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Dienstag, 28. April 2015 23° 8

Top-Referee aus dem Entwicklungsland

Eine Futsal-Nationalmannschaft hat Deutschland nicht, der Regensburger Stephan Kammerer aber pfeift auf höchstem Niveau.
Von Claus-Dieter wotruba, MZ

Der bislang letzte internationale Einsatz: Stephan Kammerer schüttelt bei der Futsal-EM in Kroatien einem Balljungen die Hand, sein finnischer Schiedsrichter-Kollege Timo Onatsu, der rumänische Kapitän Robert Lupu (l.) und der tschechische Kapitän Iuliu Safar schauen zu. Foto: SPORTSFILE

REGENSBURG. Das wäre eine ideale Millionenfrage für Günter Jauch: Was haben Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, die Färöer Inseln, Schweden und Österreich gemeinsam? Wir machen keine Werbepause, Sie müssen auch nicht anrufen, sondern wir verraten es sofort: Der Sechserpack gehört zu den Ländern, an denen Futsal bislang vorbeigeht. Wenige Deutsche haben also Ahnung über das Spitzenniveau dieser Form des Hallenfußballs, Stephan Kammerer schon. Der 43-Jährige ist Schiedsrichter, hat seit dem Frühjahr 2011 seinen Lebensmittelpunkt als Leiter der IHK-Akademie in Regensburg und gerade mit der Futsal-Europameisterschaft in Kroatien sein drittes Großturnier absolviert.

Deutschland ist Diaspora im Futsal, und als Stephan Kammerer 2004 dazukam, war es das noch viel mehr. „Ganz ehrlich? Ich habe das aus egoistischen Gründen gemacht“, sagt Kammerer. Der Badener hatte sieben Zweitliga-Jahre mit 62 Einsätzen auf dem Buckel, aber „die Potenzialaussage für die Bundesliga“ fehlte. Stattdessen wurde ihm bedeutet: „Kümmere dich um Futsal und die Lehrarbeit dort.“ Kammerer tat, wie ihm geheißen, wirkte noch bis 2008 als Assistent an der Seitenlinie im höherklassigen Fußball („zum Beispiel bei Frau Steinhaus“) und hat inzwischen 45 internationale Spiele geleitet, das erste 2005.

Nebenbei wurde er ein Fan des Spiels, das die Deutschen weniger mögen als andere Nationen. Spanien zum Beispiel wurde in Kroatien zum vierten Mal hintereinander Europameister. „Wenn die ihren Torwart herausnehmen und der Gegner minutenlang nicht an den Ball kommt, ist das eine Schau“, sagt Kammerer.

Eishockey, Hand- und Basketball

Er beschreibt Futsal so: „Schnell, fair und spannend: Es ist eine Mischung aus Eishockey, Handball und Basketball: Vom Eishockey kommt der fliegende Torwart, vom Handball das Spielfeld und vom Basketball die kumulierten Fouls.“ Dazu passt eine der Ursprungserklärungen des Futsals, die sozialpädagogischer Natur ist: In den 1930er-Jahren hatte ein Sportlehrer in Uruguay Futsal kreiiert, um Schüler unterschiedlichen Alters besser miteinander spielen lassen zu können.

Der Blick auf die Zahlen von Stephan Kammerer aus seiner Zweitliga-Vergangenheit könnte zur These verleiten, er sei als Futsal-Referee von jeher prädestiniert gewesen. Drei Spielzeiten lang, zwischen 2000 und 2003, sprach Stephan Kammerer in 25 Partien nicht einen Platzverweis aus – das ist bemerkenswert! Da passt es nur ins Bild, wie er Futsal beschreibt. „Ich habe noch nicht eine schwere Verletzung erlebt“, sagt Kammerer.

Weil der wattierte Ball weniger springt, springt er weniger vom Fuß – ein Vorteil für „technisch weniger versierte Spieler“. Obendrein gäbe es „weniger gestreckte Füße“ – und auch die Zahl der Gesichts- und Kopfverletzungen geht gegen null. „Es gibt weniger Luftkämpfe.“ Körperkontakt ist zwar erlaubt, aber Foulspiel ist verpönt, weil es ab dem fünften Mannschaftsfoul „eine Art Strafstoß von der Zehnmetermarke gibt“. So weit die Expertise eines Unparteiischen, der beobachtet, dass „die Deutschen wahnsinnig zurückhaltend sind“, was Futsal betrifft. Es gibt nicht einmal eine Nationalmannschaft und erst seit 2010 eine Vorstufe davon, die sich All-Stars nennt und sich hart tut. „Futsal erfordert ein eigenes Stellungsspiel. Das muss sich von unten herauf entwickeln“, sagt Kammerer.

Auch der deutsche Anspruch ist ein Hemmschuh. „Wenn wir etwas machen, dann richtig“, sagt Kammerer und fragt. „Aber müssen wir überall unter den ersten Fünf sein?“ Dass Futsal dennoch auch hierzulande kommen wird, steht für Kammerer außerhalb jeden Zweifels. „In fünf Jahren spielen wir keinen Hallenfußball mehr – na ja, sagen wir in zehn.“

Dreigliedriges Berliner Ligensystem

In Bayern mahlen die Mühlen noch langsamer, auch wenn sich mit dem FC Regensburg als Produkt des Universitätssports der erste Futsal-Klub Bayerns in Regensburg gegründet hat. Von einem dreigliedrigen Ligensystem wie in Berlin ist man weit, weg weg. Je multikultureller die Umgebung, desto größer die Chance für Futsal. Siehe Berlins Meister: Der heißt – Croatia Berlin! Futsal erschließt für Kammerer die dringend erforderlichen neuen Zielgruppen. „Fußball ist die einzige Sportart, die flächendeckend in Deutschland angeboten wird“, sagt Kammerer und weist auf die demografischen Veränderungen hin. „In Mecklenburg-Vorpommern klappt das aber schon nicht mehr.“

Weil Futsal als Fünf-gegen-Fünf-Spiel solche Probleme lösen helfen kann, forciert der DFB seine Bemühungen. Seit 2006 gibt es den Futsal-Cup: Im April ist Stephan Kammerer beim Finalturnier im Einsatz. Noch davor pfeift er Ende März in den WM-Playoffs zusammen mit dem Thüringer Swen Eichler Norwegen gegen Italien. Dass Deutschland irgendwann im Futsal Spanien jagt, wird Stephan Kammerer als Schiedsrichter aber nicht mehr erleben. Er scheidet Ende 2013 aus Altersgründen aus.

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