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Samstagsinterview
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Bilanz

Prokop: Highlights und Schattenseiten

Der Leichtathletik-Chef tritt nach fast 17 Jahren ab. Der Regensburger Jurist wird im internationalen Sport präsent bleiben.
Von Heinz Gläser, MZ

Die angenehmen Seiten einer Funktionärslaufbahn: Clemens Prokop bei der WM 2017 in London an der Tower Bridge Fotos: dpa/Archiv

Regensburg.Herr Prokop, fast 17 Jahre standen Sie als Präsident an der Spitze des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Am kommenden Samstag beim Verbandstag in Darmstadt treten Sie ab. Warum?

17 Jahre sind eine verdammt lange Zeit, und ich bin selbst überrascht, wie schnell sie vergangen sind. Ich war ja schon seit 1993 als Rechtswart in Verband tätig. Es ist genau der richtige Zeitpunkt. Noch gibt es ein paar Menschen, die es ehrlich bedauern, dass ich diese Funktion nun abgebe. (lacht)

Hätten Sie damals, beim Verbandstag im März 2001 in Wunsiedel, gedacht, dass Sie vier vierjährige Perioden in diesem Amt bleiben werden?

Nein. Ich dachte an zwei Perioden, so wie es mein Vorgänger Helmut Digel gehandhabt hatte. Ich halte nichts davon, auf Lebenszeit Sportfunktionär zu sein. Ein Wechsel ist für beide Seiten enorm wichtig.

Inwiefern?

Er ist wichtig für den Funktionär selbst, weil ein solches Amt sein Leben unglaublich dominiert und seine Zeit regelrecht aufsaugt. Ich denke oft an den Spruch von Niki Lauda aus der Formel 1. Irgendwann stellt man fest, dass es Wichtigeres gibt, als im Kreis herumzufahren. Ich freue mich darauf, wieder mehr Freiheiten zu haben. Meine Leidenschaft fürs Orgelspiel ist eine Facette, ich werde auch andere Hobbys wieder intensiver betreiben und freundschaftliche Kontakte pflegen. Letztere wurden durch das Präsidentenamt im DLV auf eine harte Probe gestellt, weil man für seine Freunde ja kaum noch greifbar ist.

Und warum profitiert aus Ihrer Sicht der DLV vom personellen Wechsel?

Generell ist es für Organisationen wichtig, dass sie sich immer wieder personell erneuern. Sonst geht ein Stück weit die Dynamik verloren.

In welchem Zustand hinterlassen Sie dem designierten Nachfolger Jürgen Kessing (Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen/d. Red.) die deutsche Leichtathletik?

In einem ausgesprochen guten, denke ich. Die wirtschaftliche Situation ist mit Abstand die beste in der Verbandsgeschichte. Was den Leistungssport betrifft, hatten wir in den Jahren von 2003 bis etwa 2008 eine problematische Phase und einen großen Umbruch zu meistern. Dann ist es der deutschen Leichtathletik gelungen, in die absolute Weltspitze zurückzukehren. Darüber hinaus haben wir – nicht nur in einzelnen Disziplinen, sondern breit gestreut – Talente, die das Potenzial für die Weltklasse mitbringen. Und im sportpolitischen Bereich hat der DLV unter meiner Führung sehr starke Akzente gesetzt. Insbesondere beim Thema Doping-Bekämpfung ist der DLV Meinungsführer im deutschen Sport.

Sie denken dabei sicherlich an das vor knapp zwei Jahren verabschiedete Anti-Doping-Gesetz, für das Sie jahrelang gekämpft hatten. Sehen Sie es als Krönung ihrer Funktionärslaufbahn?

Es ist zumindest ein zentraler Aspekt meiner Arbeit, der mich mit Freude und Stolz erfüllt. Es ist meines Erachtens in der Geschichte des deutschen Sports einmalig, dass gegen den erbitterten Widerstand der Dachorganisation (Deutscher Olympischer Sportbund/DOSB/d. Red.) eine solche Gesetzesinitiative eine Mehrheit im Parlament gefunden hat.

Zahlte sich dabei letztlich Ihre Hartnäckigkeit aus, mit der Sie für schärfere gesetzliche Regelungen eintraten?

