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Dienstag, 21. November 2017 7

Leichtathletik

Florian Orth platzt der Kragen

Aus Ärger über den Verband setzt der Regensburger Läufer ein deutliches Zeichen. Der Stachel sitzt tief beim LG-Telis-Mann.
von Felix Kronawitter, MZ

Florian Orth verzichtet auf einen Start bei der Hallen-EM. Foto: dpa

Regensburg.Wenn am Sonntag gegen 17 Uhr die 3000-Meter-Läufer bei den Hallen-Europameisterschaften in Belgrad um Medaillen kämpfen, wird Florian Orth die Beine hochlegen und es sich schön gemütlich machen auf der heimischen Couch – und am TV verfolgen, welche Kollegen das Rennen machen. Am Wochenende hätte sich Orth eigentlich selbst das deutsche Nationaltrikot überstreifen sollen. Das Ticket für den Start über die 3000 Meter hätte er eigentlich in der Tasche. Aber Orth verzichtet auf einen Start – aus Protest gegen den eigenen Verband. Ein Novum in der deutschen Leichtathletik.

Orth hatte im Gespräch mit unserem Medienhaus schon unmittelbar nach der Hallen-DM in Leipzig mit dem ungewöhnlichen Schritt geliebäugelt. Der angestaute Frust hat sich jetzt entladen. In einem offenen Brief schreibt sich der Leichtathlet der LG Telis Finanz Regensburg, ein Mann der generell eigentlich mit einem besonnenen Gemüt ausgestattet ist, den Frust von der Seele. Er möchte „für einen Verband, der mir als Athlet weder vertraut, noch meine Leistung respektiert, und ein Land, das mich nach meinem besten Jahr 2016 dank Spitzensportreform sowohl für Trainingslager, Sporthilfe als auch Verdienstausfall in meiner dualen Karriere nicht mehr für förderungswürdig hält, vorerst nicht mehr an den Start gehen“, schreibt Orth.

Der 27-Jährige war in Leipzig Zweiter über 3000 Meter geworden. Trotz internationaler Norm sei ihm vom Bundestrainer gesagt worden, das reiche nicht, er müsse – trotz muskulärerer Probleme – noch einen Leistungsnachweis am nächsten Tag über 1500 Meter erbringen. Dabei sei er im Qualifikationszeitraum zwischen Januar 2016 und 26. Februar 2017 mit 7:51,04 Minuten schnellster Deutscher gewesen. Orth biss auf die Zähne – und lieferte. 3:44,48 Minuten auf 1500 Meter – zwei Hundertstel schneller als die geforderte Zeit. In Belgrad geht er dennoch nicht an den Start.

Reaktionen auf den Fall Orth

  • Kurt Ring, Teamchef LG Telis:

    „Höchsten Respekt vor dieser Entscheidung. Florian Orth ist jetzt der Kragen geplatzt. Er hat das richtige Zeichen gesetzt.“

  • Dr. Clemens Prokop, DLV-Präsident:

    „Der DLV wird versuchen, solche Härtefälle durch eigene Initiativen aufzufangen.“

  • Philipp Pflieger, Olympiateilnehmer LG Telis:

    „Seine Entscheidung ist absolut bemerkenswert. Florian Orth geht es nicht ums Geld, es geht ihm um die Symbolik.“

Verband wehrt sich

DLV-Direktor Idriss Gonschinska kann die Anschuldigungen Orths nicht nachvollziehen. „Wenn man einen Leistungsnachweis einbringt, muss man diesen in einer messbaren Sportart wie der Leichtathletik auch beschreiben“, sagte er in einer Mitteilung des Verbands. Vorrang bei der Nominierung habe grundsätzlich der Meister mit Normerfüllung. Orth sei bekannt gewesen, dass neben der Meisterschaftleistung auch der Saisonverlauf bewertet wird. Der Läufer hatte vor Leipzig kein Hallen-Rennen bestritten.

