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LG Telis Finanz
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Leichtathletik

Maren Kock läuft gegen die Kopfschmerzen

Im Heimspiel bei der Sparkassen-Gala soll die 1500-Meter-Norm für die Regensburger Läuferin fallen: am liebsten für Olympia.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Maren Kock visiert via Heimspiel in Regensburg wieder einen Auftritt im Deutschland-Trikot an: Am liebsten bei Olympia in Rio, mindestens aber bei der EM in Amsterdam. Foto: Sven Hoppe/dpa

Regensburg. Wer in die Damaschke-Apotheke in der Schillerstraße in Lingen geht, dem kann es schon mal passieren, dass er seine Kopfschmerztabletten von Maren Kock über den Ladentisch gereicht bekommt. Die 25-Jährige arbeitet 15 Stunden die Woche als Pharmazeutisch-Technische Assistentin, besser bekannt in der Kurzform PTA. „Das passt. Ich brauche das als Ausgleich“, sagt die Leichtathletin, die seit Jahren das blaue Trikot der LG Telis Finanz Regensburg anzieht und inzwischen auf europäischer Ebene diverse Auftritte hatte.

Um diese Jahreszeit hat eine Läuferin wie Maren Kock selbst immer dieselben Kopfschmerzen. „Ich hoffe, dass die ganze Normenhatz am Sonntag ein Ende hat“, sagt die deutsche Meisterin über 1500 Meter vor ihrem Heimspiel im Hauptprogramm. Das Rennen um 15.30 Uhr ist ein zentraler Punkt der Sparkassen-Gala, aus Regensburger Sicht sogar der zentralste: Beim Heimspiel im Universitätsstadion wird alles dafür getan, dass Maren Kock ihre Ziele erreicht. „Zumindest eine, wenn nicht beide“ Richtwerte will die Läuferin erfüllen: Als da wären 4:09 Minuten für die Europameisterschaft in Amsterdam (6. bis 10. Juli) und eine 4:07 für den Olympiatraum in Rio de Janeiro gut einen Monat später, den sich Lebenspartner Florian Orth im belgischen Oregem gerade erfüllt hat, indem er über 5000 Meter die geforderte Zeit abhakte.

Das hätte es noch nie gegeben

Gelänge der Coup, würde Maren Kock eine Premiere schaffen: Noch nie in der seit 2006 andauernden Gala-Geschichte hat ein Telis-Athlet die Bühne beim Heimspiel dafür nutzen können, um sich auf direktem Weg für eine Großmeisterschaft zu qualifizieren. „Die Form ist da, sie muss es nur umsetzen“, sagt Kurt Ring, der Kocks Trainingspläne macht, die dann zuhause im Emstal ihr Heimtrainer Arno Kosmider überwacht. „Ich weiß, was ich draufhabe“, sagt Kock. „Bis letzte Woche war ich noch total entspannt, aber jetzt wird es langsam Zeit.“

Regensburg ist der fünfte Anlauf der Saison, die geforderte Leistung abzurufen. Herzogenaurach, Ostrava, Dessau und Oregem: Maren Kock lief bis auf den letzten Auftritt in Belgien (4:18), als sie es in der letzten Runde „austrudeln“ ließ, weil die Sollzeit unerreichbar war, stets knapp, aber konstant vorbei. Am knappsten war es in Dessau: „4:09,33 Minuten“ – die Zeit von dort weiß Maren Kock genau. „Es muss eben alles passen“, weiß sie.

In Ostrava hätte es reichen können wie bei Shootingstar Konstanze Klosterhalfen, die in 4:06,91 Minuten auf Platz eins der deutschen Jahresbestenliste stürmte und in Regensburg die 800 Meter in Angriff nimmt. „Aber da hat Maren den Start verschlafen“, sagt Kurt Ring. „Ich wollte vorne mit weg laufen und dann war ich auf einmal hinten“, sagt Kock und machte in 4:12 das Beste draus.

Allzu viele Chancen gibt es nicht. Ein passendes Rennen zu bekommen, ist traditionell auch international schwierig. Maren Kock beobachtet die Szene genau. „In Montbéliard sind sie gerade wieder eine 4:11 gerannt“, sagt sie über den Sieg der Weißrussin Darya Borysevich am Mittwochabend in Frankreich. „Aber das hilft mir ja auch nicht weiter. Am Freitag in Huelva in Spanien sind auch einige Läuferinnen am Start, die eine persönliche Bestzeit von 4:04 haben, aber heuer auch noch nicht schneller als 4:10 waren.“ Kurt Ring meint: „Es tut sich nichts ohne die Überseeläufer in Europa. Doch bis die kommen – wenn sie überhaupt kommen, weil Olympia ja in Südamerika ist – ist alles längst vorbei.“

