und glockenklar. Sie bricht kein einziges Mal, obwohl man merkt, wie schwer es ihr fällt: Sie wird ihre Karriere beenden. Nach ihren Worten verlässt sie nicht nur die kleine Bühne der LG-Feier sondern auch die große Bühne des Marathon-Trubels. Leise und mit Bedacht, wie es immer ihre Art war. Und so trägt sie nun auch ihren weiterhin andauernden Kampf aus: Im Stillen und ganz mit sich selbst. Ohne Gegnerinnen auf der Strecke.

Welcher Schmerz wiegt mehr?

„Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass ich nicht mehr laufen kann. Oder soll“, korrigiert sich Steffi und gesteht, „manchmal geht es nicht. Dann muss ich die Schuhe anziehen und losrennen. Das klappt ja meistens für ein paar Kilometer. Nur danach bereue ich es eben.“

Es ist ein ständiges Abwägen: Welcher Schmerz wiegt mehr? Der, das Laufen aufzugeben oder der, den die Belastung in der Hüfte verursacht? Aber ganz allein ist sie mit dieser Herausforderung glücklicherweise nicht: Mit ihrem Mann Kris hat sie einen Begleiter, der noch nie von ihrer Seite gewichen ist: „Er hat mir die Jahre so viel Geduld entgegengebracht. Es hat sich so lange alles nur um mich gedreht“, meint Steffi heute rückblickend.

Nun möchte sie etwas von der Zeit zurückgeben, die früher in das anstrengende und aufwändige Training investiert wurde. Missen möchte sie trotzdem keinen Moment: „Es waren unheimlich reiche Jahre, eine sehr emotionale und prägende Zeit. Wenn ich so weit bin, will ganz bestimmt an die Laufstrecken zurückkehren – wenn auch nur als begeisterte Zuschauerin.“ Doch nun braucht sie erst einmal Abstand. Und Geduld. Geduld, um sich in Ruhe und Schritt für Schritt vom Laufen zu verabschieden.

„Ich habe schließlich gelernt, dass ich auf meinen Körper hören muss. So wie ich bei früheren Verletzungen Rücksicht genommen habe, werde ich das auch jetzt tun. So gut es eben geht.“ Aber warum sollte sie das nicht schaffen? Sie wird noch einmal das Unmögliche möglich machen.

Autorin Franziksa Reng ist eine junge aufstrebende Läuferin mit Spaß am Schreiben. Sie berichtet über die Karriere und das Ende einer Teamkollegin – das war der Ansatz für diesen Text aus einem ganz besonderen Blickwinkel.

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Die Karriere von Steffi Volke

  • Grenzen

    Laufen bis zur totalen Erschöpfung, bis zur eigenen Grenze: Auch das gehört zu einer Ausdauersportlerin – wie zum Beispiel bei der Sparkassen-Gala in Regensburg.

  • Erfolg

    Die 40-Jährige, die in Huglfing zuhause ist und für die LG Telis Finanz Regensburg startete, wurde 2011 in Hamburg deutsche Marathon-Meisterin und wiederholte ihren Erfolg 2014 in München

  • Bestzeit

    In 2:41:47 Stunden verbesserte Volke in Frankfurt 2015 als Dritte hinter Lisa Hahner und Mona Stockhecke ihre persönliche Bestzeit von München noch einmal um rund drei Minuten.

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