mz_logo

Sport aus Regensburg
Dienstag, 28. Juni 2016 25° 6

Fussball

Das Warten auf neue Bayern-Talente

Statt auf die eigene Jugend zu setzen, kaufen die Münchner erneut ein. Die Nachwuchsabteilung gerät immer mehr in die Kritik.
Von Jürgen Scharf, MZ

Lang ist’s her! Der 17 Jahre junge David Alaba (links) wird 2010 in der Champions League gegen Florenz ins kalte Wasser geworfen, schwimmt sich frei und wird zu einem großen Star des FC Bayern. Foto: Archiv/dpa

Regensburg.„Mia san Mia“ – „Einmal ein Roter, immer ein Roter“. Beim FC Bayern München wurden diese Slogans über Jahrzehnte nicht nur stolz verkündet, sie wurden auch gelebt. Die großen Generationen des Klubs mit unvergessenen Erfolgen im Europapokal waren zumeist mit etlichen Spielern, die schon in den eigenen Jugendmannschaften gespielt hatten, bestückt. Die Nachwuchsarbeit des deutschen Rekordmeisters war eine zuverlässige Talente-Quelle. Nun scheint diese versiegt. Die U23 dümpelt in der Regionalliga umher, und wenn in der ersten Mannschaft ein paar Spieler verletzt ausfallen, dann wird eben eingekauft.

Matthias Sammer ist der Sportvorstand des FC Bayern. Als am Wochenende bekannt wurde, dass sich nach Jerome Boateng mit Javi Martinez noch ein zweiter Innenverteidiger verletzt hat, blieb er – zumindest in der Öffentlichkeit – gelassen. Auf einen Blitztransfer angesprochen, meinte er: „Es gibt nichts, was uns besser macht. Und dementsprechend kann ich mir nicht vorstellen, dass wir das machen werden.“

„Es gibt nichts, was uns besser macht. Und dementsprechend kann ich mir nicht vorstellen, dass wir das machen werden.“

Matthias Sammer

Am nächsten Tag gaben die Bayern dann bekannt, dass sie den 28 Jahre alten Ex-Nationalspieler Serdar Tasci bis zum Saisonende von Spartak Moskau ausgeliehen haben.

Dass Sammer seine Meinung schnell geändert hat, ist normal. Im Fußball gehört es zur Pflicht eines sportlichen Managers, die Dinge von einem Tag auf den anderen auch neu einschätzen zu können. Zu welcher Entscheidung er letztlich gekommen ist, wirft auf eine Abteilung des Münchners Vereins aber ein denkbar schlechtes Licht: die Junior-Teams.

Ein Kommentar von MZ-Sportredakteur Jürgen Scharf zum Thema:

Kommentar

Nummer sicher

Serdar Tasci ist ein guter Spieler. Mit ihm als Ersatzverteidiger geht der FC Bayern sportlich auf Nummer sicher – mehr nicht. Dass die Münchner in dieser...

Ein 17-Jähriger im Rampenlicht

9. März 2010. Im Nebel von Florenz macht sich ein 17-jähriger Spieler warm. Bayern-Trainer Louis van Gaal vertraut in dem wichtigen Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales einem Außenverteidiger, den er sich von der Jugendmannschaft der Münchner ausgeborgt hat. Dieser, ein junger Österreicher, macht eine tolle Partie. Sein Name ist David Alaba. In den kommenden Jahren wird er zu einem großen Star der Bayern werden.

Die Liste von Talenten, die bei den Münchnern aufgrund von Verletzungen, Formschwächen oder Sperren urplötzlich eine Chance bekamen, ist ellenlang. Nicht jedes nutzte diese Chance so gut wie David Alaba. Nicht jedes war auch so begabt wie Alaba. Dem einen oder anderen versagten bei der Premiere oder kurz danach die Nerven und die Karriere beim FC Bayern war damit zu Ende. Eines war aber für alle gleich: Hätten sie nicht irgendwann eine Chance bekommen, hätten sie nie gewusst, ob es für die großen Anforderungen dieses Weltklubs reicht – oder eben nicht.

„Wir müssen uns da wieder verbessern.“

Karl-Heinz Rummenigge

Es ist selten geworden, dass einem Talent des FC Bayern in einer wichtigen Partie das Vertrauen geschenkt wurde. Zuletzt durfte im Pokalfinale 2014 Pierre-Emile Höjbjerg ran. Der wurde später ausgeliehen, dann noch einmal. Ob er jemals zum FC Bayern zurückkehrt, weiß derzeit keiner. Dass derzeit keine neuen Stars aus den eigenen Reihen in Sicht sind, gefällt auch den Vereinsbossen ganz und gar nicht. „Wir müssen uns da wieder verbessern“, sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge auf der Jahreshauptversammlung zur eigenen Talentförderung.

