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Sport aus Regensburg
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Ringen

600 Kämpfe auf der Ringermatte

Stefan Höpfl wurde 1984 beim 1. AC Regensburg vorstellig. 33 Jahre später kämpft der ehemalige Zweitliga-Ringer noch immer.
Von Birgit Pinzer, Mz

Kraft, Ausdauer, Technik und Taktik gehören zu den vier Ringertugenden: Stefan Höpfl im roten ACR-Dress in AktionFotos: Brüssel

Regensburg.Stefan Höpfls Ohren sehen aus, wie man sich die Ohren eines Mannes in seinem Alter vorstellt. Stinknormale Ohren eben. Das ist allerdings bemerkenswert, denn Stefan Höpfl ringt – und das schon sehr lange und gut. Am neunten Kampftag der Landesliga Süd bestritt der Regensburger den 600. Kampf seines Lebens. Dafür wurde der 40-Jährige von seinem Verein, dem 1. AC Regensburg geehrt. Als Auszeichnung gab’s einen kleinen Pokal mit Gravur.

Der Dauerbrenner: Stefan Höpfl ist seit 33 Jahren beim ACR – und will erst in Ringer-Rente gehen, wenn es in seiner Gewichtsklasse adäquaten Ersatz gibt. Foto: Brüssel

Höpfl lacht, kommt das Thema auf die Ohren. Er hört das öfter. „Ringer-Ohren“ oder etwas despektierlicher „Blumenkohl-Ohren“, wird die deformierte Form genannt, die entsteht, wenn das Knorpelgewebe durch Hämatome beschädigt wird. Das passiert, wenn man häufig was auf die Ohren bekommt oder auch mal mit den Ohren über die Matte schleift. Kein Alleinstellungsmerkmal der Ringer. Judoka oder Boxer kennen das auch. Alle Kämpfer tragen das Merkmal mit Fassung, viele mit Stolz.

Talent beim Raufen erkannt

600 Kämpfe, das ist eine Marke, die nur jemand erreichen kann, der früh beginnt. Höpfl wurde 1984 an der Hand seines Vaters beim 1. Athletenclub Regensburg vorstellig. Sieben Jahre jung, unter 30 Kilogramm schwer. Ein Onkel, selbst Mitglied in der Vorstandschaft eines Ringervereins in der Nähe von Passau, wies Höpfls Eltern darauf hin, dass „der Bursche vielleicht Geschick hat“. Erkannt hatte er es, als er Höpfl beim Raufen mit seinen Cousins auf der Wiese zusah.

Der Onkel hatte recht und Stefan Höpfl ist dabeigeblieben. Auch wenn er in seinem ersten Jahr noch gar nicht kämpfen durfte: zu jung und zu leicht. Spaß hat’s trotzdem gemacht und macht es auch heute noch.

Zwei Highlights seiner sportlichen Karriere möchte er nicht missen. Als es den Polizeibeamten beruflich nach München verschlug, durfte er Bundesliga-Luft schnuppern. 2012 und 2013 kämpfte er für den Zweitligisten SC Isaria Unterföhring. „Das war schon nochmal etwas Besonderes, ich war ja schon über 35 Jahre“, sagt er. Vergangenes Jahr gewann er bei den German Masters in Freising in der Altersklasse 35 bis 40 den deutschen Meistertitel im griechisch/römischen Stil sowie Bronze im Freistil in der Gewichtsklasse bis 85 Kilogramm.

Mittlerweile kämpft Höpfl in der 98-Kilogramm-Klasse fast ausschließlich griechisch/römisch und bildet zusammen mit dem 44-jährigen Robert Heinrich das Altmeister-Duo in der Mannschaft von Trainer Andreas Rieger. „Es ist schon so, dass man in dem Alter ein Vorbild ist. Und das bin ich auch gerne“, sagt Höpfl. Der ACR hat seine Jugend geprägt, die Turniere, die Kämpfe, Ringerfreizeiten – da gibt man gerne auch etwas an den Verein zurück.

