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LG Telis Finanz
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Leichtathletik

Des Pfliegers neue Olympia-Kleider

Das Feuer in den Augen hat der Regensburger Läufer schon vor Rio in Düsseldorf gesehen. In Sachen EM sieht es schlecht aus.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

So kennt man Philipp Pflieger weniger: Als Modell präsentierte der Regensburger Läufer auf dem Laufsteg die Olympia-Kleidung. Foto: Imago

Regensburg. Philipp Pflieger läuft und läuft und läuft. Er kennt Streckenlängen jeder Art bestens, von 1500 Metern auf der Bahn bis zu den berühmt-berüchtigten 42 195 Marathon-Metern auf der Straße. Er kennt sie gut und er kann sie gut: So gut, wie kaum einer in Deutschland. So gut, dass sich im August mit dann 29 Jahren ein Lebenstraum erfüllt: Pflieger hat sich im Marathon für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifiziert. Und doch gibt es öfter mal was Neues: Die Disziplin Laufsteg kannte der Schwabe, der seit Jahren in der Oberpfalz daheim ist und für die LG Telis Finanz startet, bis Düsseldorf nämlich nicht – und machte als Modell eine gute Figur, als er bei der Präsentation der olympischen Kleidung ein emotionales Vorgeschmäckle bekam.

„Schon bei der Generalprobe liefen viele mit einem breiten Grinsen herum“, sagt Pflieger und formulierte passend zu Olympia: „In den Augen hat man das Feuer gesehen. Als ich die Einladung bekommen hatte, war mir die Tragweite erst nicht bewusst. Das war ja doch ein gewisser elitärer Zirkel von 15 oder 20 Sportlern mit einer Sportartenmischung wie bei Olympia, vom Hockey bis zum Frauenfußball. Ich glaube, ich habe mich auch da für zukünftige Aufgaben qualifiziert.“

Sich qualifizieren – für Philipp Pflieger ist das das Dauerthema. Immer und immer wieder geht es darum. Längst sind nicht mehr nur die Zeiten entscheidend, sondern auch die Interpretation der Daten. Obwohl Pflieger bei seinem ersten vollendeten Marathon in Berlin jene famosen 2:12:50 Stunden abgeliefert und einen ganzen Sonntagvormittag mit im Fokus der ARD-Liveübertragung gestanden hatte, durfte er im Ziel noch lange nicht über die Olympia-Teilnahme jubeln: Das internationale Kriterium war zwar erfüllt, doch laut deutschem Anspruch fehlten damals nach langen 7970 Sekunden (2:12:50 Stunden) eben doch vergleichsweise läppische 35 Sekunden zur Vollzugsmeldung.

Die Anforderung wurde erst drei Monate später abgesenkt – und der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) wehrt sich nach wie vor vehement gegen die Darstellung, das hätte auch nur im Entferntesten damit zu tun, dass Pflieger und auch der Ex-Regensburger Julian Flügel ihre Ansprüche mit Hilfe des Düsseldorfer Anwalts Paul Lambertz eindringlichst formulieren hatten lassen.

Das beste Beispiel: Anja Scherl

Anja Scherl bejubelt am 17.04.2016 beim Marathon in Hamburg nach ihrem Zieleinlauf den dritten Platz. Foto: dpa

Was für Funktionäre von höchster Wichtigkeit sein mag, ist den Läufern in Deutschland schnurzegal: Fakt ist, dass sich die Faktenlage änderte – und damit für etliche Läufer neue Perspektiven eröffnete. Es ist Tatsache, dass sich Philipp Pfliegers Klubkollegin von der LG Telis Finanz Regensburg, Anja Scherl, niemals entschlossen hätte, auch nur den Versuch zu unternehmen, die Norm zu laufen, wäre der Anspruch nicht abgemildert worden. Die voll berufstätige 30-Jährige, die von Ehemann Marco trainiert wird, hatte sich nach Bekanntgabe der ursprünglichen Forderung den Traum von einem Marathon-Auftritt im deutschen Nationaltrikot abgeschminkt und peilte deswegen selbiges zunächst lediglich auf EM-Niveau im Halbmarathon an.

„Schon bei der Generalprobe liefen viele mit einem breiten Grinsen herum.“

Philipp Pflieger

Mit der aktualisierten Lage im Kopf schwenkten die Scherls um, angeheizt auch von einem Klasse-Halbmarathon in Barcelona im Februar, der die EM-Berufung fixierte. Scherl schlug noch ein zweites Mal zu: Mit viel Herz lief sie in Hamburg als Dritte nach 2:27:50 Stunden über die Ziellinie – und damit noch unter der alten, ehemaligen Vorgabe. „Ich wusste schon nach unserem gemeinsamen Trainingslager, dass sie unter 2:30 kein Problem ist. Aber dass sie unter 2:28 bleibt, hätten wohl die wenigsten für realistisch gehalten“, sagt Pflieger.

Der Regensburger sieht damit auch seinen Kampf bestätigt und glaubt an den Effekt der veränderten, kommoderen Ansprüche. „Das war ein Signal an die Athleten. Manch einer hatte es bisher nicht mehr probiert und vielleicht gar seine Karriere beendet, weil er nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, dass er die hohen Normen erreichen kann. Jetzt haben wir eine Situation wie seit 10, 15 Jahren nicht mehr in Deutschland.“

Leidtragender dieser Denke wurde Pfliegers Mitstreiter Julian Flügel, dem Hendrik Pfeiffer auf den letzten Drücker in Düsseldorf den dritten Olympia-Platz hinter Arne Gabius und Pflieger wegschnappte. Auch der erst 23-Jährige unternahm den eigentlich erst für 2017 geplanten Versuch nach der veränderten Zeitenlage spontan und war erfolgreich.

Der nächste Kampf läuft schon. „Wir wollen keine Mauern aufbauen und kommunizieren offen“, sagte Pflieger zu einem Zeitpunkt, als noch nicht klar, wie es in Sachen Nominierung für die Europameisterschaft im Halbmarathon aussieht. Diese ist seit ein paar Tagen raus: Pflieger ist raus und nur Ersatzmann, im Team ist mit Nico Sonnenberg ein Mann, der die Norm – wenn auch nur um eine Sekunde – verpasst hat. Gelitten sind die Regensburger, für die auch ihr Teamchef Kurt Ring seit vielen Jahren unerbittlich streitet, eben nur leidlich.

Gut für Olympia, nicht für die EM

„In der Schweiz zum Beispiel haben die Olympiastarter einen Freifahrtsschein“, sagt Philipp Pflieger. „Da entscheiden die Athleten, ob sie laufen wollen.“ In Deutschland nicht: Hier ist ein Pflieger gut genug für Olympia, aber nicht gut genug für die Europameisterschaft und muss sich jetzt wohl eine andere „adäquate Alternative“ für einen Halbmarathon-Start suchen. Wenn am Ende nicht vielleicht doch alles wieder anders kommt.

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