Ich habe bereits 2006 zum ersten Mal gefordert, ein Anti-Doping-Gesetz zu erlassen. Und ich erinnere mich noch sehr gut an Versammlungen des DOSB, in denen DLV-Vertreter mit mir an der Spitze bei Abstimmungen sehr einsam dastanden. Wir haben uns nicht entmutigen lassen, sondern den Weg konsequent weiterverfolgt, bis wir eine Mehrheit im Bundestag davon überzeugen konnten. Ich bin weiterhin vom Sinn und der Notwendigkeit dieses Gesetzes absolut überzeugt.

Gab es Rückschläge? Was blieb auf der Strecke?

Die Diamond League muss als internationale Wettkampfserie mit momentan 14 Stationen dringend reformiert werden, um für alle – Athleten wie Zuschauer – den Wert dieser Veranstaltungen transparenter zu machen. Aber da liegt der Schlüssel in der Hand des Weltverbandes IAAF. Gott sei Dank wächst auch dort inzwischen der Wunsch nach Veränderungen. Zweitens ist es mir nicht gelungen, mit dem Istaf in Berlin auch wieder ein deutsches Meeting als Bestandteil dieser Serie zu etablieren. Auf der Ebene der IAAF dauern manche Prozesse eben etwas länger. Aber mein Nachfolger braucht ja auch noch etwas zu tun.

Was für eine Rede ist von Ihnen in Darmstadt zu erwarten? Ein donnerndes Vermächtnis oder ein leises Servus?

Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine großen Gedanken gemacht. Aber es ist nicht meine Aufgabe, Vorgaben für die Arbeit des Nachfolgers zu formulieren.

Wenn Sie ein Ereignis nennen sollen, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist, welches wäre das?

Sicherlich war die Weltmeisterschaft 2009 in Berlin ein absolutes Highlight meiner Amtszeit. Ein solches Großereignis nach Deutschland zu holen, ist ja kein Selbstläufer. Und die WM war ein riesiger Erfolg.

Darüber hinaus: Was bleibt?

Wenn man zurückblickt, bleiben vor allem unzählige Begegnungen mit Menschen in Erinnerung, weniger Themen organisatorischer Natur. Den damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier durfte ich als Kulturbotschafter Deutschlands auf mehreren Auslandsreisen begleiten. Ich denke auch an Einladungen bei den Bundeskanzlern Gerhard Schröder und Angela Merkel.

Herr Steinmeier hat kürzlich angekündigt, als Schirmherr bei der Leichtathletik-EM 2018 in Berlin zu fungieren.

Ja, das freut mich sehr und ist sicherlich auch unserem persönlichen Kontakt geschuldet. Ein Bundespräsident übernimmt normalerweise streng nach Protokoll nicht die Schirmherrschaft bei Europameisterschaften.

Gab es auch Begegnungen unangenehmer Art? In der Ära des senegalesischen IAAF-Präsidenten Lamine Diack waren, wie man heute weiß, Korruption und Vertuschung in der internationalen Leichtathletik an der Tagesordnung.

Ich habe sicherlich auch viele Schattenseiten des Sports kennengerlernt. Schattenseiten, die ich ehrlich gesagt so nicht für möglich gehalten hätte. Und ich bin froh, damit nicht mehr in Kontakt zu kommen.

Können Sie exemplarisch einzelne Vorkommnisse benennen?

Dass bei Wahlen zu Gremien im internationalen Sport goldene Uhren oder sonstige wertvolle Geschenke überreicht werden, hätte ich nicht für möglich gehalten. Damals liefen Dinge ab, die mein früheres Vorstellungsvermögen gesprengt haben. Diese Erfahrungen im Sport sind ernüchternd. Wobei ich anmerken will, dass sich in den vergangenen Jahren vieles zum Positiven verändert hat – gerade in der Leichtathletik. Die Diack-Ära war ein heilsamer und lehrreicher Schock.

Erst jüngst sind Sie mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit getreten, die Zulassung zu Olympischen Spielen neu zu regeln. Was fordern Sie konkret?

