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Sport aus Regensburg
Donnerstag, 29. September 2016 24° 2

Sportmedizin

Das Geheimnis von Eders heilenden Händen

Nationalmannschafts-Physiotherapeut Klaus Eder erklärt im MZ-Interview, wie und warum seine „Blitzheilungen“ funktionieren.

Es hilft fast immer, wenn Klaus Eder auf dem Fußballfeld bei den Nationalspielern Hand anlegt. Foto: Jonas Güttler/dpa

Regensburg.Klaus Eder, Sie haben in Washington einen Preis erhalten. Dabei geht es um die faszinierende Welt der Faszien. Die Faszie ist so etwas wie eine Neu-Entdeckung.

Klaus Eder: Bei uns in der Physiotherapie haben die Faszien schon immer eine große Rolle gespielt. Gerade unsere Alt-Lehrmeisterin Ida Rolf ist da ein Beispiel. Nach ihr ist ein Teil der Faszientherapie benannt: Das Rolfing kennen viele Patienten und haben es in schmerzhafter Erinnerung. Die Faszien sind erst in den vergangenen Jahren in den Fokus der Wissenschaft geraten, weil man festgestellt hat, dass Patienten sogar an einer Fasziitis versterben können. Da ist man plötzlich wach geworden. Das Interesse ist für uns Physiotherapeuten von Vorteil.

Adelt es die Physiotherapeuten ein wenig, von der Bedeutung schon immer gewusst zu haben, teils sogar vor den Ärzten, die das gar nicht so wahrgenommen haben?

Genau. Wir haben das empirisch gemacht und nicht genau gewusst, warum es funktioniert. Aber es hat halt funktioniert. Die Wissenschaftler haben jetzt mehr herausgefunden. Da muss man Professor Mense von der Uni Heidelberg hervorheben und Dr. Robert Schleip, zu dem ich immer sage, dass er die personifizierte Faszie ist. Die beiden haben ihr ganzes Leben der Faszie geopfert und sie richtig durchleuchtet. Das Entscheidende ist, dass man jetzt sagt, dass die Faszie ein alles mit allem verbindendes Element ist.

Was bedeutet das?

Sie haben eine ganz wichtige Transportfunktion. Sie transportieren Sauerstoff, Abwehrzellen und Erkennungsmoleküle, damit die Zellen untereinander kommunizieren können. Sie transportieren sogenannte Integrine, die so etwas wie Türsteher vor der Disko sind, die sagen, du darfst rein in die Zelle und du nicht. Wenn der Transportmechanismus nicht mehr gewährleistet ist, ist das Gebiet der Degeneration ausgeliefert und bei uns im Sport wird das Verletzungsrisiko schlagartig erhöht, weil das Gebiet nicht mehr richtig ver- und entsorgt wird. Die Faszien bilden auch die Röhren und Tunnel und Straßen für die Transportwege. Leider haben sie die permanente Eigenschaft, sich zu verkleben und zu verkürzen und nur eine zeitlich begrenzte Elastizität. Darum ist es wichtig, sie zu korrigieren und zu bewegen. Wir sind zum Beispiel bei der Fußball-Nationalmannschaft nicht deswegen vier Physiotherapeuten, weil wir so viele Verletzte haben, sondern sehr viel präventiv arbeiten.

Neu ist, dass die Zellen kommunizieren.

Professor Mense hat es auf den Punkt gebracht: Als junger Anatomer hat er die Faszien alle weggeschnitten, weil es den Blick auf die Muskulatur getrübt hat. Heute zerlegt er sie in die kleinsten Einzelteile und man unterscheidet in viele verschiedene Typen.

Das hört sich so wissenschaftlich an, dabei betrifft das eigentlich jeden, oder? Und was kann jeder für sich machen?

Alles, was Menschen in Bewegung bringt, ist gut für die Faszien, für die Durchblutung, für die Wege, die Faszien brauchen, um Sauerstoff an- und Schlackstoffe abzutransportieren. Eine Ida Rolf ist weit über 90 geworden und hat sich bis in die letzten Tage gestretcht und mobilisiert. Es gibt inzwischen genügend ältere Leute mit 80 oder 90, die noch Golf spielen. Die machen aber auch jeden Tag etwas.

Die deutsche Sportwelt feiert Klaus Eder

Es geht darum, in Bewegung zu bleiben, dann sind die Faszien also glücklich?

Es geht darum, dass die Wasserpumpe im Körper funktioniert, dass das Blut in den letzten Winkel des Körpers reingepumpt wird. Wenn ich den ganzen Tag sitze, muss ich mich nicht wundern, wenn ich mit 50 einen Hüftschaden habe und der operiert werden muss. Würde man frühzeitig präventiv arbeiten, würden wahrscheinlich vielen Patienten Operationen erspart bleiben. Wobei man ehrlich sagen muss, dass es immer Leute gibt, bei denen das ohne großen Effekt bleibt.

Den Preis in den USA gab es jetzt für eine Pioniertätigkeit in der Faszienwelt. Was macht ein Klaus Eder anders als andere? Oder schon länger als andere?

