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Jahn-Nachrichten
Dienstag, 21. November 2017 5

SSV Jahn

Beierlorzer: „Keine Harakiri-Sachen“

Im MZ-Interview spricht der neue Jahn-Trainer über RB Leipzig, seinen Führungsstil, Heiko Herrlich und die Kaderplanung.
von Felix Kronawitter und Heinz Gläser, MZ

Seit Montagvormittag führt Achim Beierlorzer offiziell Regie beim Zweitligisten aus der Oberpfalz. Foto: Nickl

Regensburg. Herr Beierlorzer, seit Montag sind Sie nun auch offiziell der neue Cheftrainer beim Fußball-Zweitligisten SSV Jahn. Regensburg hätten Sie aber gerne bereits vor einem Monat einen Kurzbesuch abgestattet. Verraten Sie uns doch, was dazwischengekommen ist.

Ich habe Geschäftsführer Christian Keller angeschrieben, ob er für meine Frau und mich noch zwei Karten hätte für das Relegationshinspiel gegen 1860 München. Aber der Boom in Regensburg war so groß, dass es überhaupt keine Tickets mehr gab. Dann habe ich mir das Spiel zu Hause vor dem Fernseher angesehen.

Wie haben Sie sich vorbereitet auf Ihren neuen Cheftrainer-Job in Regensburg?

Ich habe mir auf Video viele Spiele von Jahn Regensburg angesehen, um mich auf den aktuellen Stand zu bringen. Wie schaut der Kader aus, wer ist momentan Stammspieler, wer hat gefehlt. Die Relegationsspiele gegen 1860 habe ich natürlich intensiv verfolgt. Das ist natürlich das Schöne an unserem Beruf: Man schaut Fußballspiele und darf das dann Beruf nennen (lacht).

Haben Sie Ihr neues Domizil in Regensburg schon eingerichtet?

Da bin ich noch dabei. Es ging alles ja recht schnell. Ich möchte jedenfalls möglichst schnell raus aus dem Hotel.

Zieht Ihre Familie auch mit nach Regensburg?

Mein jüngster Sohn ist in Eckental, wo ich auch als Lehrer unterrichtet habe, noch am Gymnasium. Meine Tochter hat gerade Abitur gemacht. Unsere Home-Base bleibt in der Nähe von Nürnberg. Ich werde mir aber eine geräumige Wohnung suchen, dass meine Familie mich auch jederzeit besuchen kann. Damit wir auch gemeinsam diese tolle Stadt erleben können.

Jahn-Coach Achim Beierlorzer im Kurzinterview:

Drei Fragen an Achim Beierlorzer

Haben Sie sich schon mit Ihrem Vorgänger Heiko Herrlich ausgetauscht?

Ich kenne Heiko gut, wir haben uns immer gut verstanden und hatten immer wieder Parallelen in unserer Trainerkarriere. Er war U17-Trainer von Bayern München, als ich noch in Fürth tätig war. Auch in Leipzig haben wir mit unseren Teams immer mal wieder gegeneinander gespielt. Bislang habe ich ihn noch nicht angerufen. Das werde ich aber nachholen.

Vor drei Jahren waren Sie ja schon mal ein heißer Kandidat auf den Cheftrainer-Stuhl beim Jahn. Warum hat es damals nicht geklappt?

Damals hatte ich zwei Optionen mit Regensburg und Leipzig. Der Jahn war zu dem Zeitpunkt noch nicht so weit in seiner Entwicklung, wie er es jetzt ist. Das neue Stadion war noch nicht da. Die Ziele waren zwar formuliert, aber die damaligen Voraussetzungen waren noch andere. Die ganze Konstellation hat dann bezogen auf meine persönliche Entwicklung für Leipzig gesprochen.

In Leipzig wurden Sie als U17-Coach 2015 zum Cheftrainer befördert. Und standen plötzlich im Rampenlicht.

