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Sport aus Neumarkt
Montag, 19. Februar 2018 5

Reform

Im Neumarkter Tischtennis brodelt es

Der Tischtennissport in Bayern steht vor einer großen Strukturreform. In Neumarkt gefällt das nicht jedem.
von Wolfgang Endlein

Obwohl das deutsche Tischtennis mit Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov (im Bild) Weltklasse-Spieler hat, kämpft der Sport in Deutschland mit seinem Dasein als Randsportart. Foto: Hartmann/dpa

Neumarkt.164 Millionen aktive Tischtennisspieler gibt es laut dem Deutschen Tischtennis-Bund weltweit. Zu den drei Besten dieser Millionen gehören zwei Deutsche. Dimitrij Ovtscharov ist die Nummer eins der Weltrangliste, Timo Boll die Nummer drei. Das Paradoxe daran: So sehr das deutsche Tischtennis an der Spitze stark ist, so sehr hat es an der Basis zu kämpfen.

„Wir sind überaltert“, sagt Kreissportwart Thomas Nagler über die Sportler im Tischtennis-Kreis Neumarkt. Aber auch in anderen Kreisen in Bayern sieht es nicht besser aus. Meist sogar schlechter. Die Konsequenz: Die Zahl der Aktiven geht ebenso zurück wie die der Vereine.

Timo Boll ist der zweite deutsche Spieler in der absoluten Weltspitze. Foto: Gilli

Darauf reagiert der Bayerische Tischtennis-Bund (BTTV) nun mit einer großen Gebietsreform. An ihr entzünden sich heiße Diskussionen in der Tischtennis-Szene. An der Neustrukturierung werden diese aber nichts mehr ändern. Die Reform wird kommen. Das hat ein außerordentlicher Verbandstag in Amberg vergangenes Jahr beschlossen. Voraussichtlich im Mai wird sich der Kreis Neumarkt wie alle anderen 62 Kreise in Bayern auflösen und in 16 neu zusammengestellten Bezirken aufgehen. Neumarkt wird dann mit Regensburg, Kelheim und Cham den Bezirk 13 bilden.

Verband ist überzeugt

„Die Strukturreform ist ein wichtiger Schritt, um unseren Verband und um unsere Sportart in eine gute Zukunft zu führen“, sagte BTTV-Präsident Konrad Grillmeyer damals in Amberg. „Die bisherigen Kreise sind sehr unterschiedlich aufgestellt, mancherorts kämpfen sie ums Überleben.“ Beispielsweise in Kelheim, wie der Neumarkter Kreisvorsitzende Willi Wudi aus Berching erklärt. Durch das Zusammenführen mit anderen, teils noch besser aufgestellten Kreisen wie Neumarkt sollen die im Kreis Kelheim verbliebenen Vereine weiter am Leben gehalten werden.

Willi Wudi ist demnächst sein Amt los: Noch ist er der Kreisvorsitzende im bald aufgelösten Tischtennis-Kreis Neumarkt. Foto: Scheibl

Das Vorhaben könnte aber auch nach hinten losgehen, befürchtet Thomas Nagler. Dann nämlich, wenn die Anfahrtswege zu den Spielen für die Aktiven deutlich weiter werden. „Es ist das Hauptthema, das ich zu hören bekommen, wenn es um die Reform geht“, sagt Nagler, der weiter erklärt: Viele ältere Spieler hätten ihm schon gesagt, dass sie nicht bereit wären, unter der Woche weite Anreisen zu Spielen am späten Abend auf sich zu nehmen. Angesichts der großen Anzahl an älteren Spielern in den Tischtennis-Teams befürchtet Nagler, dass noch mehr Mannschaften wegbrechen könnten.

Zahlenmäßig steht das Tischtennis im Vergleich mit anderen Sportarten in Deutschland eigentlich nicht so schlecht da:

Randsportart Tischtennis im Vergleich

  • Vergleich:

    Tischtennis hat in Deutschland mit Problemen zu kämpfen und wird oftmals als Randsportart bezeichnet. Dabei können sich die Mitgliederzahlen des Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) im Vergleich mit anderen deutschen Spitzensportverbänden durchaus sehen lassen.

  • Mitgliederzahlen:

    Der Deutsche Tischtennis-Bund lässt im Mitgliederzahlen-Ranking der im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) vertretenden deutschen Sitzensportverbände nämlich einige in der Öffentlichkeit wesentlich präsentere Sportarten hinter sich.

