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Sport aus Regensburg
Donnerstag, 29. September 2016 24° 3

Leichtathletik

Pfliegers Olympiatraum rückt näher

Der Deutsche Leichtathletik-Verband schlägt vor, die Normen senken – sehr zur Freude von Regensburgs Marathonmann.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ, und Andreas Schirmer, dpa

Sind nicht noch zwei Deutsche schneller, sollte es also klappen mit der Brasilien-Reise für Philipp Pflieger. Foto: Kiefner

Regensburg.Philipp Pflieger hätte am 27. September 2015 in Berlin die Ziellinie noch freudiger überqueren können, als er es sowieso schon tat: Nach 2:12:50 Stunden war der Marathonläufer von der LG Telis Finanz Regensburg auf Platz 16 bester Deutscher. Der Haken an der Sache erwuchs erst danach: Damit fehlten zu diesem Zeitpunkt nämlich exakt 35 Sekunden zur deutschen Olympianorm. Doch seit gestern ist bekannt: Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) will nach dem Doping- und Korruptionsskandal 17 der 43 Einzelnormen für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro senken, darunter auch jene für den Marathon.

Allerdings: Noch ist es nur ein Antrag des DLV, über den der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) noch in dieser Woche entscheiden wird. „Man muss abwarten, ob der DOSB dem Antrag auch stattgibt. Es ist ja ein fundamentaler Irrtum zu glauben, dass wir die Normen einseitig festlegen. Die Anregung haben wir jedenfalls jetzt aufgeriffen“, sagt der Regensburger DLV-Präsident Clemens Prokop. Den Hintergrund formulierte DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) klar: „Für uns zeigt sich immer mehr, dass das statistische Material, auf das wir zur Entwicklung der Normen zurückgegriffen haben, in hohem Maße belastet, also nicht manipulationsfrei war und ist.“

Signal an die Athleten

Den DLV-Athleten wolle man mit diesem Schritt zeigen, dass man auf die Berichte der Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur über systematisches Doping in Russland und kriminelle Machenschaften sowie Vertuschung von positiven Dopingproben im Weltverband IAAF reagiere. Kurschilgen: „Das Zeichen an die Athleten ist, dass wir uns in der Leichtathletik in einer besonderen Situation, in einer Ausnahmesituation befinden, die besondere Entscheidungen einfordert.“

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Heimlich, still und leise

Deshalb müsse man den Norm-Maßstab, „nicht aber unseren Leistungsanspruch korrigieren“. Kurschilgen sagt: „Wir signalisieren den Athleten dass wir uns mit der Situation kritisch auseinandersetzen und den Mut haben, bisherige Entscheidungen zu korrigieren.“ Allerdings ergänzt Philipp Pflieger Entscheidendes: „Das ist erst einmal zu begrüßen und sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Aber man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass das von alleine geschehen wäre“, sagt der Läufer, der nach Berlin viel Zuspruch erfuhr und spielt damit darauf an, dass nach vielen Protesten inzwischen auch Anwälte involviert waren. „Wir waren im Hintergrund nicht untätig. Vielleicht bin ich ja zu gutgläubig und naiv. Aber das Denken in den Köpfen muss sich verändern. Man muss jeden Zentimeter abtrotzen – und das ist das eigentlich Traurige.“

Zusammenhang nicht erkennbar?

Möglich gemacht hat die nationale Absenkung der deutschen Olympia-Normen, dass auch die IAAF schon Ende November – nach den Reporten der internationalen Dopingagentur Wada – eher heimlich, still und leise 17 ihrer 43 Richtwerte für Rio entschärft hat. In der damaligen IAAF-Mitteilung stand jedoch kein Wort zum Doping-Skandal. Begründet wurde der Schritt lediglich damit, dass man damit „mehr Athleten die Möglichkeit geben will, die Norm zu erreichen, um dichter an die angestrebte Zahl der Brasilien-Starter zu kommen“. Es sei nicht erkennbar, so Kurschilgen, „ob diese Veränderung mit der Doping-Problematik, den skandalösen Vorkommnissen in der IAAF, oder den dopingbelasteten Ländern wie Russland, aber auch Kenia und tendenziell in weiteren Ländern im Zusammenhang steht“.

Nicht nachvollziehbar sei gewesen, warum die IAAF bei der WM 2015 in Peking von den Diskus-Männern eine Normweite von 65 Metern verlangte, sie zunächst für die Rio-Spiele auf 66 Meter erhöhte und die wieder auf 65 Meter reduzierte. Bis zum 31. Dezember hatten im übrigen nur 13 Werfer auf der Welt die 66-Meter-Marke erreicht. „Warum die IAAF zunächst 66 Meter formuliert hat, kann ich nicht erklären. Eine nicht nachvollziehbare und völlig überhöhte Norm“, sagte Kurschilgen.

Für die Rio-Spiele hofft er, dass die Doping-Enthüllungen etwas bewirken – erwartet aber keine Wunder. „Es wird keine sauberen, aber vielleicht sauberere Spiele geben“, so Kurschilgen. Aber es wäre fatal, wenn nach der „bitteren Erkenntnis“, dass in der IAAF Dopingproben vertuscht wurden und es in Russland ein Doping-System gab, dem bis zum August diesen Jahres „keine erkennbaren Grenzen“ gesetzt würden. „Es könnte somit in Rio 2016 sauberere Spiele mit einem geringeren Leistungsniveau geben. Doch das ist erst einmal eine Hypothese“, sagte er.

Dass die deutschen Leichtathleten durch den Doping-Skandal entmutigt und demotiviert ins Olympia-Jahr gehen, erwartet Kurschilgen nicht. „Der Zweifel ist schon immer da gewesen, er bestätigt sich und wird für alle präsenter. Unsere Athleten haben trotzdem immer ihre Chancen gesehen sich mit intelligentem Training und kompetenten Trainern zu behaupten.“ Die Motivation ist für Philipp Pflieger besonders in diesem Jahr keine Frage angesichts „der Magie der fünf Ringe. Dafür kann man sich auch über Jahre quälen“, sagt der 29-Jährige, der schon vor der Entscheidung bekanntgegeben hatte, dass er auf einen Frühjahrsmarathon verzichten wird. „Auch die Europameisterschaft in Amsterdam wäre ein Wunschding für mich“, sagt Pflieger, den dort „der Halbmarathon mehr reizt als die 10 000 Meter, auch weil es ja eine Teamwertung gibt und wir das als Läufer ja nicht oft haben.“

Wenn es so kommt, wie jetzt vorgeschlagen, könnte Philipp Pflieger die Tour auch noch vermasseln, wenn – bei maximal drei deutschen Olympiaplätzen – zwei Deutsche schneller als er wären. „Ich möchte nicht respektlos sein. Aber da wäre ich schon überrascht“, sagt Pflieger. „Arne Gabius und ich waren immerhin die beiden schnellsten Marathonläufer in den letzten 15 Jahren. Also werde ich es darauf ankommen lassen.“

„Das ist die Magie fünf Ringe. Dafür kann man sich auch über Jahre quälen“

Marathonläufer Philipp Pflieger

Eine Frage ist auch, ob sich durch den DLV-Antrag auch die Lage für Pfliegers Telis-Teamkollegen Florian Orth ändert, der die auf 3:36,20 Minuten abgesenkte internationale IAAF-Norm 2015 auch bereits erfüllt hätte. „Uns geht es nämlich schon auch das große Ganze“, sagt Philipp Pflieger.

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