Da hat mir Ralf Rangnick (Anm. Sportdirektor von RB Leipzig) das Vertrauen geschenkt. Danach war ich ein ganzes Jahr Assistenztrainer von ihm. Das waren Erfahrungswerte, die nimmt mir kein Mensch mehr.

Hätten Sie etwas dagegen einzuwenden, als Rangnicks Schüler tituliert zu werden?

Ich glaube, dass man mit 49 Jahren nicht mehr als Schüler bezeichnet werden kann (lacht). Ich habe meine eigene Persönlichkeit. Ich habe drei Kinder, bin seit 22 Jahren verheiratet, bin das jüngste Kind von neun Kindern einer Großfamilie. Das sind Erfahrungswerte im Leben, die einen prägen. Daher würde ich mich nicht als Rangnicks Schüler bezeichnen. Mit Rangnick so intensiv zusammenzuarbeiten, prägt einen aber zweifelsohne. Mit Blick auf seine fachlichen und menschlichen Fähigkeiten ist Rangnick ein unglaublicher Mensch.

Als Ralph Hasenhüttl nach Leipzig kam, ging es für Sie zurück in den Nachwuchsbereich von RB. Ein schwerer Gang?

Klar, ich gebe zu, dass ich nach eineinhalb Jahren Zweite Liga auch hin- und hergerissen war, ob ich auf den Markt gehen soll. Leipzig hat sich aber intensiv bemüht, mich zu halten, und hat mir die Doppelfunktion als U19-Trainer und Nachwuchs-Sportdirektor angeboten. Daher habe ich verlängert. In Leipzig habe ich aber nicht darauf gewartet, dass endlich jemand anruft. Ich bin ein Typ, der sich mit seiner Aufgabe voll identifiziert.

Als Trainer von RB Leipzig wird man ja vor allem auswärts selten mit offenen Armen empfangen. Wie arrangiert man sich mit so einer Situation?

Wenn man mitten im Spiel in der Cheftrainerposition einen vollen Bierbecher abbekommt, ist das nicht lustig. Die Anfeindungen wurden von Jahr zu Jahr aber weniger. Solange es nicht bösartig ist, darf natürlich jeder seine Meinung zu RB Leipzig sagen, ich kann verschiedene Ansichten akzeptieren.

Weder bei RB Leipzig noch bei Bayern München hat in den vergangenen Jahren ein Nachwuchsspieler nachhaltig den Sprung zu den Profis geschafft. Woran liegt das?

Ja, das habe ich im vergangenen Jahr in Leipzig sehr kritisch thematisiert. Prinzipiell ist das für die Jugendspieler nicht einfach. Die Distanz von der Junioren-Bundesliga zur Bundesliga ist einfach enorm. Daher haben wir in Leipzig auch die U23 aufgelöst. Denn die Talente, die es tatsächlich schaffen könnten, wollen nicht in einer 4. Liga spielen. Generell muss man der Nachwuchsarbeit in einem Klub aber Zeit geben. Bayern München und Leipzig werden da in den nächsten Jahren jedenfalls viel investieren.

Viele vermuten, dass Sie jetzt auch aus dem Leipziger Reservoir schöpfen könnten. Haben Sie Kandidaten auf dem Zettel?

Das haben wir natürlich alles durchgesprochen. Der Pool an interessanten Spielern ist aber überschaubar. Was die ehemalige U23 angeht, sind wir etwas spät dran, da sind einige schon weg nach Aue oder Wiesbaden. Es ist aber völlig egal, ob der Spieler aus Leipzig, München oder sonst woher kommt, er muss einfach zu uns passen. Kommt ein Spieler von RB? Klare Antwort: Kann sein, muss aber nicht sein.

Jetzt hat es doch noch geklappt mit der Liaison „Jahn und Beierlorzer“. Der Kontakt zu Geschäftsführer Christian Keller war aber ohnehin nie abgerissen, oder?