Die Qualifikation für Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften sollte nicht mehr lediglich mit der sportlichen Leistung verknüpft sein, sondern auch mit der Einbindung der Athleten in ein funktionierendes Anti-Doping-Netz und eine Mindestanzahl von Doping-Kontrollen. Im Dezember werde ich mich mit IAAF-Präsident Sebastian Coe in London treffen und dieses Thema erörtern. Er interessiert sich offenbar sehr für diesen Vorschlag.

Also werden wir vom „Ruheständler“ Prokop in der internationalen Sportpolitik weiterhin viel hören, oder?

Ich werde die für mich wichtigen Themen weiterhin verfolgen, unbelastet von einem Amt und von Verbandsstrukturen. Offensichtlich ist mein Rat unverändert gefragt. Im Dezember reise ich nach Indien, um die dortige Regierung beim Aufbau eines Anti-Doping-Systems zu beraten. Eine entsprechende Einladung liegt mir auch aus Weißrussland vor.

Herr Prokop, Ihre Rolle war stets die des unbequemen Mahners. Standen Sie sich in Ihrer Funktionärslaufbahn damit selbst im Weg, als es um die Vergabe von Spitzenpositionen ging?

Ich habe mir nicht nur Freunde gemacht, das ist richtig. Wenn man sich zu Themen wie Korruption und Doping entschieden äußert, wird es schwierig, bestimmte Ämter im internationalen Sport anzustreben. Aber ich war nicht von dem Ehrgeiz besessen, solche Funktionen auszuüben. Und als ich erfahren habe, was in der Ära Diack alles abgelaufen ist, war ich sogar froh, mich nicht als Amtsträger in der IAAF für solche Machenschaften rechtfertigen zu müssen.

Sie haben den Aufwand für Ihr Präsidentenamt skizziert. Ist es aus Ihrer Sicht noch zeitgemäß, solche Spitzenpositionen im Sport ehrenamtlich auszuüben?

Es gibt kaum noch Menschen, die im Berufsleben stehen und eine solche Aufgabe zeitlich wahrnehmen können. Und es ist ja fast skurril, dass der Chef einer Verwaltung mit rund 100 hauptamtlichen Mitarbeitern selbst ehrenamtlich tätig ist. Das passt nicht mehr zusammen. Spitzenämter sollten hauptberuflich ausgeübt werden, die ehrenamtliche Seite sollte sich auf die Kontrolle im Sinne eines Aufsichtsrats beschränken.

Sie haben in den vergangenen Jahren immer und immer wieder kritisiert, dass der moderne Sport ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Wie meinen Sie das?

Ich verfolge die Entwicklung des Sports grundsätzlich mit großer Sorge. Er wird immer mehr zur Unterhaltung – und Unterhaltung bedeutet auch Beliebigkeit. Aus meiner Sicht tritt der Sport zugunsten kommerzieller Interessen in den Hintergrund. Das kann irgendwann zu einer Selbstzerstörung führen. Die große Frage ist doch, ob sich der Sport nur noch als Teil einer Unterhaltungsindustrie oder weiterhin als Kulturgut versteht, dem es auch darum geht, Werte zu vermitteln, Ideale zu präsentieren und Vorbilder zu schaffen.

Steckt sich der bald ehemalige Sportfunktionär Prokop nun auch ehrgeizige sportliche Ziele?

Natürlich will ich wieder mehr für meine körperliche Fitness tun. Mein Plan war, heuer beim New-York-Marathon zu starten. Ein Zehenbruch hat das leider verhindert. Also versuche ich es nächstes Jahr wieder.

Herr Prokop, bleibt Ihnen ein Spruch aus Ihrer langen Amtszeit besonders in Erinnerung?

Als ich 2003 in Wunsiedel zum Präsidenten gewählt wurde, hielt der damalige Leichtathletik-Vizepräsident Theo Rous eine kurze Vorstellungsrede und beschrieb mich mit diesen Worten: „Clemens Prokop spielt in seiner Freizeit leidenschaftlich Orgel und ist damit prädestiniert für unseren Sport, weil er es gewohnt ist, mit Pfeifen umzugehen.“ (lacht)

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