  • Ranking:

    553 443 Mitglieder hat der DTTB laut Zahlen des DOSB. Damit ist er der zwölftgrößte Spitzensportverband in Deutschland. Der Deutsche Basketball Bund (DBB) beispielsweise hat dagegen nur 203 028 Mitglieder. Ski (547 173), Volleyball (411 579) und Radfahrer (139 350) lässt Tischtennis ebenfalls hinter sich. Besonders krass fällt der Unterschied von öffentlicher Wahrnehmung und Mitgliederzahlen im Verband beim Vergleich mit dem Deutschen Eishockey Bund (DEB) aus. Dieser hat 25 757 Mitglieder. Eishockey findet sich aber unwesentlich einfacher auf dem Fernsehbildschirm als Tischtennismatches.

  • Schrumpfen:

    Die Zahlen des DOSB bestätigen aber auch, dass der DTTB schrumpft. Von 2016 zu 2017 ging die Zahl der Mitglieder um 7200 Mitglieder zurück. Ein interessanter, wenn auch eigentlich unstatthafter Vergleich ist der mit dem Krösus unter den deutschen Spitzenspotverbänden: dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). 2016 hatte dieser 6,9 Millionen Mitglieder. 2017 legte er um 74 500 Mitglieder zu.

Tatsächlich ist das Thema der möglicherweise längeren Wege das große in Gesprächen mit einigen Abteilungsleitern aus dem Kreis Neumarkt. „Das ist ein Riesennachteil im Breitensport“, sagt beispielsweise Hubert Blank vom TSV Wolfstein, der die Reform kritisch sieht. Ähnlich geht es Reinhard Köhler vom Henger SV. „Der neue Bezirk ist ein Schlauch“, beschreibt er die Form des neuen Bezirks. „Alle Fahrten wären dadurch weiter für uns.“ Die Randlage des HSV hat den Abteilungsleiter schon bewogen, den Antrag auf einen Wechsel nach Mittelfranken zu stellen. Ein erster Antrag sei aufgrund einer verpassten Frist gescheitert, der neue werde derzeit geprüft, erklärt Köhler, der nicht aufgeben will: „Wir werden so lange Anträge stellen, bis wir wechseln dürfen“.

Doch es gibt auch manche, die die Hoffnung haben, dass sich die Reform für die Vereine aus dem dann ehemaligen Neumarkter Kreis nicht so dramatisch auswirkt. Da es in den Neumarkter Kreisligen und Kreisklassen verhältnismäßig viele Teams gibt, könnten sich die Nachfolgeligen vor allem aus diesen Teams zusammensetzen und dadurch eine Häufung von weiten Anfahrten vermieden werden. Stefan Hoffmann vom ASV Neumarkt sagt: „Vielleicht relativiert sich ja alles und wir müssen nicht nach Regensburg fahren“. Noch steht die Ligeneinteilung auf Bezirksebene allerdings nicht fest.

Die Probleme des Tischtennis

Doch so stark die Vereine im Kreis Neumarkt im Vergleich zu Kreisen wie Kelheim momentan noch aufgestellt sein mögen, die grundsätzliche Entwicklung geht auch an ihnen nicht vorbei. Und die ist für Willi Wudi klar: „Das Tischtennis in Bayern ist rückläufig“. Auch im Kreis Neumarkt seien Vereine wie Mühlhausen, Dietfurt oder Sengenthal verschwunden, die Aktivenzahlen rückläufig.

Für den Kreisvorsitzenden steht daher eines fest: „Es muss etwas geschehen“. Ob aber die Strukturreform dabei der richtige Schritt ist, da ist sich Wudi auch nicht sicher. „Veränderung bringt es, aber ob auch ein positiver Effekt erzielt wird, wird sich zeigen.“

Auch Kreissportwart Nagler sieht Veränderungen als nötig an. Aber dass die Reform die grundlegenden Probleme des Tischtennissports in Deutschland – große Konkurrenz an anderen Freizeitaktivitäten und geringe Medienpräsenz insbesondere im Fernsehen – ändern kann, glaubt er nicht.

Nagler will im neuen Bezirk keine Funktionärstätigkeit mehr übernehmen. „Mit dem Kreis konnte ich mich identifizieren.“ Bei einem Bezirk, der sich bis nach Cham erstrecke, sei das nicht mehr der Fall. „Ich war bislang für 17 Vereine und 700 Aktive zuständig. Ich bin gespannt, wie das sicher kleinere Gremium an Funktionären das künftig mit 96 Teams und rund 2000 Spieler im neuen Bezirk umsetzt“, sagt Nagler, der künftig das Spielerdasein genießen will.

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