Hatte Achim Beierlorzer schon vor drei Jahren auf dem Zettel: Jahn-Geschäftsführer Christian Keller Foto: Nickl

Die Art von Christian Keller imponiert mir immer wieder. Damals hat er mir nicht das Blaue vom Himmel erzählt, sondern ganz ehrlich aufgezeigt, was möglich ist in Regensburg, aber auch, was noch nicht möglich ist. Das habe ich geschätzt. Wir sind regelmäßig in Kontakt geblieben und haben uns über Spieler unterhalten. Ich habe mich riesig gefreut während meines Urlaubs, dass sich Jahn Regensburg bei mir meldet und mit mir als Trainer in die 2. Liga gehen will. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass es mein Traum ist, wieder Cheftrainer in der Bundesliga oder der Zweiten Liga zu werden. Und ich glaube diese Aufgabe passt zu mir.

Einige Trainingseinheiten haben Sie mittlerweile bereits absolviert mit dem Team. Werden die Karten völlig neu gemischt oder haben Sie ein festes Gerüst bereits im Visier?

Die Hierarchie in der Mannschaft werden wir sicher nicht auflösen, ohne dass es aber Stammplatzgarantien gibt. Marco Grüttner hat 13 Tore gemacht und geht auch mit seiner Mentalität voran. Dasselbe gilt für Marc Lais, Andy Geipl im zentralen Mittelfeld, Jann George auf den Außen oder Marvin Knoll, Philipp Pentke oder Sebastian Nachreiner in der Defensive, um nur einige Leistungsträger zu nennen. Das sind tolle Spieler, die sich für die Mannschaft einsetzen. Die Jungs identifizieren sich zu hundert Prozent mit dem Klub. Die Prämisse lautet: Die Spieler, die noch kommen, müssen zu uns passen.

Auf einigen Positionen sehen Sie aber noch Handlungsbedarf.

Klar, wir brauchen noch Neuzugänge. Die werden wir aber ganz gezielt holen. Wir werden den Kader damit noch ausgeglichener gestalten. Es gibt Trainer, die sagen: Jetzt will ich nur noch Hochkaräter. Das ist aber nicht mein Weg. Wir werden keine Harakiri-Sachen machen. Die Neuen müssen zum Teamgefüge passen. Der Teamgedanke ist äußerst wichtig, der kann uns mehr Punkte bringen als irgendein individueller Spieler, der dann letztlich nicht zu uns passt. Denn der Teamspirit ist richtig gut ausgeprägt beim Jahn.

Ein interessanter Mann, der neue Jahn-Trainer:

Einige Beobachter haben Bedenken, dass bei einigen in Ihrer Mannschaft das Potential schon ausgereizt ist.

Ich bin überzeugt, dass bei vielen das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Generell gilt: Wenn die Anforderungen steigen, muss man sich immer noch etwas strecken und kann sich dadurch auch weiterentwickeln. Zudem stellt sich die Frage, was einen Top-Drittligaspieler von einem Zweitligaspieler unterscheidet. Wie weit sind die auseinander? Da ist vielleicht gar nicht so viel Unterschied.

Ihre beiden Vorgänger beim Jahn waren unterschiedliche Trainertypen: Christian Brand eher der Kumpeltyp, nach dessen Entlassung die Spieler gar mit „Pro-Brand-Shirts“ aufgelaufen waren, Heiko Herrlich führte ein strengeres Regiment. Welchen Kurs schlagen Sie ein?

Ich präferiere einen sehr kommunikativen Führungsstil. Der Teamgedanke ist das höchste Gut. Daran darf keiner rütteln. Meine Tür ist immer offen für Gespräche, wenn jemand Bedarf hat. Ich habe selber lange genug Fußball gespielt auf dem Niveau 3. Liga und am Ende 4. Liga, um zu wissen, was in den Köpfen der Spieler vorgeht, die auch mal hinten dran sind. Ich bin aber sicher kein Kumpeltyp! Ich bin keiner, der mit den Spielern um die Häuser zieht.

