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Fussball

Ali Odabas vertraut auf Wunderheiler

Trotz eines Totalschadens im Knie verzichtet der Jahn-Mann auf eine OP. Und wählt einen ungewöhnlichen Weg im Profifußball.
von Felix Kronawitter, MZ

Ali Odabas will in der Rückrunde wieder durchstarten. Foto: Würthele

Regensburg.Mit bandagiertem Knie und auf Krücken kommt Ali Odabas in das Behandlungszimmer. Im Knie des Fußballers ist so ziemlich alles kaputt, was kaputt gehen kann: Das Kreuzband ist gerissen, Meniskus und Bänder hat es ebenfalls erwischt. Mit schmerzverzehrtem Gesicht beobachtet er den Therapeuten Mohamed Khalifa, wie der sein lädiertes Knie mit seinen robusten Fingern malträtiert. Nach 75 Minuten ist die Schinderei vorbei – und der Spieler des SSV Jahn Regensburg verlässt die Praxis – flotten Schrittes, und das ganz ohne Hilfsmittel.

Seinen Besuch in der Praxis des „Wunderheilers“ Mohamed Khalifa im Juli vergangenen Jahres wird Ali Odabas nicht so schnell vergessen. „Es war relativ schmerzhaft“, fasst der 23-Jährige den Besuch kurz und knapp zusammen. „Nach der Behandlung forderte mich Khalifa auf, aufzustehen und normal zu laufen. Dann ließ er mich noch auf dem verletzten Bein hüpfen. Da war ich anfangs entsprechend skeptisch – aber es funktionierte“, erzählt Odabas mit einem Schmunzeln im Gesicht über seinen ungewöhnlichen Behandlungsweg.

Niederschmetternde Diagnose

Verletzt sich ein Profifußballer am Knie, landet der Leidtragende meist schon am Tag darauf auf dem OP-Tisch. Odabas hat einen anderen Weg gewählt – und auf den „Wunderheiler aus Salzburg“ vertraut, der schon so manchem Star wieder Flügel verleihte. In der Saisonvorbereitung hatte sich der Defensivmann des Fußball-Drittligisten in einem Testspiel gegen den ungarischen Zweitligisten FC Sopron die schwere Verletzung zugezogen. Bei der niederschmetternden Diagnose musste der Deutsch-Türke erst mal schlucken. „Das war für mich ein Weltuntergang. Ich war in Topform, die Vorbereitung ist super gelaufen – und dann das. Ich war am Ende und hatte nur noch eine Operation und acht, neun Monate Reha im Kopf“, gibt Odabas Einblick in seine damalige Gefühlswelt.

Für Odabas gab es nur ein Ziel: So schnell wie möglich auf den Platz zurückzukehren. Da kam es ihm zupass, dass ihm der Klub um Geschäftsführer Christian Keller auch eine andere Behandlungsmethode aufzeigte. „Es obliegt immer dem Spieler, welchen Weg er letztendlich wählt“, sagt Keller, der Khalifa bereits seit über einem Jahrzehnt kennt. „Er hat sich darauf spezialisiert, solch schwere Knieverletzungen auf anderem Wege zu therapieren. Manche stehen dem skeptisch gegenüber, andere schwören darauf.“ Doch Odabas war gleich recht angetan von der Chance, vielleicht doch um eine OP herumzukommen. „Ich habe mich informiert über die Methode und schnell dafür entschieden“, sagt Odabas. Vom Klub gab es volle Rückendeckung: „Wir haben Ali mitgeteilt, dass wir als SSV Jahn komplett dahinter stehen, wenn er die Chance nutzen will, nach vier Monaten schon wieder im Mannschaftstraining zu stehen.“

Teamkollegen sind verdutzt

Geschäftsführer Keller selbst begleitete Odabas nach Salzburg. Auf dem Rückweg machte das Duo noch Halt auf einem Dorf in der Nähe der Mozartstadt. Denn dort liegt die einzige Apotheke, in der die „Khalifa-Salbe“, eine spezielle Wärmesalbe, zu erwerben ist. Mit ausreichend „Wundermittel“ und einem detailierten Rehabilitationsprogramm im Gepäck, ging es wieder zurück in die Domstadt. Und am nächsten Tag staunte so mancher Teamkollege, als Odabas – ohne Krücken, dafür aber mit Laufschuhen – am Trainingsgelände auftauchte. „Ich sollte gleich 20 Minuten laufen gehen. Das hat funktioniert“, erzählt Odabas, den die damaligen Reaktionen seiner Mitspieler noch heute amüsieren.