Über die Gründe, warum man sich überhaupt verbessern muss, will aber keiner sprechen. Auf Anfrage der MZ teilt die Pressestelle des FC Bayern am Dienstag mit, dass zu Fragen bezüglich des Junior-Teams kein Verantwortlicher zur Verfügung stehe. Hinter den Kulissen scheint es dafür zu rumoren. Anfang Januar, mitten während der laufenden Saison, gab es beim FC Bayern in der Nachwuchsabteilung ein kräftiges Stühlerücken. Unter anderem wurde Ex-Profi Michael Tarnat, der im Junior-Team tätig war, freigestellt.

Vogel ist der neue starke Mann

U23-Trainer Heiko Vogel Foto: Eibner

Der neue starke Mann in der Jugendabteilung des FC Bayern ist Heiko Vogel. Er hat die sportliche Leitung bei der U23, der U19 und der U17 inne. Insbesondere die U23 soll er nach vorne bringen. In dieser könnten Talente an den Bundesliga-Kader rangeführt werden – am besten in der 3. Liga. Seit Jahren scheitern die Bayern aber bei dem Versuch, aus der Regionalliga aufzusteigen. Auch in dieser Saison sieht es nicht gut aus. Obwohl die Mannschaft mit WM-Teilnehmern wie Julian Green bestückt ist, steht sie derzeit nur auf dem sechsten Platz – mit neun Punkten Rückstand auf Tabellenführer Wacker Burghausen.

Den Verteidigern der U23 haben es die Verantwortlichen nun offenbar nicht zugetraut, in die Bresche zu springen – und dürften damit bei Cheftrainer Pep Guardiola offene Türen eingerannt haben. Bereits vor zwei Jahren hatte der Klub nach eigentlich abgeschlossener Kaderplanung kurzfristig auf Verletzungen reagiert und den spanischen Altstar Xabi Alonso verpflichtet. „Fußball ist heute und jetzt“, erklärte Guardiola damals. Im neuen heute und jetzt steht unter anderem ein Champions-League-Achtelfinale gegen Juventus Turin an. Experimente mit Talenten will der Coach des FC Bayern hier offensichtlich nicht wagen.

Lesen Sie hier: Im Sommer geht es für Guardiola zu Manchester City

Der neue Trainer des SSV Jahn Regensburg, Heiko Herrlich, war bis vor kurzem auch beim FC Bayern in der Jugendarbeit tätig. Dass es zuletzt kaum noch Spieler dauerhaft in die erste Mannschaft schafften, begründet er damit, „dass es beim FC Bayern eben doppelt und dreifach schwierig ist, in diesen Elite-Kader aufzusteigen“, setzt allerdings hinzu, dass „es Vereine wie der FC Barcelona aber dennoch schaffen“.

Jahn-Coach Heiko Herrlich war bis vor kurzem auch beim FC Bayern in der Jugendarbeit tätig. Foto: Nickl

Lieblinge über einen Umweg

Wenn der FC Bayern diese Kluft zur ersten Mannschaft nicht schnell verkleinert, wird es zunächst wohl weiter keinen neuen Thomas Müller oder Philipp Lahm geben. Für den Klub wäre das insofern bitter, weil die Fans Spieler aus der Heimat doppelt ins Herz schließen. Zumindest wäre es möglich, dass der Verein über einen kleinen Umweg neue Publikumslieblinge bekommt. Bei den Champions-League-Siegern von 2001 standen mit Sammy Kuffour und Owen Hargreaves auch nur zwei Spieler aus der eigenen Jugend richtig im Fokus. Dafür gab es einige andere, die der Klub in jungen Jahren eingekauft hatte und dann als Bayern-Idole aufbaute: Mehmet Scholl, Jens Jeremies, Willy Sagnol oder Hasan Salihamidzic.

Guardiola setzt derzeit oft auf den beim VfB Stuttgart ausgebildeten und vor der Saison verpflichteten Joshua Kimmich. Er könnte zu einem neuen Bayern-Idol werden. Vielleicht ist das der neue alte Weg des „Mia san mia“.

Alle News zum FC Bayern lesen Sie hier.

Reaktionen auf Twitter zur Verpflichtung von Serdar Tasci lesen Sie hier:

Kommentare (0) Regeln Unsere Community Regeln

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht