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Leichtathletik

Orth: Ein Mustermann der dualen Karriere

Sein Examen hat der Regensburger in der Tasche. Das Peking-Ticket bekommt er nicht, weil in Deutschland andere Normen gelten.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Im hauchdünnen Duell gegen Sebastian Keiner sichert sich Florian Orth (rechts) Platz eins bei der deutschen Meisterschaft. Zur WM nach Peking bringt ihn auch dieser Titel aber nicht. Foto: Kiefner

Regensburg.Wenn einer durchgekommen wäre, wäre Kurt Ring schon rundherum glücklich gewesen. Im Aufgebot für die Weltmeisterschaft der Leichtathleten von 22. bis 30. August steht jetzt aber – trotz der zwei deutschen Meistertitel über 1500 Meter am Wochenende in Nürnberg – kein Träger des blauen Trikots von der LG Telis Finanz, deren Kandidatenanzahl der Teamchef, Trainer und Impulsgeber auf „viereinhalb“ beziffert.

Maren Kock fehlen 1,56 Sekunden zur deutschen WM-Norm von glatten 4:06 Minuten. Die 25-Jährige muss nun sogar um den Kaderstatus bangen. Auch ihren Freund Florian Orth trifft es hart: Der Weltverband IAAF fordert eine 3:36,2, Orth lieferte im belgischen Heusden eine 3:36,05, doch im deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) gelten andere Gesetze. Eine 3:35,5 musste es sein, es fehlen 55 Hundertstel. „Er gehört nach Peking. Wenn man ihn zuhause ließe, wäre das ganz sicher falsch. Er hat die Klasse, ihm fehlten nur die Rennen und Gelegenheiten. Aber der Verband klammert sich an seine Buchstaben“: So kommentierte ZDF-Reporter Wolf-Dieter Poschmann das absehbare Prozedere schon am Sonntag im Fernsehen.

Florian Orth ist bei internationalen Momenten nicht gerade ein Glückskind. 2012 fehlte er bei Olympia in London – und lief danach im September beim Istaf in Berlin eine traumhafte 3:34er-Bestzeit, die zur Qualifikation gereicht hätte. Im selben Jahr setzte er, schon vor Olympia, kurz vor der Zielgeraden bei der EM Helsinki zum Überholen an – und kam zu Fall. Keiner weiß, wohin ihn sein Endspurt geführt hätte. Auch im EM-Finale in Zürich 2014 ereilte ihn das Sturzpech, diesmal eine Runde vor Schluss.

Vor der Saison gab sich Florian Orth selbst wenig Chancen auf eine WM-Reise nach China. Das Zahnmedizin-Studium stand im Vordergrund. Orth setzte auf die Halle, wählte mit den 3000 Metern eine andere Strecke und wollte zur EM nach Prag. Das klappte, Orth erreichte das Finale, wurde Achter. Sein berufliches Standbein wollte er ganz im Sinne der von Politikern und Funktionären so oft mit dem Mode-Stichwort deklarierten „duale Karriere“ rechtzeitig vor der EM in Amsterdam und Olympia in Rio absichern, die beide 2016 anstehen. Auch das klappte. „Ich habe mein Examen gemacht – und gar nicht schlecht. Jetzt bin ich für nächstes Jahr frei – aber das sieht man nicht, das will man so nicht sehen“, bilanziert Orth.

Kommentar

Einfach nur ungerecht

Wie schnell muss ein Deutscher für internationale Meisterschaften laufen? Auf jeden Fall schneller als ein Läufer anderswo. So schnell, dass die scheinbar...

Immer da, wenn Deutschland rief

Auch dass Florian Orth – schon im vergangenen Jahr – zur Verfügung stand, wann immer Deutschland rief, brachte ihm keine Bonuspunkte. Ekiden-Staffel in Japan, Länderkampf in Glasgow, Staffel-Weltmeisterschaft auf den Bahamas, Team-Europameisterschaft in Cheboksary – es waren nicht immer die wichtigsten Wettkämpfe, zu denen er Gewehr bei Fuß stand. „Ich habe das immer möglich gemacht. Aber auch gerne: Nicht, dass es heißt, ich wüsste solche Berufungen nicht zu schätzen.“ Umgekehrt sieht Florian Orth sein Engagement bedingt gewürdigt. „Ich habe nichts erwartet, aber vielleicht erhofft. Ich bin gewissermaßen enttäuscht. Der DLV ist in seinem eigenen Konstrukt der Normen gefangen.“

Und so bleiben Orths 1500 Meter eben lieber unbesetzt. „Es heißt immer, der Anspruch ist, in den Endkampf zu kommen. Aber Endkampf-Teilnehmer zu werden, muss man auch lernen, dazu wird man selten geboren.“ Florian Orth weiß, dass er pro Saison „vier, vielleicht fünf Chancen“ hat, Norm zu laufen. Er betont, dass er keinem zu nahe treten wolle, aber: „Ein Weitspringer hat allein sechs Versuche in einem Wettkampf.“

Für die im deutschen Aufgebot nicht umsonst unterrepräsentierten Läufer ist es ungleich schwieriger. In die großen Rennen der Diamond League kommen Deutsche nicht rein, sonstige qualitativ hochwertige Rennen gibt es nur wenige und ein Bundestrainer, so wurde Orth bedeutet, sehe seine Aufgabe eben auch nicht darin, seine Athleten in solche Veranstaltungen hineinzuboxen.

So wartete und wartete und wartete Florian Orth darauf, ob für ihn in Stockholm am Donnerstagabend vielleicht doch noch ein Türchen für einen Startplatz aufgehen würde. Das tat es nicht. Aber eine Zusage, dass man ihn nach Peking mitnehmen würde, wenn er in Schweden die Norm abliefere, konnte Orth sowieso keinem DLV-Verantwortlichen entlocken. Und den Flug hätte er selbstredend selbst bezahlt. So geriet Orth ins Grübeln: „Ich könnte bei der WM inzwischen unter solchen Umständen ja sowieso nur noch verlieren. Würde ich im Vorlauf ausscheiden – was bei unserer Strecke schnell sein kann – hieße es sofort: War doch klar!“

Vertrauen in Spitzenathleten sieht anders aus. Dabei ließe sich ein Orth als Mustermann vermarkten. Wie hatte Innenminister Thomas de Maizière unlängst im FAZ-Interview, in dem er nonchalant ein Drittel mehr deutsche Medaillen eingefordert hatte, so schön gesagt: „Ein großer Druck für die Sportler entsteht auch aus der Frage: Was wird eigentlich aus mir, wenn ich den Sport nicht mehr ausüben kann?“ Florian Orth weiß das: Er wird Zahnarzt. Man könnte es ihm nicht mal verübeln, wenn er sich schnellstens darauf konzentrieren und bald eine Laufbahn jenseits der Laufbahn einschlagen würde.

„Ich bin Hobby-Leistungssportler“

Florian Orth ist jedenfalls irritiert: „Man könnte mich doch auch als gutes Beispiel sehen. Denn irgendwie klappt’s ja schon“, sagt er und verweist darauf, auch im Studium „keine großartige Unterstützung“ erhalten zu haben. „Das meiste habe ich auf kleinem Dienstweg erledigt und bin dankbar für jeden, der das unterstützt hat.“ Einen Prüfungsblock tauschte Orth etwa im Februar, um, die Hallen-EM realisieren zu können. Dafür lag dieser dann vor dem so wichtigen Auftritt in Heusden, wo jene paar entscheidenden Zehntel fehlten. „Das war damals nicht absehbar. Wieviel so etwas wohl kostet?“, sinniert auch Orth.

Seine Gedanken hatte sich der Läufer aber schon in Prag mit Blick auf die Finalkonkurrenz gemacht. „Vielleicht ist es vermessen und arrogant von mir, wenn ich als Hobby-Leistungssportler daherkomme und die Vollprofis auch noch besiegen will.“

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