Wir haben den Ball frühzeitig von Leuten aufgenommen, die vor x Jahren schon den Zusammenhang zwischen inneren Organen und der Bindegewebsmassage hergestellt haben. Wir haben versucht, diese Techniken gleich in der Sport-Physiotherapie anzuwenden, gerade bei frischen Verletzungen. Da liegt ein Spieler auf dem Platz, hat sich den Knöchel verstaucht und da zieht es eben die Faszien aus der Knöchelhaut raus. Dann wundern sich die meisten, wenn er daliegt und jeder denkt, der stirbt jeden Moment, und dann kommen der Eder und der Müller-Wohlfahrt, machen irgendwelche rituellen Handlungen – und der springt auf und macht weiter. Da sagt mancher: Das ist doch alles nur Show und die zwei wollen sich bloß im Fernsehen in Szene setzen. Aber wenn wir die Strukturen sofort auf dem Platz repositionieren, also Band oder Sehne wieder reindrücken, dann ist das korrigiert und er steht auf und läuft weiter.

Das ist das gleiche Prinzip wie einen Knochen einzurenken?

Genau.

Aber was raussteht, sieht ein Normalmensch nicht so gut, oder?

Nein. Man drückt das mit dem Daumen zurück oder streicht die Faszie wieder gerade oder renkt auch mal richtig ein und zieht am Gelenk an, dass es wieder ins seinen geometrischen Mittelpunkt zurückkommt. Das macht man noch auf dem Platz.

Das sind dann also die Wunderheilungen.

In Anführungszeichen. Für uns ist das nachvollziehbar. Auch auf Kongressen müssen wir uns immer rechtfertigen deswegen. Das war auch in Washington mein Thema: Die Bedeutung der Faszien im Fußball. Dass es darum geht, präventiv zu arbeiten, auf die Wirkung der Faszien hinzuweisen. Und immer wieder: Warum funktioniert das so schnell? Warum hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schon seit Jahren bei großen Turnieren keinen Spieler nach Hause schicken müssen, weil er verletzt ist? Außer Marco Reus vor der WM.

Manchmal kann man eben auch nichts mehr machen. Es gibt auch äußere Einwirkungen, bei denen Schluss ist.

Man darf es auch nicht überbewerten. Es ein gutes Instrumentarium, aber nicht das allein Seligmachende. Momentan herrscht ein Riesenhype um das Bindegewebe und die Faszien. Für uns ist es eigentlich nichts Neues, aber es ist wichtig, dass es in den Fokus der Wissenschaft geraten ist, weil man unsere Therapie ganz anders dokumentieren kann.

Wenn ein Europäer einen Preis in den USA kriegt, ist das etwas Besonderes.

Absolut. Die Amis teilen sich das ja sehr gerne untereinander auf. Aber wenn es speziell um Fußball geht – und ich bin ja doch seit beinahe 30 Jahren beim Deutschen Fußball-Bund – hat eventuell auch Jürgen Klinsmann (der ehemalige Bundestrainer und jetztige US-Coach, d. Red.) seinen Einfluss geltend gemacht. Das könnte ich mir zumindest vorstellen.

Hat so ein Preis persönliche Bedeutung?

Ich fürchte, dass es nicht ein Tribut an das Können, sondern an das Alter ist (lacht). Ich habe die goldene Ehrennadel vom bayerischen Sportärzteverband bekommen, bin Ehrenbürger geworden in Donaustauf, bin bei der MZ Sportler-Gala für mein Lebenswerk ausgezeichnet worden und jetzt auch noch als Faszien-Pionier in den USA: Das heißt langsam: Eder, es reicht!

Es verändert sich viel in den Methoden, man hat sie erlebt und mitgestaltet.

Man kann den jungen Kollegen zeigen, wie es geht. Aber dieses Listening, wie die Amerikaner das bezeichnen, das Hineinhorchen mit den Fingern, das ist Erfahrung. Es gibt Faszien, die bieten festen Widerstand, andere sind von Haus aus schon weich.

Ist es mehr Erfahrung oder mehr Gespür?

Ohne perfekte anatomische Kenntnisse kann man gar nix machen.

Gibt es in Ihrem Metier auch wie im Fußball Talente, die sofort etwas spüren, auch ohne die Kenntnisse?

Natürlich. Es gibt auch Laien, die Talent entwickeln, Menschen zu helfen. Da muss man sagen: Okay, wer heilt, hat Recht. Man soll nicht so eingebildet sein, dass man sagt: Nur das, was ich mache, ist richtig.

Hat ein Klaus Eder viel verändert in der Methodik über die Jahre?

Nein. Ich bin in Norwegen sehr gut ausgebildet worden. Da hatte die Trainingstherapie schon 1976 große Bedeutung. Die Biomechanik war top. Was wir machen, ist eigentlich angewandte Biomechanik und angewandte funktionelle Anatomie. Als ich meine erste Praxis in der Königsstraße aufgemacht habe mit zwei Massagebänken auf 60 Quadratmetern, habe ich mir eines geleistet: Einen Seilzugapparat für die Trainingstherapie. Davon bin ich heute noch ein Fan, dass man alles betrachtet und in Einklang bringt.

Das ist das Spannende.

Deswegen war es mir in 40 Jahren noch keine Minute langweilig in meinem Job.

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