Dürfen Ihre Spieler Sie künftig „siezen“ oder haben Sie Ihnen schon das „Du“ angeboten?

Der einzelne Spieler entscheidet das selbst. Ich bin ein absolut authentischer Mensch. Das kann ich sagen, ohne mich hochzupinseln. Ich bin einschätzbar, ehrlich, geradlinig und kommunikativ. Es wird auch Situationen geben, wo einer aus unserem Wertekatalog ausschert, dann werde ich reagieren. Ich werde mich aber immer vor die Mannschaft stellen.

Ähnlich wie bei Ihrem Vorgänger Heiko Herrlich gehen wir auch bei Ihnen schwer davon aus, dass es künftig in der Continental Arena keine Mauertaktik zu bestaunen geben wird.

Wenn ich an Chelsea 2012 denke: Die haben die Champions League gewonnen und mit elf Mann den eigenen Sechzehner belagert. Das ist kein attraktiver Fußball. Das will kein Zuschauer sehen. Unser Prinzip sollte sein, dass wir aktiv in der Balleroberung sind, aktiv nach vorne spielen.

Ende Juli ertönt der Startschuss in der Zweiten Liga. Was erwartet den SSV Jahn im Fußball-Unterhaus?

Die Zweite Liga ist eine höchst intensive Liga, in der keine Mannschaft die andere in den 90 Minuten in Ruhe lässt. Es gibt viele Mannschaften, die auch aggressiv nach vorne verteidigen. Umgekehrt gibt es einige, die viel mit weiten Bällen agieren. Vor allem Bochum, Union Berlin oder Braunschweig werden spielerische Akzente setzen. Wir müssen uns auf eine intensive Saison mit intensiven Zweikämpfen gefasst machen. Standardsituationen gilt es zu vermeiden. Da müssen wir stabiler werden.

Und so ist das Jahn-Team derzeit aufgestellt:

Im Gespräch mit unserem Medienhaus hat Investor Philipp Schober den Jahn als „Schlafenden Riesen“ bezeichnet, dem er Erstliga-Potential bescheinigt. Inwiefern nehmen Sie zur Kenntnis, was beim SSV Jahn derzeit auf Investoren-Ebene abläuft?

Natürlich interessiert mich, was rund um den Verein passiert. Ich habe es wahrgenommen, dass ein neuer Investor da ist. Darüber habe ich auch mit Christian Keller gesprochen. Es ist mir klar signalisiert worden, dass es auf meine Arbeit mit der Mannschaft überhaupt keinen Einfluss hat. Solche Nebenkriegsschauplätze interessieren die Spieler aktuell auch nicht. Wir haben ein einziges Ziel: so viele Punkte holen, dass wir in der Liga bleiben.

In der vergangenen Saison war die Zweite Liga eine Zweiklassengesellschaft. Erwarten Sie dieses Mal eine ähnliche Konstellation.

Ich glaube eher nicht. Im Gros der Zweiten Liga ist aber generell vieles offen.

Sie kickten einst drittklassig als Mittelfeldspieler in Fürth. Welcher Spielertyp waren Sie? Abräumer, Filigrantechniker?

Ich war ein sehr ehrgeiziger Spieler, der sich immer verausgabt hat. Mit 1,92 Metern als Sechser hat das aber eher nicht ganz so filigran ausgesehen (lacht).

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  • PS
    Presse- und Informationsstelle Stadt Regensburg
    29.06.2017 09:32

    Kurzer Korrekturvorschlag: das Gymnasium, wo Herr Beierlorzer unterrichtet hat, ist in Eckental bei Erlangen, nicht Eggenthal im Allgäu!

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    • MR
      MZ - Redaktion 29.06.2017 13:08

      Danke für den Hinweis. Das wurde inzwischen ausgebessert.

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