Harrer und eine Ukrainerin helfen

Also versuchen die Regensburger ihr Schicksal wieder einmal in die eigenen Hände zu nehmen. „Das Rennen machen wir ihr“, sagt Kurt Ring und hat mit angerichtet. Corinna Harrer, die Olympia-Teilnehmerin von 2012 in London, die nach ihrer schweren Achillessehnenverletzung selbst noch nicht so weit für die Rückkehr auf die große Bühne ist, hat sich als Helferin für ihre Klubkameradin anerboten. „600 Meter oder wie weit ihre Kräfte eben reichen, wird sie zur Verfügung stehen“, sagt Kock dankbar. Dazu wurde die Ukrainerin Tamara Tverdostup verpflichtet. „Sie kommt gerade aus Rom und wir hatten Glück, dass sie kein Visum für England bekommen hat, sonst wäre sie nach Birmingham geflogen“, sagt Kurt Ring, dem jedoch nur ein Schmalspur-Etat für derlei Pläne zur Verfügung steht.

Der Kocksche Notplan soll auch ein Notplan bleiben: Denn der nicht unanstrengende einwöchige „Ausflug“ nach Palo Alto in die USA brachte am 1. Mai über 5000 Meter auf Anhieb die EM-Norm. In 15:24,73 Minuten schrammte sie auf dieser Strecke auch nur um 73 Hundertstel an der Norm für die Olympischen Spiele vorbei. „Das war eine tolle Erfahrung, aber auch mit viel Aufwand verbunden“, berichtet Maren Kock über den neuen Weg zum Saisonstart mit ihrem Freund Florian Orth. „Und der Körper muss das auch erst einmal wegstecken. Man verliert dabei ja nicht nur eine Trainingswoche, sondern ist auch danach noch zwei, drei Tage in einem Zustand der Dauer-Müdigkeit“, verweist Kock auf den Zeitunterschied von neun Stunden. „Da hängst du erstmal in den Seilen.“

Nur Schaulaufen für Florian Orth

In den USA hatte es bei Florian Orth über 5000 Meter schlechter geklappt als bei Maren Kock, doch bei dem Telis-Mann klappte dafür der zweite Versuch umso besser. Die 13:23,67 Minuten lagen 1,33 Sekunden unter der Rio-Norm. „Für Flo wird Regensburg nur ein Schaulaufen werden“, sagt Kurt Ring über den dritten Telis-Helden bei Olympia nach den Marathon-Startern Philipp Pflieger und Anja Scherl, die diese Woche zu den ersten Rio-Nominierten gehörten. Pflieger wird bei der Gala gar nicht an der Startlinie stehen, Scherl soll am Samstagmittag nur 5000 Meter im Trainingslauf absolvieren.

Florian Orth steht über 1500 Meter in der Startliste. Doch erstens war in Regensburg über diese Strecke „noch nie ein Rennen schneller als 3:38“ (Ring) und zweitens muss der Zahnarzt auf der Laufbahn seinen 5000-Meter-Erfolg erst noch verdauen. „Ich habe Bilder von ihm nach dem Rennen gesehen, da hat er ausgesehen, als wäre er gerade durchs Mittelmeer geschwommen. Er war ziemlich geschrottet“, berichtet Kurt Ring von seinen Eindrücken, die auch Maren Kock bestätigt. „Die letzten Tage waren für ihn nicht so angenehm.“

Ob Florian Orth es noch einmal versucht, auch über 1500 Meter die Olympia-Norm von 3:36,20 Minuten in Angriff zu nehmen, bleibt offen, ist aber inzwischen eher fraglich. „Ursprünglich wollte Flo ja bei der Europameisterschaft 5000 und bei Olympia 1500 Meter laufen“, sagt Kock. Ein Plan, dem Kurt Ring von Anfang an eher skeptisch gegenüberstand. „Für die 1500 muss man doch ein bisschen anders trainieren als für die 5000.“

EM-Norm ist für Huber möglich

Für das Heimspiel hat Kurt Ring aber noch einen „Geheimfavoriten“, den man noch nicht so gut kennt wie einen Pflieger, eine Harrer, einen Orth, eine Kock oder inzwischen auch eine Scherl. „Benedikt Huber traue ich die 1:46,50 Minuten über 800 Meter zu“, sagt Ring – also jene Zeit, die die Tür für die Europameisterschaft in Amsterdam öffnen würde, wenn Huber sie am Sonntag gegen 15 Uhr laufen könnte. Bisher stehen für ihn heuer die 1:47,49 aus Dessau zu Buche – Platz vier in der deutschen Jahreswertung.

Eine EM-Tür übrigens, durch die mit Franziska Reng eine weitere Telis-Läuferin im Halbmarathon ja auch schon geschritten ist. „Auch sie läuft am Samstag bei der Laufnacht wahrscheinlich die 5000 mit“, sagt Kurt Ring, der angesichts von drei olympischen und schon jetzt vier sicheren EM-Startern der LG Telis Finanz wenig Kopfschmerzen haben muss.

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