Der Älteste: Robert Heinrich kämpft in der Gewichtsklasse 130 kg – ein Bär von einem Mann und mittlerweile 44 Jahre alt. Foto: Brüssel

Mit dieser Einstellung ist es wohl auch fast eine Selbstverständlichkeit, dass Stefan Höpfl – sofern es seine Verpflichtungen zulassen – versucht, so oft wie möglich vor dem Trainingsbeginn der ersten Mannschaft da zu sein, nämlich dann, wenn den Kindern von Falk Riebschläger das Ringer-ABC beigebracht wird.

Dann wurrlt es in der Halle. 25 Kinder sind es immer, oft stehen 40 auf der Matte. „Das heißt, dass im Zweifelsfall 20 Pärchen auf der Matte ringen, da ist es gut, wenn mehr Augen draufschauen“, sagt Höpfl. Außerdem steigert es natürlich den Ehrgeiz der jungen Kämpfer, wenn sich Kämpfer der ersten Mannschaft für sie interessieren.

Momentan läuft es sehr gut, die kontinuierliche Jugendarbeit zahlt sich langsam aus.

Die Jugend fegt so ziemlich alles weg, was gegen sie auf die Matte kommt, die Schüler wurden deutscher Vizemannschaftsmeister. Dass solche Erfolge möglich sein können, das hätte vor einigen Jahren wohl kaum jemand geglaubt, denn der Athletenclub musste auch schon eine Durststrecke überstehen.

Der Trainer: Andreas Rieger (50) betreut seit 15 Jahren die 1. Mannschaft des ACR, seit 44 Jahren ist der Regensburger Vereinsmitglied. Foto: Brüssel

Profitiert hat der ACR auch von dem Flüchtlingsstrom, der 2015 nach Deutschland kam. Höpfl erzählt es völlig unaufgeregt: Erwachsene, aber auch junge, unbegleitete Flüchtlinge haben bei den Regensburger Ringern einen Anlaufpunkt gefunden. Ringen hat in Ländern wie Afghanistan, dem Irak oder Syrien eine große Tradition und zählt zu den populärsten Sportarten. „Ich will jetzt nicht sagen, dass der ACR für alle Familie ist oder sein kann. Das wäre vielleicht zu viel. Aber der ACR gibt Halt, Ordnung und sorgt für Zeitvertreib“, sagt Höpfl. Dies Integration verschiedener Nationen klappt jedenfalls – einfach deswegen, weil sie alle eines verbindet: die Leidenschaft für das Ringen.

Das bestätigt auch Andreas Rieger, Coach der ersten Mannschaft. Im Training wird Deutsch gesprochen, „zwei haben noch Sprachprobleme, aber verstehen tun alle, was ich sage“.

Rieger hat ein Luxusproblem

Mittlerweile hat Rieger sogar oftmals „ein Luxusproblem“, wie er sagt. Es bieten sich so viele Möglichkeiten an, dass der 50-Jährige im Abschlusstraining auskämpfen lässt, wer zum nächsten Ligakampf mitdarf.

Dass die Truppe gut ist, beweist auch die Tabelle. Stefan Höpfl absolvierte seinen 600. Kampf beim 24:8-Erfolg der Regensburger gegen den TSV Kottern. Mit 18:0 Punkten sind die Oberpfälzer bislang ungeschlagener Spitzenreiter der Landesliga und halten somit weiter Kurs auf den Staffelsieg, der zu den Aufstiegskämpfen in die Bayernliga berechtigen würde. Tabellenführer in der Landesliga Nord ist derzeit übrigens der ATSV Kelheim, mit dem man dann sich dann wohl auseinandersetzen müsste. Ein Derby der Vereine wäre etwas Besonderes in der Region. Höpfl und Rieger bleiben unisono bei dem Thema gelassen: „Es sieht gut aus. Natürlich wäre das schon ein Traum, aber noch ist nichts in trockenen Tüchern.“

Der Jüngste: Mohamed Kartojew (57 Kilogram) ist mit 14 Jahren der Benjamin der ersten Mannschaft: Foto: Brüssel

Also – ein Schritt nach dem anderen, beim 1. AC Regensburg wird erst einmal weiter mit Freude und Leidenschaft um jeden Sieg gerungen. Und auch Stefan Höpfl packt noch einige Kämpfe auf seine Marke drauf.

Apropos: Dass er an seinen Ohren nicht als Ringer zu erkennen ist, hat einen einfachen Grund: Höpfl setzt, wenn er es für nötig hält, bei den Kämpfen Ohrenschützer auf.

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