„Ich weiß nicht, woher ein Verband hier die Arroganz nimmt, härtere Normen und engere Qualifikationszeiträume zu verlangen, wenn er die betreffenden Athleten kaum noch fördert“, sagte Orth und forderte: „Hier muss endlich ein Umdenken im DLV erfolgen.“

Gonschinska wiederum verwies auch darauf, dass der mehrfache deutsche Meister nicht die DLV-Lehrgänge genutzt, sondern dieses Jahr „in der Phase der Hallensaison“ eine Vorbereitung in Südafrika absolviert habe.

Orth sieht erheblichen Gesprächsbedarf mit dem DLV. Doch bisher habe sich niemand bei ihm gemeldet, sagt der LG-Telis-Mann, der sich über die vielen positiven Reaktionen und den überwältigenden Rückhalt nach seinem ungewöhnlichen Schritt freut.

Am Mittwoch hätte er eigentlich mit seinen Nationalmannschaftskollegen im Flieger gen Belgrad sitzen sollen. Doch stattdessen stand beim 27-Jährigen Bohren und Polieren auf dem Programm. Der Zahnmediziner tauscht 20 Stunden in der Woche Laufkleidung gegen Arztkittel und arbeitet in der Praxis seiner Eltern im hessischen Treysa mit.

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Der eigentliche Kern

Kurt Ring zieht den Hut vor Orth. „Höchsten Respekt vor dieser Entscheidung“, sagt der Teamchef der LG Telis. Es sei umso bezeichnender, dass dem „Musterknaben Orth“, der keineswegs ein Revoluzzer sei, jetzt der Kragen geplatzt sei. Ring, stets ein Mann klarer Worte, holt zum Rundumschlag aus. DLV-Sportdirektor Gonschinska habe sich zum eigentlichen Kern der Orthschen Anschuldigungen bislang nicht geäußert, kritisiert er. Der DLV sei ein zahnloser Tiger, der seine eigenen Gestaltungsmöglichkeiten längst verspielt habe und lediglich die Interessen des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) und des Bundesinnenministeriums (BMI) vertrete. Dem DLV rät er, schleunigst das Gespräch mit all jenen Unzufriedenen, die immer mehr werden, zu suchen, anstatt erneut den Oberlehrerzeigefinger zu heben.

Der Stachel sitzt tief bei Orth. Denn seit 2017 ist der Olympiateilnehmer nicht mehr Mitglied des Eliteteams des DLV, sondern „nur noch“ im B-Kader. Auf seinem Verdienstausfall bleibt der beste Bahnläufer von Rio sitzen.

Die Spitzensportreform hinterlässt bei vielen Athleten zwiespältige Gefühle. Mehr Geld wird vom Bund zur Verfügung gestellt, doch nicht alle profitieren davon. Gefördert werden Disziplinen und Athleten, die in Zukunft Medaillen versprechen. Die deutsche Sportförderung orientiert sich ganz gezielt am potenziellen Erfolg. Für das neue Spitzensportkonzept kommen nur noch rund 27 Prozent der Leichtathleten infrage; früher waren es rund 50 Prozent. „Das ist eine höchst unglückliche Entwicklung“, sagt DLV-Präsident Dr. Clemens Prokop. So laufe man Gefahr, viele große Talente langfristig zu verlieren. Der Regensburger kritisiert die Fixerung auf Edelmetall. „Erfolg bemisst sich nicht nur an Medaillen.“ Der DLV werde versuchen, solche Härtefälle durch eigene Initiativen aufzufangen, kündigt Prokop an.

Orth lässt das ganze jetzt erstmal sacken. Seiner siebten EM-Teilnahme zieht er ein „gutes Trainingswochenende vor“. Denn bei der am 11. März stattfindenden Cross-DM gelte es schließlich seinen Einzeltitel zu verteidigen und im Team zusammen mit seinen Telis-Kollegen auch wieder ganz vorne zu landen.

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