„Heilen statt reparieren“, lautet das Motto von Mohamed Khalifa, der Interview-Anfragen kategorisch abblockt. Der gebürtiger Ägypter gilt als Pionier der alternativen Heilkunde. Ein gerissenes Kreuzband wächst demnach durch Khalifas Behandlung aus Bindegewebsmaterial neu heran. Beschleunigt werden soll der Heilungsprozess durch „elektro-magnetische Signale“, ausgelöst durch den Druck seiner Hände.

Odabas ist nicht der erste Sportler in Diensten eines ostbayerischen Klubs, der auf die Khalifa-Methode vertraut. Auch Judoka des TSV Abensberg waren schon auf Stippvisite in Österreich – und auch beim deutschen Rekordmeister ist man ganz getan.

Teamarzt rät zur Operation

Vielen Medizinern stockt dagegen der Atem, wenn sie von Khalifas angeblichen Wundern hören. „Schulmediziner bevorzugen in der Regel andere Behandlungsmethoden“, weiß Keller. Aber die Therapie sei im Verein ensprechend abgestimmt gewesen. Der schnelle Heilungsprozess sei nur dadurch möglich gewesen, weil Teamarzt Dr. Andreas Harlass-Neuking und das Physio-Team um Wolfgang Brummer ihn alle auf seinem Weg unterstützt hätten – und das trotz Bauchschmerzen.

„Wir haben uns letztendlich für eine konservative Behandlung entschieden. Und damit kommt er bisher gut zurecht“, erklärt Harlass-Neuking, der aber keinen Hehl daraus macht, dass er einen anderen Weg präferiert hatte. „Bei dieser schweren Verletzung habe ich erst zu einer operativen Versorgung geraten, da die Erfolgsquote entsprechend hoch ist.“

BFV-Verbandsarzt Dr. Werner Krutsch kann seinem Kollegen da nur zustimmen: „Wenn ein Kreuzband komplett reißt, dann gehst du als Profi-Fußballer mit einer OP auf Nummer sicher.“ Bevor die Schwellung des lädierten Knie ihren Höhepunkt erreiche, würden sich die meisten daher innerhalb von 48 Stunden einer Operation unterziehen. „In der Regel kehren Fußballer aus Bundesliga und 2. Liga dann nach rund neun Monaten wieder zurück – statistisch gesehen. Nicht, wie die meisten glauben, bereits nach einem halben Jahr“, erklärt Krutsch.

Ungewohnt komfortable Situation

Mit dem Heilungsverlauf bei Ali Odabas ist Harlass-Neuking zufrieden: Odabas habe Glück gehabt. Denn in der Regel vernarbe ein Kreuzband nur bei knapp 20 Prozent der Patienten ordentlich. Eine konservative Behandlung sei schon eine Gratwanderung, meint Harlass-Neuking, den die Untersuchungen aber positiv stimmen.

Odabas wurde aber bewusst ganz langsam wieder herangeführt. Seit Mitte November, exakt vier Monate nach seiner schweren Knieverletzung, mischt der Abwehrspieler wieder im Mannschaftstraining mit – und brennt seither auf sein Comeback in einem Pflichtspiel. Im letzten Heimspiel im Fußballjahr 2016 gegen Preußen Münster hatte der junge Abwehrmann sogar schon wieder auf der Regensburger Ersatzbank Platz genommen. „Für einen Kurzeinsatz hat es leider nicht gereicht“, sagt Odabas, der in der Rückrunde aber jetzt so richtig durchstarten will.

Heute noch der gefeierte Star, morgen schon auf dem Abstellgleis: Von diesem Dilemma können viele Fußballprofis ein Lied von singen. Um seine Zukunft braucht sich Odabas aber nicht sorgen. Denn in den Planungen des SSV Jahn Regensburg spielt er weiter eine tragende Rolle. Seine missliche Lage bescherte ihm dabei sogar eine für Profigeschäft ungewohnt komfortable Situation: „Ali kann seinen Vertrag selbst verlängern“, verrät Geschäftsführer Keller. Den zum Saisonende auslaufenden Kontrakt dürfe er jederzeit um eine weitere Spielzeit verlängern. „Ali ist ein wichtiger Mann für uns – sportlich wie menschlich“, lobt Keller seinen Schützling, der zuletzt in Testspielen Spielpraxis sammelte, sich schon bald seinen Stammplatz wieder zurückerobern will – und hofft, dass das Knie auch hält.

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